Was mir in Holocaust Museen fehlt

Deutsch320px-Krakow_Ghetto_06694Ich bin gerade mit einer Gruppe StudentInnen aus München und ganz Deutschland in Krakau. Ein Zeitzeuge, ein Überlebender des krakauer Ghetto, begleitet uns. Heute besuchten wir den alten jüdischen Viertel, den Ghetto und den Museum in der Oskar-Schindler-Fabrik. Selbstverständlich heben polnische Museen und Denkmale auch das Leid der polnischen Bevölkerung unter der Deutschen Besatzung hervor, ganz normal. Und mittlerweile tun sie längst nicht mehr verschweigen, dass die armseligsten Opfer die Juden waren, und polnische Juden wegen ihrer jüdischen Identität und nicht wegen ihrer Polnischen Staatsbürgerschaft ermordet wurden.

Doch fehlt mir etwas. Wie Zeitzeugen berichten, wie mein eigener Vater und zahlreiche andere Überlebdenden erzählten, waren viele Polen (und Ukrainer, und Ungaren, und Littauer, und Bürger vielen anderen Ländern, aber besonders Bürger zentral- und osteuropäischer Ländern)nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Als die Deutschen Juden vertrieben, haben viele Polen, in Krakau, Warschau und anderswo, mit Freude zugeschaut und gejubelt, geklatscht und Juden auf ihrem Weg verflucht. Leider habe ich bisher nicht gesehen, dass nebst der Unterdrückung der Juden und der nichtjüdischen Polen (und Ukrainer usw.), auch dieser bittere Kapitel aufgeführt und erläutert werden soll.

Holocaust Museen, scheut euch nicht vor der schwierigen historischen Wahrheit, die Missetaten der Opfer, die auch Täter waren, zu dokumentieren.

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8 Responses to Was mir in Holocaust Museen fehlt

  1. guest says:

    Zeitzeugen berichten, daß Juden andere Juden verraten haben. manche Juden haben ihre eigenen Eltern verraten.

    • Arie Folger says:

      Auch das soll dokumentiert werden, es gehört zum Verbrechen der Deutschen und Ihren Helfern. Haben Sie mal Auschwitz besucht? Oder andere Vernichtigungslager? Wenn Sie mal hautnah erleben, wie schrecklich das Ausmaß des Verbrechens war, wie gebildete Leute aus einem gebildeten Land alles getan haben, um die Menschlichkeit aus Menschen zu verteiten, und doch gelang es vielen KZ-Häftlingen ihre Menschlichkeit zu behalten.

      Nicht nur, soll was hier im Blog-Post und Kommentaren erwähnt wird, dokumentiert werden, sondern auch so weit möglich quantifiziert. Wie oft haben Polen und Ukrainer geklatscht und gejübelt und auf den Flüchtlingen geflucht, während Juden von ihren Häusern vertrieben wurden? Wie oft halfen polnische und ukrinische Widerstandskämpfer Juden und wie oft verweigerten sie jegliche Hilfe – beide Phenomenen existierten ja gleichzeitig.

      Ich habe mir gerade den Film Graue Zone angeschaut, lohnt sich. Ist eine künstliche Inszenierung des historischen Aufstand in Auschwitz, Oktober 1944, als Häftlinge wider einem sicheren Tod zwei Krematorien in Auschwitz sprengen ließen. Ein Krematorium wurde total zerstört. Ich kenne persönlich den Sohn einer der Frauen, die heldhaftig das Pulver aus einer Munitionsfabrik wo sie als Sklave zur Arbeit gezwungen wurden.

      Dieser Film erforscht eben Ihres Thema, denn die Hauptakteure des Aufstandes waren Mitglieder der Sogn. Sonderkommandos, Juden, die gezwungen wurden, in den Krematorien zu arbeiten.

  2. guest says:

    Ich habe Auschwitz nicht nur besucht, mein katholischer polnischer Großvater Jan Bewicz saß in Auschwitz. Und ich finde es erschreckend wie einfach es Ihnen fällt, Juden, Polen und Deutsche in einem Atemzug zu erwähnen. Denken sie daß die lachenden Polen wußten was mit abtransportierten Juden passiert ? Die Juden wußten es nichtmal selbst ! Und wissen Sie, was einem Polen und seiner gesamten Familie drohte, wenn er Juden half ? Wissen sie wie schwer es war für Polen zu überleben, geschweige denn anderen zB. Juden zu helfen ? Haben sie schon was von Hans Frank gehört ?

    Merken Sie sich bitte eines, In Polen lebten weit über 3.000.000 Menschen Jüdischen Glaubens, Millionen von ihnen waren halb Jüdisch und halb Polnisch.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Krystyna_Skarbek
    http://en.wikipedia.org/wiki/Jan_Kiepura

    Diese Juden haben sich mit Polen seit 1000 Jahren geliebt, gestritten, gehasst, gegenseitig gemordet, beklaut und Leben gerettet. Sie hassten und liebten sich wie typische Geschwister mit gleichem Charakter. Sowohl Juden als auch Polen sind melancholische Choleriker.

    Und nur weil Hitlerdeustchland ebenfalls anfing zu morden, zu hassen und zu klauen, heißt es noch lange nicht, daß man alles was in Polen geschah mit dem Holocaust in verbindung bringt. Wenn zwischen 1939-45 ein Pole oder ein Jude einen Juden oder Polen ausraubte dann war er ein DIEB aber KEIN Nazi und KEIN Teil der Holocaust-Maschinerie.

    • Arie Folger says:

      Fakt: Zahlreiche Polen haben Juden während des Krieges geholfen, sie versteckt, ernährt usw. Fakt ist, wie Sie sagen, dass es sehr gefährlich war, Juden zu helfen.

      Es gab sehr mutige Polen, wie z.B. Tadeusz Pankiewicz, der Inhaber der Adler-Apotheke, der sich weigerte, den krakauer Ghetto zu verlassen, als Juden dort hin gezwungen, und ihm, ein christlicher Pole, einen anderen Standort angeboten wurde, und der versuchte, zwischen der polnischen und jüdischen Wiederstand Kontakte zu knüpfen. Tatsächlich halfen zahlreiche polnische Widerstandskämpfer Juden. Aber …

      Doch waren längst nicht alle Wiederstandskämpfer bereit, Juden zu helfen und mit ihnen zu kämpfen. Fakt ist auch, dass viele Polen offentlich gejübelt haben, als Juden vertrieben wurden. So erzählte mir vor kurz einer Zeitzeuge, dass auf seinem Zwangsweg zu den Ghetto, Polen geklatscht haben, und die vertriebene Juden laut vervluchteten. Mein Vater erzählte mir ähnliche Geschichten von seiner Zeit in Polen, und das gleiche lässt sich auch von anderen Quellen bestätigen.

      Was ich bisher geschrieben habe, ist, was ich in Holocaustmuseen thematisiert sehen möchte.

      Aber, weil Sie mich doch anschreiben, möchte ich bemerken, dass Jedwabne das Werk von Polen war, und die zahlreiche andere Waldmorden, wie sie von dem katholischen Priester Patrick Desbois dokumentiert werden, nicht so heimlich ausgeführt wurden als die Vernichtigung in den Vernichtigungslagern, und waren oft nicht ausschließlich das Werk von Deutschen (die übrigens nicht nur Mitglieder der SS und der Gestapo waren), sondern eine Zusammenarbeit mit lokalen Antisemiten.

      Jedoch war mein Post nicht diesem letzten extremen Verbrechen gewidmet, sondern der ersten Art, dem Antisemismus den ich beschrieb, das der einfachen Menschen und der Wiederstandkämpfer, die sogar während des Krieges noch Zeit übrig hatten, um Juden aktiv oder passiv zu haßen.

    • Arie Folger says:

      Zu Ihrem zweiten Punkt, dass der Konflikt zwischen Polen und Juden als außerhalb der Holocaustgeschichte betrachtet werden muss, weil sie ein Jahrtausend miteinander schon gestritten hatten, würde ich antworten, dass es Zeiten gibt, die Menschen zur Besinnung zwingen sollten, mit wem und gegen wem sie lieber kämpfen. Sobald man sich dem Verbrecher anschließt, auch sogar aus eigenen Gründen, hat man sich dem Verbrechen angeschloßen.

      Zuletzt wundere ich mir, warum Sie Menschen so sterotypisch färben wollen, dass Sie schreiben “Sowohl Juden als auch Polen sind melancholische Choleriker”. Antisemitismus ist die Krankheit des Antisemiten und nicht andersum, und Europa war während ein knappes Jahrtausend sehr antisemitisch geprägt, also sehr tief erkrankt, sicher von vor den Kreuzzügen bis nach dem Krieg. Was das mit möglichen “choleriken” Juden zu tun haben soll kann ich mir nicht vorstellen, sei es denn Sie würden versuchen, den Opfern die Schuld geben wollen.

      • guest says:

        Aber Sie müssen doch bitteschön Antisemitismus vom deutschen (industriellen, politisch gewollten und vom deutschen Volk in freien Wahlen legitimierten) Holocaust trennen.

        Jeder holocaust befürwortende Nazi war ein Antisemit, aber nicht jeder Antisemit war, und ist ein holocaust befürwortender Nazi. Es gibt Antisemiten (Roman Dmowski Anhänger), die im Krieg Juden das leben retteten.

        Und dieser Satz ist völlig in Ordnung

        “Sobald man sich dem Verbrecher anschließt, auch sogar aus eigenen Gründen, hat man sich dem Verbrechen angeschloßen.”

        aber da empfehle ich Ihnen einfach sehr genau hinzuschauen und sehr genau zu trennen, wann man sich dem “Verbrecher angeschlossen hatte” und wann nicht. Wenn heute ein Jude in Manhattan oder Tel Aviv ausgeraubt und erschossen, wird, dann hat sich der Täter nämlich noch lange nicht Osama Bin Laden oder gar Hitler angeschlossen.

  3. Brigitte Storm says:

    Ich bin erst jetzt auf Ihren Blog aufmerksam geworden, nachdem ich gelesen habe, dass Sie in Zukunft Oberrabbiner der österreichischen jüdischen Gemeinde sind.
    Das, was Sie in den Holocaust Museen vermissen, kann ich verstehen. Mir selber ist diese Tatsache, dass Opfer auch Täter waren, durch das Buch “…trotzdem Ja zum Leben sagen” von Viktor Frankl klar geworden. Es ist nicht alles Schwarz oder Weiß. Genauso, wie es unter den Menschen auf der Flucht, die sich zurzeit in unserem Land befinden, genauso gute und weniger gute Menschen gibt. Menschen sind eben so! Alles Gute für Ihr neues Amt!

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