Kinder für die Umwelt

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Austrian-German_Swiss_flags-tinyMiley Cyrus will keine Kinder bekommen: »So lange ich nicht weiß, dass meine Kinder auf einer Erde leben können, in der Fische in den Wässern schwimmen, setze ich niemanden in die Welt, der damit kämpfen muss«, enthüllte die Sängerin und Schauspielerin vor Kurzem.1 Noch extremer äußert sich die Buchautorin Verena Braunschweiger: Kinder seien „das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann“.2 Diesen Promis gingen weniger bekannte Aktivistinnen voran, wie etwa die Amerikanerin Katie Rose Levin.3

Doch ist dies aus ethischer Sicht die richtige Entscheidung? Die Tora gebietet, Kinder zu zeugen. Zwar finden wir im Talmud eine Meinung, nach der diese Pflicht nur Juden obliege (Sanhedrin 59b), nach einer anderen talmudischen Ansicht gilt das Gebot dennoch für die gesamte Menschheit (Chullin 92a) – was ziemlich überzeugend ist, weil das Gebot Adam und Eva gegeben (1. B.M. 1:28) und gegenüber Noach wiederholt wurde (ebd. 9:1, 7), als es noch kein jüdisches Volk gab.4

Allerdings haben unsere frühen Quellen bereits anerkannt, dass es Notsituationen gibt. So schreibt der Bibelkommentar Raschi (1. B.M. 41:50), die Tora betone deshalb, dass Josef seine Kinder bekam, bevor eine von ihm vorhergesagte Hungersnot anbrach, weil sich Menschen während Hungersnöten – und vermutlich auch in Kriegszeiten – weitgehend des Geschlechtsverkehrs enthalten sollen, damit in solch schwierigen Zeiten, wenn es ohnehin nicht leicht fällt, die bereits Geborenen zu ernähren, die Nahrung nicht noch knapper wird und die Säuglinge nicht in Umstände hineingeboren werden, in denen ihr Überleben wesentlich gefährdet ist. Diese Auffassung stößt allerdings nicht auf eindeutigem Konsens.5

Wäre der Raum für uns Menschen so knapp und fehlte die Nahrung, dann wäre eine Politik der Bevölkerungsschrumpfung halachisch denkbar. Allerdings ist die Sache nicht so eindeutig. Der Ökonom Thomas Malthus (1766–1834) erfand den Begriff der Tragfähigkeit der Erde. So sollte es eine bestimmte Zahl an Menschen geben, die die Erde ernähren und am Leben erhalten kann. Malthus glaubte, dass die Tragfähigkeit der Welt in seiner Zeit, also ca. 1800, bereits erreicht wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zählte die Welt etwa eine Milliarde Menschen. Mittlerweile leben 7,3 Milliarden Menschen auf der Erde, und es gibt weniger Unterernährung als je zuvor. Und seit Malthus streiten sich die Geister, wie groß die Tragfähigkeit der Erde ist.

Umweltaktivisten erwähnen gerne eine höchste Zahl von zehn bis elf Milliarden Menschen, die in Zukunft auf der Welt leben können. Mit der rapiden Zuwachs der ohnehin jungen Bevölkerung Afrikas werden wir diese Zahl schnell erreichen. Aber ist die Tragfähigkeit der Erde tatsächlich so knapp?6

Eigentlich ist es trügerisch, von einer maximalen Bevölkerungszahl zu sprechen, denn nicht jede Bevölkerung belastet die Umwelt gleichermaßen. So verbrauchen westliche Konsumenten mit ihren zahlreichen und großen Autos, großen Wohnungen, teuren und verschwenderischen Ferien in der Ferne, zahlreichen elektronischen Gadgets, allzu reichhaltiger Nahrung (insbesondere zu viel Fleisch und zu viel vegane »Superfoods« wie Avocados, die sehr viel Wasser verbrauchen) und verschwenderischer, stets wechselnden Mode wesentlich mehr Ressourcen als durchschnittliche Indier. So verbrauchen Amerikaner 9x so viel Ressourcen als Indier. Australier sind ein Wenig sparsamer, verbrauchen immerhin fast 7x so viel Ressourcen als Indier.7 Europäer, die im Himalaya oder Thailand zelten gehen, verbrauchen wesentlich mehr Ressourcen, als wenn die Familie stattdessen eine kulturelle Reise in einer naheliegenden Hauptstadt verbracht hätte oder mit dem Dieselauto in die nähere Umgebung gefahren wäre, um dort wandern zu gehen. Noch besser wäre es natürlich, mit Rad und Zug in den Urlaub zu fahren.

Sollte die ganze Menschheit große Autos und starke Klimaanlagen wie die Amerikaner verwenden, könnte die Welt möglicherweise nur etwa zwei Milliarden Menschen ernähren. Wenn wir aber wesentlich sparsamer leben, dann könnte die Welt sehr viel mehr Menschen aushalten. Wissenschaftliche Schätzungen gehen in dieser Hinsicht weit auseinander. Vorgeschlagen wird eine Tragfähigkeit von bis zu 1000 Milliarden Menschen. Unser Konsummuster ist dabei ausschlaggebender als wie viele Menschen auf Erden leben.

Es ist auch aus einem zusätzlichen Grund unvernünftig, über einer globalen Überbevölkerung zu sprechen, da diese Überbevölkerung und die damit zusammenhängende Knappheit an Ressourcen nicht gleichmäßig verteilt ist.

In Afrika nimmt die Bevölkerung rasant zu; in Japan schrumpft sie, und ohne Migration würde sie in vielen Ländern Europas ebenfalls schrumpfen. Vernünftig wäre also eine Politik, die an die lokalen Gegebenheiten angepasst ist. In China ist die Bevölkerung stabil, und die Regierung hat die Ein-Kind-Politik aufgegeben. In Indien wächst die Bevölkerung und Afrika steht vor den größten Herausforderungen, während wir in Europa zu wenig Kinder bekommen, um unsere Gesellschaft mit ihrer Wirtschaft und ihrem sozialen Sicherheitsnetz aufrechtzuerhalten.8

Bei uns Juden fällt insbesondere auf, dass die Weltbevölkerung zwischen 1939 und 2019 von 2,5 auf 7,3 Milliarden wuchs,9 es aber in 1939 weltweit ca. 18 Millionen Juden gab, während wir heute nur noch unter 14 Millionen sind. Während die Weltbevölkerung sich in den letzten 80 Jahren verdreifacht hat, hat sich das jüdische Volk also noch längst nicht vom Holocaust erholt.

Zurück zu Weltuntergangsszenarien: Die 16-jährige Greta Thunberg hielt bei den Vereinten Nationen ihre mittlerweile vielzitierte Ansprache, in der sie Politiker beschuldigte, ihrer Generation die Träume gestohlen zu haben. Was sind aber diese Träume?

Greta ist um den Klimawandel und die damit zusammenhängenden Steigung des Meeresspiegel besorgt, aber hinter ihren Reden steckt auch eine philosophische und ethische Einstellung, die wir kritisch betrachten dürfen.

Die in manchen politischen Kreisen fortdauernde Leugnung der globalen Erwärmung ist nicht ernst zu nehmen; der Klimawandel ist wissenschaftlich wohl belegt. Inwieweit der Klimawandel von menschlich produzierter Kohlensäure oder von steigenden Sonneaktivität verursacht wird, ist eigentlich unwichtig. Die Welt erwärmt sich und verursacht eine messbare Steigung des Meeresspiegel. Da ganz viele große Städte dicht bei einer Küste gelegen sind, bedroht der steigende Meeresspiegel langfristig unsere Wirtschaft und unsere Häuser. Dies ist mehr oder weniger unbestritten.

Doch um die Produktion von Kohlensäure derart massiv zu senken, dass wir das Klima kurzfristig stabilisieren können, müsste man die Weltwirtschaft drastisch umstrukturieren. Unsere Bemühungen des letzten Jahrhunderts, Armut zu bekämpfen, basiert auf einem Modell des fortdauernden wirtschaftlichen Wachstums. Ohne diesem Wachstum werden Entwicklungsländer es wesentlich schwerer haben, sich zu entwickeln und ihrer Bevölkerung bessere Chancen zu geben. Doch dieses Wachstum beruht auf günstiger Energie, und diese günstige Energie und der damit verbundene Konsum verschmutzen die Umwelt. Sollte dieses System aber rapide eingeschränkt werden, dann wird es ganz viel Armut verursachen. Das dürfte auch der Grund sein, dass viele Menschen die Klimakrise leugnen. Es ist nicht, dass sie die wissenschaftliche Befunde überprüft und für falsch befunden haben, sondern, dass sie sich bewusst sind, dass ihre Existenz von einer zu harten Umweltpolitik gefährdet wird.

In den 1970er Jahren wurde das IBeRT-Gleichnis entwickelt, nach der der ökologische Impakt der Menschheit von drei Faktoren abhängig ist: Bevölkerung, Reichtum und Technologie (auf Englisch IPAT, für Impact = Population x Affluence x Technology). So verbrauchen mehr Leute zwar mehr Ressourcen, aber ist dieser Verbrauch sowohl vom erzielten Lebensstil, als auch von den Technologien abhängig, die uns ermöglichen, unser erzieltes Lebensstil mit mehr oder weniger Ressourcen zu erreichen. Eine goldene Mitte würde also vorschreiben, die Klimakrise ernst zu nehmen, aber gesellschaftliche Änderungen nicht plötzlich aufzuzwingen und die Wirtschaft nicht kaputt zu machen, sondern einerseits die größte Klimasünden einzuschränken, während aber Technologien gefördert werden, die uns erlauben werden, morgen weniger Ressourcen zu verschwenden.

Doch Greta Thunberg und anderen Klimaaktivisten reicht das nicht. Es »sucht eine neue Büßerbewegung das Heil im Rückzug auf ein selbstgenügsames, asketisches Leben. … Der „westliche Lebensstil“ gilt als Ursache allen ökologischen Übels – wir produzieren zu viel, konsumieren zu viel, reisen zu viel, verbrauchen zu viele Rohstoffe und Energie. Die Klimakatastrophe erfordert deshalb eine “Wende zum Weniger” – und zwar hier und jetzt«, schreibt der Grünen-Politiker Ralf Fücks.10 Auch meine Wenigkeit schlug eine messianische Vision einer Utopie vor, in der wir weniger konsumieren und mehr Genugtuung am Leben haben (Robotik, artifizielle Intelligenz und jüdische Utopie, Das jüdische Echo 2017/18). Hinter vielen Formen von Klimaaktivismus aber steckt ein pessimistischer Extremismus, der kritisch zu betrachten ist.

Katie Rose Levin, die wir am Anfang dieses Artikels zitierten, kam nicht etwa von selbst auf der Idee, dem Umweiltschutz zuliebe auf Kinder zu verzichten. Es gibt ein ganzes »Ökosystem« von Organisation, die eine Weltanschauung verbreiten, die Menschen und die menschliche Zivilisation entweder verachtet oder ihnen wenigstens gleichgültig gegenübersteht. So schreibt Levin: „dass ich daran glaube, dass alle Lebewesen ein glückliches, gesundes Leben leben sollten. Egal, ob du ein Baum, ein Tier, meine Familie oder ganz woanders auf der Welt bist.“11 Deshalb verzichtet sie auf der menschlichen Zukunft, damit der Baum in ihrem Garten glücklich sein wird.

Besonders öko-fundamentalistisch ist die Voluntary Human Extinction Movement, deren Gründer Roger Hallam den Holocaust unlängst als »nur einen weiteren Scheiß in der Geschichte« bezeichnet hat. Diese Bewegung propagiert, das freiwillige Aussterben der Menschheit sei die menschliche Alternative zu unmenschlichen Katastrophen.12

Wenn Miley Cyrus aus diesem Grund keine Kinder haben will, zeigt sie damit auch, dass ihr jegliche historische Perspektive fehlt. Die vormoderne Welt war eine harte Welt, in der Menschen früh starben, sich vor wesentlichen Krankheiten nicht schützen konnten und nur ein Bruchteil der Kinder das Ewachsenenealter erreichte.

Cyrus sagt »Wir bekommen ein Stück Dreck als Planeten gereicht, und ich weigere mich, diesen an meine Kinder weiterzugeben.« Doch dies ist lediglich eine Neugestaltung des Primitivismus, einer Weltanschaung, die während der Aufklärung entstand, den „Edlen Wilden“ bewunderte, von Künstlern und Philosophen gleichermaßen verherrlicht wurde und eben die menschliche Zivilisation verachtete.

Im Gegensatz zu solch schrecklichem Pessimismus bekennt sich das Judentum zu einem grundsätzlichen Optimismus. In der Schöpfungsgeschichte befiehlt G“tt dem Menschen (1.B.M. 1:28): „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan“. Die Welt „untertan“ zu machen heißt nicht, sie zu zerstören, denn der Mensch wurde ebenfalls beauftragt, den Garten Eden zu schützen, zu bewahren (ebd. 2:15). Für Rabbiner Joseph B. Soloveitchik bedeutet dies viel mehr, dass der Mensch die menschliche Gesellschaft fördern soll.13 Für Rabbiner Samson Raphael Hirsch wird hier auf der Zentralität der Familie hingewiesen, dem Grundbaustein der Gesellschaft.

Statt wegen der Umweltkrise auf Kinder zu verzichten, werden wir die Welt viel besser erhalten, wenn gerade wir, die die Umwelt respektieren, Familien gründen und unsere Kinder mit jüdischem Optimismus und mit der historischen jüdischen Aufgabenstellung erziehen, die auch den Schutz der Umwelt einschließt.

Diese unsere Kinder werden zum Licht der Nationen (Jesaja 49:6) werden können, die ein vorbildliches moralisches, ethisches und ökologisch nachhaltiges Leben führen. Wenn schon, braucht die Welt mehr solche Kinder, nicht weniger!

Dieser Artikel erschien in kürzerer Fassung in der Jüdischen Allgemeine.

4Siehe auch Rabbiner Benjamin Samuels, The Mitzvah of “Peru uRevu” – The Commandment of “Be Fruitful and Multiply” in Scriptural Sources and Religious Significance of the Mitzvah of Procreation, aus der Promotionsarbeit How Advances in Science Change Jewish Law and Ethics: Assisted Reproductive Technologies and the Redefinition of Parenthood, Boston University 2017, zum herunterladen auf https://www.academia.edu/36785935/HOW_ADVANCES_IN_SCIENCE_CHANGE_JEWISH_LAW_AND_ETHICS_ASSISTED_REPRODUCTIVE_TECHNOLOGIES_AND_THE_REDEFINITION_OF_PARENTHOOD

5Siehe zum Beispiel Rabbiner Meir Simcha ha-Kohen aus Dvinsk, Or Sameach 1.B.M. 9:6

12Ebd.

13Rabbiner Samson Raphael Hirsch sagt Ähnliches zu 1.B.M. 9:7

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