Ein Plädoyer für die einfachen Gebete

Schma Jissrael – ein Plädoyer für die einfachen Gebete1

Deutsch539px-Knesset_Menorah_Shema_InscriptionSoeben fing unser neues Jahr 5774 an, aber es gibt kein Feuerwerk, kein Jubel, keine Leichtsinnigkeit. Na gut, Neujahr ist bei uns eine ernste Sache, aber im Gegenteil zu Jom Kippur gibt es heute auch keine besondere Gebete, es wird fast das normale Ma’ariw gebetet, das uns von Freitagabend und sogar Wochentagsabend bekannt ist. Anders als morgen hören wir jetzt kein Schofarschall, und es gibt auch keine andere bombastische Zeremonie.

Wird das neue Jahr etwa bescheiden eingeführt?

Jede Münze hat zwei Seiten. Die einen werden behaupten, wir Juden wissen nicht, wie zu feiern. Jene waren noch nicht bei einer jüdischen Hochzeit, aber ich schweife ab. Andere werden aber einsehen, dass wir das neue Jahr nicht missachten, sondern das ganz normale Leben mit seinen Formen und Ausdrücke, ja auch seine ganz normale Rituale und Gebete, einfach hoch schätzen.

Gestatten Sie bitte, das an Hand eines Beispiels zu erläutern. Wenn wir eine fremde Stadt oder einen fremden Ort besuchen, dann wollen wir die Highlights sehen, den Eiffelturm und den Louvre in Paris, Tower of London, Big Ben und Buckingham Palace in London, Empire State Building, Central Park und Metropolitan Museum of Art in New York, den Fernsehturm und Kurfürstendamm in Berlin. Touristen, die München besuchen schauen sich das Glockenspiel am Marienplatz, das Schloß Nymphenburg, den Englischen Garten und unser Gemeindezentrum an.

Die gleiche Tatsache drückt sich auch in unserer Einstellung zum Gebet aus, wir suchen immer das neue, das besondere. So betonen wir am Freitagband den Lecha Dodi und am Schabbatmorgen das Mussafgebet, die an Wochentagen nicht gesprochen wurden. An Jomtow interessieren wir uns besonders am Hallel, an Rosch ha-Schana am Schofar und das besondere Mussafgebet, während dem wir uns einmal sogar alle zum Boden werfen, und an Jom Kippur an Kol Nidrej und Ne’ila.

Damit sind wir wie Touristen, die München in 24 Stunden „crashen“ wollen. Wir wollen die Highlights des Gebetbuchs und sind damit wie Touristen, Gebetstouristen, parallel dem üblichen Tourist, der München überfliegt: fünfzehn Minuten am Marienplatz, für das Glockespiel, womöglich im alten Rathaussaal wegen seiner NS-Geschichte reinschauen, eine Führung ins jüdische Zentrum und Museum, mit Kaffee im Einstein oder im nichtkoscheren Museumskaffee, ein Besuch in einem Biergarten, eine Stunde im Nymphenburger Schloss und ein etwas längeren Besuch in der Pinakothek (eine der zwei reicht, denn so viel Zeit hat unser Tourist nicht). Zur Abenddämmernug im Englischen Garten, Ausgang in ein bekanntes Lokal, zurück ins Hotel und unser Tourist hat die Übersicht von München. Aber hat er eine Ahnung, wie man hier lebt, wie das Herz der Stadt und ihrer Einwohner schlägt?

So auch mit den Gebeten. Die Halacha behauptet sinnvoll: תָּדִיר וְאֵינוֹ תָּדִיר תָּדִיר קוֹדֶם, wenn wir ein Pensum mit sowohl regelmäßig wiederkehrenden Gebeten, als auch für den besonderen Tag ausgewählten Gebeten haben, dann sprechen wir die normale Gebete zuerst, weil sie wichtiger sind. Um mal zurückzugreifen auf den Tourismusmetapher: der Blick auf den Grand Canyon im Nevada, vom Jungfraujoch in der Schweiz und vom Eiffelturm in Paris sind atemberaubend, aber ohne dauernd atmen zu können, werden wir jene atemberäubende Orte auch nicht erblicken. Oder in Punkto Gebet: Schofar, Mussaf und Hallel sind sinnvoller nach Schma Jissrael und die Amida von Schacharis, Ne’ila am sinnvollsten nach Mincha, und obwohl Kol Nidrej ausnahmsweise vor Ma’ariw kommt, ist es am sinnvollsten wenn es sowohl nach Mincha kommt als auch wenn er von Schma Jissrael und Ma’ariw gefolgt wird.

Vielleicht ist das Gebet am Vorabend von Rosch ha-Schana also genau deshalb so einfach, damit wir die ganz einfachen, regulären Dingen des Alltags feiern. Dies möchte ich an Hande eines Gebetes illustrieren, das Schma Jissraël.

Das Schma Jissraël ist unser Glaubensbekenntnis, aber auch der Kern unserer Identität. Die letzten zwei Worte des Kernsatzes werden am besten verstanden: Der Ewiger ist einzig. Seit Jahrtausende verkünden wir Juden, dass es nur einen G“tt gibt, der darauf besteht, dass wir uns ethisch, moralisch und mit G“ttbewusstsein benehmen. Er ist die einzige wahre Existenz, alles, dass besteht, wurde von Ihm erschaffen und existiert weiter weil Er es so will.

Die mittleren Worten, der Ewiger ist unser G“tt-Allmächtiger, lassen sich wie folgt erklären: Die Taten G“ttes sind zahlreich und vielfältig. Manchmal ist das g“ttliche Erbarmen, Seine Gnade zu spüren, aber an anderen Zeiten tritt Er als strenger Richter auf. Diese unterschiedliche Qualitäten kommen mit den unterschiedlichen Namen G“ttes zum Ausdruck. Es gibt aber Menschen, die behaupten möchten, diese zwei unterschiedliche Rollen können nicht vom gleichen Ursprung stammen, daher müsste es zwei eigenständige Mächte geben. Das Licht und die Finsternis von Zarathustra, der Obergott und der Schöpfer der Gnostiker, oder Gott und Satan einer im Westen eher weit verbreiteten Religion. Dazu verkünden wir Haschem Elokejnu, der Ewiger ist der G“tt-Allmächtiger, alles kommt von ihm, es gibt nur eine einzige Macht.

Die ersten Worte berühren den Kern unserer Identität, Schma Jissrael, höre Israel, denn G“tt spricht jede und jeden von uns persönlich an und hört unsere persönliche Gebete unser persönliches Flehen an Ihn an.

Während des Krieges versuchten manche Eltern ihre Kinder in katholische Waisenhäuser und bei christlichen Familien in Obhut zu geben, in der Hoffnung, dass die Kinder so überleben werden, und wer weißt, vielleicht werden sie sich einst sogar wieder mit ihren Eltern vereinigen können. Viele diese Eltern kamen nie zurück, und den Überlebenden drohte ein Leben in Unwissenheit ihrer jüdischen Vergangenheit. Das einzige, was sie noch hatten, wollten ausgerechnet ihre Retter von ihnen wegnehmen: ihre Identität.

In der Nachkriegszeit versuchten einigen Aktivisten, um jene jüdische Kinder zu finden, und sie wieder in eine jüdische Familie aufzunehmen, aber der Befehl der katholischen Kirche, ob in Polen oder Frankreich oder anderswo, war eindeutig: sie wollten ein Kind, das getauft wurde, auch wenn es ohne Erlaubnis der Eltern getauft wurde, unter keinen Umständen zum jüdischen Leben zurückkehren lassen. Entsprechend verneinten viele Waisenhäuser, dass es bei ihnen überhaupt jüdische Kinder gab.

Ein Rabbiner wollte nicht aufgeben. Manche erzählen, es war Rabbi Josef Kahaneman von Poniewicz, der später viele Institutionen in Israel aufbaute, anderen behaupten es war Rabbi Elieser Silver aus den Vereinigten Staaten. Er besuchte ein Waisenhaus nach dem andern und bekam immer die gleiche Antwort: Bei uns gibt es keine Juden. Doch fragte er, dürfte er die Kinder für fünf Minuten sprechen, das würde reichen. Überzeugt, dass der Rabbiner in fünf Minuten nichts herausfinden kann, bekam er oft die Erlaubnis. Mit kaum einigen Minuten von dutzenden Kindern konnte der Rabbiner die Kinder nicht einzeln befragen, aber forderte sie auf, einen Satz zu Ende zu sprechen. So sprach er die ersten vier Worte des Schma Jissrael, und wartete. Immer wieder gab es ein Kind, das plötzlich Haschem Echad sagte und den Satz damit vervollständigte. Das Kind hatte längst von seinem Judentum vergessen, aber die Worte, mit welchen seine Mutter ihn nächtlich zum Schlafen hinlegte, waren in seinem Gehirn eingebrannt, so tief in seinem Bewusstsein eingewurzelt, wie seine Glieder in seinem Körper.

Das ist Schma Jissrael. Die Worte, die betonen, dass G“tt uns, jeden und jede von uns einzeln und zusammen anspricht.

Und nun, liebe Freunde, ist es sinnvoll, morgen Schofar zwar zu hören, dafür aber so spät zu kommen, das das Schma Jissrael bereits vergessen wurde? Kann Kol Nidrej an Bedeutung gewinnen, wenn ein großes schwarzes Loch entsteht, wo wir Ma’ariw sprechen sollten, kann Jom Kippur erfolgreich abgeschlossen werden, wenn wir das unmittelbar auf dem Schofarblasen folgendes Ma’ariwgebet auslassen?

Heute Abend sprechen wir eigentlich nur gewöhnliche Gebete, denn ohne zu atmen können wir keine atemberaubenden Orte besuchen. Und Schma Jissrael und Amida, die sind unser Atem.

לשנה טובה תכתבו ותחתמו

1Predigt von Rabbiner Arie Folger in der Hauptsynagoge Ohel Jakob München an Erew Rosch ha-Schana 5774

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