Welche Tora ist von welchem Sinai?

June 4, 2021
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Zu Schawuot feiern wir das Jubiläum der Offenbarung am Berg Sinai. Über die Tora sagen wir, dass sie von Sinai ist, aber welche Tora ist von welchem Sinai?

Im Film „The Chosen“ (Der Erwählte, 1981) erklärt Prof. David Malter, gespielt von Maximillian Schell, seinem Sohn Reuven, gespielt von Barry Miller, was der wesentliche Unterschied zwischen seinem Glauben und dem von Reb Saunders (Rod Steiger) ist: Reb Saunders glaubt, dass die Tora Wort für Wort von G“tt dem Mosche diktiert wurde, während er, Prof. Malter glaubt, dass G“tt Mosche inspirierte, die Tora zu schreiben. Wie so häufig in Hollywood, weicht der Film hier in wichtigen Details vom Original von Chaim Potok ab. Chaim Potok versuchte, einen Spagat innerhalb der Orthodoxie zu beschreiben (insbesondere, die Differenzen zwischen Mitnagdim und Chassidim) und zwei unerwartete Freunde diesen Spagat überbrücken zu lassen, während der Screenwriter Edwin Gordon weniger in den Feinheiten der innerorthodoxen Differenzen bewandert zu sein scheint und aus Prof. Malter einen Conservative, also Theologen der in den USA verbreiteten liberalen jüdischen Richtung macht.

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Alle sind Adlige

June 2, 2021
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Am Ende des Tora-Wochenabschnittes Schelach begegnen wir ein ganz vielen Juden bekanntes Kapitel: den dritten Abschnitt von Keriat Schma (zum Glaubensbekenntnis Schma Jissraël sprechen wir drei kurze Bibelabschnitte).

Dort heißt es : „Und der Ewige sprach zu Mosche und sagte: ‚Rede mit den Kindern Israel und sage ihnen, dass sie – während allen Geschlechtern – Zizit an den Ecken ihrer Kleider machen, und auf den Zizit an der Ecke einen blauen Schnur anbringen.‘“

Heute kennt kaum jemand diese Praxis; die Fäden an den Ecken der Talitot sind ganz weiß, weil bereits vor viele Jahrhunderten die Tradition, wie die besondere blaue Farbe für einen Teil der Fäden verloren ging, aber das Gesetz bleibt bis heute rechtskräftig.

Unter den Römern ging diese Praxis stark zurück, und nach der islamischen Eroberung verschwand sie komplett. Die Römer erlaubten nur der Adel, Stoffe dieser Farbe zu tragen; die Farbe war sehr teuer und durch das Verbot des Tragens dieser Farbe konnte der Adel sich solche Kleider günstiger beschaffen. Nach der islamischen Eroberung wurden gefärbte Kleider für eine Weile komplett tabu und ging die Industrie der Gewinnung dieser Farbe komplett unter.

Was soll dieser blaue Schnur bedeuten?

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Utopischer als die Propheten

October 29, 2020

Dieser Artikel erschien im Oktober 2020 in der Jüdischen Allgemeine.

Austrian-German_Swiss_flags-tinyIn seiner neusten Enzyklika «Fratelli tutti» (Alle Brüder) forder Papst Franziskus eine radikale wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Wende. Franziskus beklagt „eine Zersplitterung“ der Gesellschaft, die zum Beispiel in der jetzt tobenden Pandemie „die Unfähigkeit hinsichtlich eines gemeinsamen Handelns zum Vorschein“ bringt (§7) Er beklagt aber auch „unzeitgemäße Konflikte“, „verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive Nationalismen… mit neuen Formen des Egoismus und des Verlusts des Sozialempfindens“ (§11), ein „Desinteresse für das Allgemeinwohl“ das „von der globalen Wirtschaft instrumentalisiert“ wird, „welche die Einzelinteressen bevorzugt und die gemeinschaftliche Dimension der Existenz schwächt“ (§12).

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Warum wir ins ägyptische Exil gingen

April 7, 2020

Austrian-German_Swiss_flags-tinyaudio-input-microphoneZum Pessach-Seder feiern wir unsere Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Diese Befreiung prägt uns gewaldig. Kaum ein anderes Thema wir so häufig im Pentateuch betont. Der Autor vom Sefer haChinuch erklärt die zahlreiche Mizwot, die mit der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten begründet werden damit, dass mit unserer Befreiung durch G”tt unsere Beziehung mit IHM eine radikal andere Dimension entwickelt hat; erst nchher beauftragte ER uns, die Tora zu erfüllen.

Die Frage die dabei aber nicht gestellt oder wenigstens noch nicht beantwortet wird, ist wieso wir überhaupt den ägyptischen Exil erleben müssten Anbei ein Audio-Schiur, in dem ich auf dieser Frage Bezig nehme. Der Schiur wurde in der ZPC-Schule aufgenommen. Read the rest of this entry »


Ein geheimnisvoller Fasttag in Tewet

January 5, 2020

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Rekonstruktion des Inneren des Heiligtums im 1. Tempel Jerusalems – © Temple Institute

Austrian-German_Swiss_flags-tinyFür alles braucht man Glück, auch die Torarollen im Toraschrein brauchen Glück, lautet ein bekannter jüdischer Spruch aus dem Buch Sohar (Nasso 134). So ist es auch mit den heiligen jüdischen Tagen – manche sind bekannter, während andere weniger Popularität genießen. Zu den letzteren gehört der kürzeste Fasttag des Jahres, der 10. Tewet, der diesmal auf Dienstag, den 7. Januar 2020 fällt.

Weniger populär heißt aber nicht weniger bedeutend, und hinter diesem Fasttag verstecken sich einige erstaunliche Geschichten und profunde Deutungen.

Dies ist eine vollständigere Version eines Artikels, den ich in der Jüdischen Allgemeine veröffentlichte. Read the rest of this entry »


Berlin ist „zwischen Jerusalem und Rom“

January 1, 2020

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Austrian-German_Swiss_flags-tinyAus dem neuesten ORD-Magazin: Rabbiner Arie Folger aus Wien schloss sich am Sonntag 3. November Rabbinern der ORD in Berlin für eine Tagung mit katholischen Bischöfen an. Anbei ein Interview zu dieser Tagung und zur Bedeutung interreligiöser Begegnungen.

Herr Rabbiner Folger, Sie kommen soeben von einer interreligiösen Fachtagung der ORD mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz zurück. Finden Sie solche Begegnungen wichtig; wenn ja, wieso? Read the rest of this entry »


Gefahr für den Dialog?

January 1, 2020

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Synagoga auf der Fassade der Kathedrale in Metz

Austrian-German_Swiss_flags-tinyDas jüngste Traktat von Benedikt XVI. zu jüdisch-christlichen Fragen steht in der Kritik. Der Text ist stellenweise problematisch. Doch kann er nicht mit Maßstäben des interreligiösen Dialogs gemessen werden. [Erschien in der Jüdischen Allgemeine am 16.07.2018]

Als sich am 26. Oktober des vergangenen Jahres jüdische und katholische Vertreter im Wien versammelten, um die festliche Übergabe der deutschen Fassung der rabbinischen Deklaration »Zwischen Jerusalem und Rom« zu feiern, trocknete die Tinte der letzten Zeilen einer Schrift des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Diese erschien jetzt in der theologischen Zeitschrift »Communio« – und macht Schlagzeilen.

In der öffentlichen Diskussion heißt es, dass unsere Erklärung völlig ignoriert werde und der Text gegen den Geist der mittlerweile mehr als 50 Jahre alten katholischen Deklaration Nostra Aetate wirke, dem christlich-jüdischen Dialog erheblicher Schaden zugefügt und sogar am Fundament für neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage baue. Stimmt das? Read the rest of this entry »


Kinder für die Umwelt

December 18, 2019

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Austrian-German_Swiss_flags-tinyMiley Cyrus will keine Kinder bekommen: »So lange ich nicht weiß, dass meine Kinder auf einer Erde leben können, in der Fische in den Wässern schwimmen, setze ich niemanden in die Welt, der damit kämpfen muss«, enthüllte die Sängerin und Schauspielerin vor Kurzem.1 Noch extremer äußert sich die Buchautorin Verena Braunschweiger: Kinder seien „das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann“.2 Diesen Promis gingen weniger bekannte Aktivistinnen voran, wie etwa die Amerikanerin Katie Rose Levin.3

Doch ist dies aus ethischer Sicht die richtige Entscheidung? Read the rest of this entry »


Simchat Tora – Das Fest, das spät (aber nicht zu spät) zur Feier kam

October 23, 2019

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Simchat Tora in Tel Aviv, 2008 – Wikimedia Commons

Austrian-German_Swiss_flags-tiny[Folgender Text ist eine etwas längere, vollständigere Version eines Artikels meiner Wenigkeit, der in der Jüdischen Allgemeine erschien.]

„Ja, ich habe gehört, dass es noch einen Feiertag gibt, aber selbst kann ich nicht frei nehmen, da ich bereits für die Hohen Feiertage frei genommen habe«, erwiderte mein jüdischer (aber leider jüdisch nicht besonders versierter) Professor, als er zustimmte, dass ich eine für Sukkot vorgesehene Prüfung einige Tage früher ablegen kann.

In der Tat ist der jüdische Kalender im Monat Tischri stark mit Feiertagen besetzt. Auf Rosch Haschana, Jom Kippur und Sukkot folgen die Feiertage Schemini Azeret am 22. und das große Finale, also Simchat Tora – das Torafreudenfest am 23. Tischri. Jährlich stellen viele Juden unter Beweis, dass jüdische Feiertage heilig und unverhandelbar sind, wenn sie im Tischri mehrere Tage arbeitsfrei nehmen.

Und trotz der von Rosch Haschana, Jom Kippur (wegen der festlichen Mahlzeit vor dem Fasttag und des unvermeidlichen Esswettbewerbs unmittelbar danach) und Sukkot zu eng gewordenen Hosen werden sie sich zu den zwei letzten Feiertagen wieder jeweils nach dem G’ttesdienst an die Festtafel setzen. Da wundert es, dass der fakultative Brauch, zwischen Sukkot und Pessach jeweils am Montag und Donnerstag zu fasten, nicht populärer ist. Immerhin muss ja für die Krapfen und Latkes von Chanukka Platz geschaffen werden. Read the rest of this entry »


Frauen im Judentum

October 10, 2019

Das jüdische Echo - Vol68 Cover

Austrian-German_Swiss_flags-tinyEva ist gleich viel wert wie Adam, dessen Name ja „Mensch“ bedeutet. Ein jüdischer Ausblick

[Erschien im Jüdischen Echo Band 68 – Erfahren Sie hier mehr zu diesem Band, einschließlich, wo es zu beziehen.]

Und Gott schuf den Menschen in Seinem Ebenbilde, im Ebenbilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie. (Genesis 1:27)

Da sprach der Mensch: Das ist nun einmal Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch! Die soll Männin heißen; denn sie ist dem Mann entnommen! Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und hänge seiner Frau an, dass sie zu einem Fleische werden. (ebd. 2:23-24)

Der Status der Frau im Judentum und in anderen traditionellen Konfessionen ist umstritten. Religionskritiker betonen gerne Ausdrücke und Sprüche, die belegen sollen, dass zu der einen oder anderen Konfession primitive Auffassungen bezüglich Frauen gehören, und deshalb moderne Menschen sich nicht nach Religionen ausrichten sollen, während Anhänger der jeweiligen Religionen ihre Quellen gerne so auslegen, dass sie auch in modernen Ohren relevant bleiben, ohne allerdings wichtigen Lehren dieser oder jener Konfession zu widersprechen. Beide Arten von Auslegungen wurden auch bezüglich des Judentums angeboten.

Ob ein Leser nun eher die kritischen oder die apologetischen Argumente akzeptiert, ist häufig nicht eine Folge der Stärke der Argumente, sondern eher die Folge der eigenen bereits bestehenden Neigungen. Intelligente, weltoffene Leser lernen aber, diese eigene prä-existierenden Neigungen zu überwinden. In diesem Geiste schlage ich den Lesern des Jüdischen Echos vor, uns mit einigen traditionellen jüdischen Quellen und Denkern auseinanderzusetzen. Read the rest of this entry »