Jubiläumsfeier der Ohel-Jacob-Synagoge I

DeutschIMG_2955Mittlerweile sind seit dem fünften Jubiläumsfeier unserer Synagoge zwei Monaten vorbei, aber der Tag bleibt von großer Bedeutung. Also bitte ich um Verzeihung, dass mit unserem Umzug und dem neuen Amt ich bisher kaum Zeit hatte, neues zu posten. Anbei meine Rede jenes 9. November-Feier, der in einem zweiten Post später heute mit einige Bilder und Presse-Artikel ergänzt wird.

Von der IKG-München-Webseite:

Der heutige Anlass steht im Zeichen der Zukunft.

Für uns soll der 9. November nicht mehr bloß an die blutigen Vergangenheit Deutschlands und Europas erinnern, sondern auch die neue Blüte, die hier und anderswo wächst: Die Blüte der florierenden Gemeinden, die aus dem Nichts, aus der Asche der Zerstörung wieder neu auflebten.

Ich zittiere die Profezeiung des Profeten Secharja (8:4-5): Es werden noch Greise und Greisinnen in den Straßen von Jerusalem sitzen, ein jeder mit seinem Stabe in seiner Hand vor Menge der Tage. Und die Straßen der Stadt werden voll sein von Knaben und Mädchen, die auf seinen Straßen spielen.

Wir haben nicht nur in der heutigen Zeit erleben dürfen, wie jüdische Greise und Greisinnen in den Straßen von Jerusalem gemütlich sitzen und jüdische Knaben und Mädchen dort spielen, sondern auch hier in München und in anderen Städten wo neue Blüten der jüdischen Gemeinden wieder erblühen. Damit spiegelt unsere Zeit eine andere Profezeiung Secharjas (18:19) wieder: Das Fasten des vierten und das Fasten des fünften und das Fasten des siebten und das Fasten des zehnten Monats – Trauertage für die Zerstörung des ersten und zweiten Tempels Jerusalems – wird dem Hause Juda zur Wonne und zur Freude und zu fröhlichen Festzeiten werden.

Unsere Synagoge ist kein Museum, kein Überbleibsel einer vergangenen glorreiche Zeit, sondern vielmehr ein Ort der lebt – ein Ort, an dem gelebt wird und der erlebt werden kann. Unsere Synagoge ist ein Treffpunkt, an dem wir zusammenkommen, um G”tt zu dienen, um uns zu besondere Angelegenheiten gemeinsam zu erfreuen und um die Gezeiten des Lebens zusammen zu erfahren.

Der Nachwuchs der jüdischen Gemeinschaft ist insofern in mehrfacher Hinsicht unser großes Glück. Dieses Glück bringt aber auch viel Verantwortung mit sich. Damit die Knaben und Mädchen auch dann noch dieser oder anderen jüdischen Gemeinden angehören, wenn sie Greise und Greisinnen sind, und damit sie es auch in der Zwischenzeit bleiben, muss diesen Kindern Motivation und Gründe vermittelt und bei ihnen Gefühle erzeugt werden, um ihr Interesse für das Judentum zu wecken und wach zu halten; und um ihre Beziehung zum jüdischen Volk im Laufe ihres ganzen Lebens wachsen zu lassen. Jüdische Erziehung spielt dabei eine bedeutende Rolle.

Jüdische Erziehung, “Chinuch,” ist deshalb in anderen Dimensionen zu messen als andere gangbare Erziehungsformen. Nicht bloßes Wissen, sondern umgesetztes Wissen soll vermittelt werden. Ebenso wie Fertigkeiten, die den jungen und älteren Schülern vermittelt werden, damit sie jüdisch funktionieren können, ist es auch unentbehrlich den jüdischen Schülern und Schülerinnen ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Geborgenheit und der Nähe zu der Synagoge zu vermitteln. Zu den essentiellen Fertigkeiten gehört die Fähigkeit, sich zu G”tt im Gebet zu wenden und seine Bedürfniße und Gefühle zu äußern. Und schließlich ist es wichtig, dass die Jugendliche das Gefühl entwickeln, dass ihre Freude genau in der Synagoge und gemeinsam mit der Gemeinde zur Entfaltung kommt.

Insofern stellt die Einweihung eines Sefer Torá heute ein deutliches Zeichen. Denn sie – die Torá – ist es, die den Chinuch animiert und mit Inhalte füllt.

Der heutige Anlass findet im Schatten der Reichspogromnacht statt. Aber wie lange ist dieser Schatten?

Selbstverständlich gedenken wir heute der Millionen ermordeter Opfer der Nazis und deren Helfern unter den zivilen Bevölkerungen und in den Behörden. Wie auch viele andere Juden dieser Gemeinde habe auch ich Verwandten, die im Krieg von der damaligen deutschen Mordmaschinerie umgebracht wurden. Sechs Geschwister meines Großvaters wurden mit ihren Familien ermordet. Mein Großvater, der nach Russland flüchten konnte, starb unter den furchtbaren Umständen, die das Leben der Flüchtlingen gefährdeten. Meine Großmutter wurde, mit ihrer ganzen Familie ermordet. Alleine mein Vater und seine Geschwister konnten sich retten, wuchsen aber dann ohne Eltern auf.

Jener Teil des Schattens ist sehr dunkel, erschütternd. Aber, der Schatten ist länger. Er wird nicht nur von der Reichspogromnacht und den folgenden sieben Jahren geworfen, sondern von zahlreichen, unzähligen Ereignissen, die insgesamt die Geschichte des europäischen Antisemitismus formen. Lange bevor es eine Reichspogromnacht, lange vor es eine Nazi-Partei gab, wurde der Weg zur schrecklichen Völkermord durch den andauernde Judenhass in all seinen Formen vorbereitet. Ein roter Faden zieht sich von der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem an Hand der Römer, entlang der Kreuzzüge, der Blutanklagen, der Anklagen der Brunnenvergiftigungen und der Pogrommen, die diese verleumderischen Aussagen verursachten, entlang der Inquisition, der Mordkampagnen des Bogdan Chmielnickis, bis hin zur Moderne.

Während dieser Zeit wurden sowohl Juden als auch das Judentum verachtet und unterdrückt. Als irgendwann für eine Weile der ethnische Judenhass nicht mehr salonfähig war, weil die Gesellschaft scheinbar aufgeklärt wurde, war aber die — manchmal explizite, manchmal implizite — Bedingung zur Akzeptanz und Emanzipierung, dass das Judentum weniger jüdisch, mehr assimiliert wird. Der Preis war hoch, sehr hoch, denn Integration wurde zwangsgemäß an Assimilation gekuppelt — mit desaströsen Folgen.

Dieses historisches übel wirft in unserer Zeit noch immer — wenn auch unabsichtlich — seinen Schatten. Wenn es unser Wunsch ist, das der 9. November nun im Licht der Zukunft erscheinen soll, dann ist es unsere Aufgabe, nicht lediglich die Vorkriegsgemeinden wieder aufzubauen, sondern den kontinuierlichen Schaden, der dem Judentum während eines ganzen Jahrtausends in Europa angetan wurde, zu überwinden. Und wenn die Zivillgesellschaft hier ein Zeichen stellen will, und dem Unrecht der Vergangenheit den Rücken kehren will, dann ist es angemessen, nicht zwölf Jahren der Unrecht alleine, sondern die Übel eines Jahrtausend umzukehren.

Leider fällt hier noch vieles zu tun. So ist zum Beispiel die Zahl der Stunden im vom Staat unterstützen Religionsunterricht viel zu klein, um umgesetztes Wissen vernünftig zu vermitteln, und es besteht dauernd die Gefahr, das Judaistik, also über das Judentum unterrichtet wird, anstatt Judentum selber zu vermitteln. Weiterhin sind jüdische Schulen in Deutschland, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, gesetzlich eingeschränkt. An dieser Stelle wäre mehr möglich.

Hier in München ist unser Ziel, allen jüdischen Kindern, sowohl diejenigen, deren Eltern Gemeindemitglieder sind, als auch jene, deren Eltern noch keine Mitglieder sind, eine intensive, begeisternde jüdische geistige Erziehung zukommen zu lassen, damit sie alle den Weg – mindestens ab und zu – in die Gemeinde und die Synagoge finden, und viele von ihnen sogar regelmäßig. Dann werden wir sehen, dass auch in unserer Zeit “Das Fasten des vierten und das Fasten des fünften und das Fasten des siebten und das Fasten des zehnten Monats” – unseren neunten November, richtig “dem Hause Juda zur Wonne und zur Freude und zu fröhlichen Festzeiten werden.”

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2 Responses to Jubiläumsfeier der Ohel-Jacob-Synagoge I

  1. Micha Berger says:

    Mazal tov on the hachnasas sefer Torah, and hatzlachah rabba on the chinuch drive!

    But tell me, is it a Google Translate quirk, or is Torah referred to in the plural in German? “Because they – the Torah – it is that animates the Chinuch and filled with content.”

    • Arie Folger says:

      Barukh tihyeh, Thank you!

      The plural you note is a combination of a quirk of the German language and a quirk of my transliterations. In German, the article for the feminine singular — like for Torah, which is feminine — is identical with the article for the plural of all three genders. Ordinarily, Google Translate would probably guess from the context what gender a word has and in what context it appears, to figure out whether to translate it as a singular or plural. But I bet that “Torá” is not in its dictionary, so it had to guess, and guessed incorrectly.

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