Wir gedenken Rabbi Ovadia Yosef

DeutschHarav_Ovadia_YosefVor einem Jahr und einem Tag (nach dem jüdischen Kalender) verlor die jüdische Gemeinschaft einen großen Mann, halachische Entscheider, politische Führer, rabbinischer Richter, Gründer einer Bewegung, Befürworter serfardischer Stolz, Oberrabbiner Israels, Rabbi Ovadia Yosef. Anbei eine kurze Skizze, wie ich sie im Züge seines letzten Weges im ORD-Magazin veröffentlichte.

Viele Menschen träumen davon, ihre Spuren auf der Welt zu einzuprägen. In ihrem Bestreben nach Unsterblichkeit haben Herrscher und Despoten imposante Gräber, prachtvolle Paläste und uneinnehmbare Festungen gebaut. Während ihre Mittel mehr bescheiden sind, haben Künstler ebenfalls Wege gefunden, um ihre Spuren zu hinterlassen, ob in der Form tiefen Abhandlungen, rührenden Gedichte oder verblüffenden Gemälde. Philanthropen habe sie oft übertroffen, in dem sie ihre Spuren in den Herzen der Menschen einpflanzten, die von ihrer Großzügigkeit lange nach ihrem Tod erzählten. Aber selten ist die Person, die in diesen Bemühungen erfolgreich war, und noch seltener ist die, die ihre Marke in allen drei Bereichen hinterließ.

Auch Rabbiner träumen davon, positiv auf die Welt einzuwirken und einen Zeichen in ihr hinterzulassen. Einige versuchen das durch ihre außergewöhnliche Gelehrsamkeit, andere durch ihre außergewöhnliche Führung und Inspiration, aber auch hier ist selten derjenige, der sein persönliches Zeichen in diesen beiden Dimensionen hinterlässt.

Der am letzten 3. Marcheschwan (7. Oktober 2013) verstorbene Rabbiner Ovadia Yosef war all das und mehr.

Ovadia_Yosef_as_a_childRaw Ovadia Yosef wurde in Bagdad als Sohn von Ja’akow Ben Owadia und seiner Frau Gorgia geboren und wanderte in 1924, im Alter von vier Jahren zusammen mit seinen Eltern nach Jerusalem aus. Dort lernte später an der Porat Jossef Jeschiwa, unter Raw Esra Attia. Mit 20 Jahren erhielt er die Semicha, die rabbinische Ordination. 1947 wurde er nach Cairo berufen, um dort an der Ahawa we-Achwa Jeschiwa zu lehren. Gleichzeitig wurde er auch als Vorsitzender des rabbinischen Gerichtshofes (Aw Bejs Din) von Cairo einberufen. Nach Ablauf von drei Jahren kehrte er nach Israel zurück, wo er sich als vornahmer Dajan und aufsteigender Possek (Spitzenexperte in Halacha) entfaltete. 1973 wurde er zum Rischon le-Zion, sefardischen Oberrabbiner Israels, gewählt. Nach Ablauf seiner Amtszeit gründete er die Schas-Partei, um sefardische Juden in Israel besser zu vertreten.

Raw Ovadia war sowohl äußerst gelehrt, als auch dem Volk nahe. Einerseits erreichte er diesen begehrten aber seltsamen Erfolg, dass seine Bücher schnell zu den festen Bestandteilen jeder rabbinischen Buchsammlung wurde. So gelehrt, so informativ und so einschneidend waren seine Analysen, dass es zu Lebzeiten klar wurde, dass seine Bücher auch in hundert und zweihundert Jahre zu den rabbinischen Klassiker gehören werden, die man nicht ignorieren kann oder darf. Sein fotografisches Gedächtnis und große Erudition erlaubte ihn komprehensive Aufsätze zu schreiben, in denen die ganze Literatur mehreren Generationen erwähnt, analysiert und eingeordnet wurden. Anderseits bleib er nicht in einem Elfenbeinturm, sondern begeisterte gelehrte sowie einfache Leuten in seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten.

Seine Persönlichkeit und Bedeutung lässt sich vielleicht bestens mit einigen Anekdoten schildern.

Die Familie, in der Raw Ovadia aufwuchs, war nicht reich. Der Vater führte ein Lebensmittelgeschäft und brauchte immer Arbeiter, die er aber kaum bezahlen konnte. Als sein Sohn zwar noch ein Jungen, aber alt genug war, um im Geschäft mitzuhelfen, entschied sich der Vater den Jungen aus der Schule zu nehmen, damit er von nun an arbeiten soll. Am nächsten Tag kam der verehrte Rosch Jeschiwa (Dekan) Raw Esra Attia zu Besuch, um nach den Jungen zu fragen. Verlegen gab der Vater zu, dass er den Jungen nicht mehr in die Jeschiwa senden wird, da er nun im Laden arbeiten müsste. Vergeblich versuchte Raw Attia, den Vater zu überzeugen. Dass der Jungen viel Potential hatte, war dem Vater bewusst, aber doch konnte er sich die Abwesenheit seines Sohnes im Laden nicht leisten.

Am nächsten Morgen, als Herr Yosef im Laden kam, fand er seinen Sohn nicht. Dafür sah er plötzlich von hinten her einen anderen Arbeiter, den er gar nicht kannte und auch nicht angestellt hatte. Er nährte sich ihn an, und als der sich umdrehte staunte Herr Yosef, der plötzlich Raw Attias vor ihm in Arbeitskleider sah. „Raw, was tun Sie hier“, erkundigte sich der Ladeninhaber? Der erwiderte, dass er gekommen war, um Ovadia die Chance zu geben, weiter an der Jeschiwa zu lernen; sein Lernen war wichtiger als das des Rosch Jeschiwas. Obwohl Herr Josef sich nicht überzeugen lassen wollte, begriff er wohl, was das ganze bedeutete, und der Sohn kehrte in die Jeschiwa zurück.

Raw Ovadia wurde auch als mutiger Possek bekannt, der bereit war, Entscheidungen zu treffen, von denen andere sich scheuten. Es ist keine Kunst Mut zu haben, wenn man die Gefahre von Fehlentscheidungen schlecht begreift oder wenn man die Expertise nicht hat, zu beweisen, dass man Recht hat. Raw Ovadia aber wusste in seiner großen G“ttesfurcht, was die Gefahren von halachischen Fehlentscheidungen waren, besaß die nötige Expertise und hatte diese Mut. So wurde er besonders für sein Engagement für sgn. Agunot bekannt, dessen Ehemänner vermutlich aber schlecht beweisbar umgekommen waren. Die Beweislast in solchen Fragen ist groß, obwohl die Halacha einige Erleichterungen gestattet. Irrt sich der Possek und lässt er eine angebliche Witwe neu heiraten, und kommt der Mann lebendig zurück, dann ist das eine menschliche und halachische Tragödie. Darum verlangt es eben diese große Expertise, um die Beweise und Argumente für den Tod des Mannes zu bewerten.

Schrieb er ein rabbinisches Gutachten, um seine Kollegen zu überzeugen, einer Frau zu erlauben, wieder zu heiraten, dann konnte er sich wochenlang fast einsperren, bis er genügend Gründe fand und überzeugende dazu passende Argumente, um zu versichern, dass er die Frau aus ihrem Elend befreien konnte. Dazu weinte er oft, weil er sich so mit der Antragsstellerin identifizierte. Einst war er am Vorabend einer Bejs-Din.-Sitzung spät nachts beschäftigt, so ein Gutachten zu Ende zu schreiben. Plötzlich entschied er, die Frau, über dessen Fall er schrieb, anzurufen. Seiner Familie erklärte er, die Frau schläft bestimmt kaum oder nicht und ist wegen des Bejs-Din.Termins des nächsten Tages ganz aufgeregt und beängstigt. So konnte er sie nicht lassen. Als sie das Telefon aufnahm, beruhigte er sie und versicherte ihr, dass sie am nächsten Tag als Witwe bestätigt sein wird.1

Eine ähnliche Geschichte ereignete sich, als er mit 79 seinen ersten (milden) Herzschlag erlitt. Er war auf der Notfallstation, und der Arzt erklärte ihn, er müsste ihn dringend operieren lassen. Der Raw war dazu bereit, wollte aber zuerst für drei Stunden nach Hause. Staunend betonte der Arzt: Sie haben einen Herzschlag erlitten und müssen dringend operiert werden, Sie können doch jetzt nicht nach Hause. Raw Ovadia beharrte. Sein Sohn, der gegenwärtige Rischon le-Zion, fragte ihm weshalb, zu dem Raw Ovadia erwiderte, dass er gerade dran war, ein rabbinisches Gutachten für eine Aguna zu schreiben. Ihm war wohl bewusst, dass wenn er diese Aguna nicht befreit, kein Possek bereit sein wird, ihr Fall aufzunehmen. „Ich weiß nicht, ob die Operation erfolgreich sein wird, und ob ich nachher weiterhin normal arbeiten werde.“ Er brauchte drei Stunden, um das Gutachten zu Ende zu schreiben. Der lebensgefährdete Patient kehrte nach Hause zurück, schrieb das Responsum zu Ende, kehrte drei Stunden später zum Spital zurück, und wurde erfolgreich operiert.2

Seine Liebe für Menschen äußerte sich aber nicht nur in seinen halachischen Entscheidungen. Einige Monate vor seinem Tod erzählte ein Rabbiner, der 25 Jahre als Dajan im israelischen Rabbinat amtierte, folgendes über seine Jugend:

Als ich 15 war, war ich so wild und rücksichtslos, dass alle mich „den Verbrecher“ nannten. Eines Schabbats spielten wir Fußball auf der Straße. Ich kickte den Ball sehr hart und er flog Richtung Synagoge, ausgerechnet als der Rabbiner sie verließ. Der Ball wirf dem Rabbiner sein Hut am Boden. Ich brach im Lachen aus. Als der Rabbiner zu mir kam sagte ich respektlos: „Schabbat schalom, wollen Sie Kiddusch machen oder mit spielen?“
Er war aber nicht enttäuscht, sondern fragte sanft: „Wo sind deine Eltern?“
— „Meine Eltern sind verstorben“, antwortete ich.
— „Komme mit mir“, sagte er. Ich entschied, mit zu spielen.
— „Hast du Hunger?“
— „Sehr!“
Die Rabbanit gab mir zu essen, und ich aß, als ob ich in einer Woche nicht gegessen hatte. Der Rabbiner aß aber nur wenig. Später verstand ich, dass ich auch seine Portion gegessen hatte. Nach dem Essen fragte er: „Bist du müde?“ und bat mir ein Bett an. Ich schlief während des ganzen Tages und wachte erst mit Schabbatausgang auf.
— „Was möchtest du tun?“ fragte er.
— „Ich möchte ins Kino.“
— „Was kostet der Eintritt?“
— „Anderthalben Schekel.“
Er gab mir das Geld und bat mir, am nächsten Tag zurückzukommen. Ich kam zurück, aß, schlief und bekam wieder Geld fürs Kino. Langsam an wurde mir bewusst, dass ich nicht alleine war, und er sich so um zwölf andere Kinder kümmerte, die er, wie mich, von der Straße holte. Langsam an fing ich an über Mizwot zu lernen. Er kaufte mir Tefillin und lehrte mir, wie sie anzuziehen. Dank ihm lernte ich später an einer Jeschiwa, wurde Rabbiner, und danach Dajan.

“Jener Rabbiner lebt noch”, erzählte der Dajan. “Er ist ein alter Mann, 92, aber G“tt sei Dank lebt er noch”.3

Leider für uns, lebt er nun nicht mehr. Sechuto jagen alejnu.

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