Welche Rolle spielt Ethik in unserem religiösen Verständnis?

Rabbi-Aharon-LichtensteinDeutschFolgender Artikel meiner Wenigkeit erschien im neusten Magazin der ORD, zu Schawuot 5775.

Welche Rolle spielt Ethik in unserem religiösen Verständnis?

Drei Freunde sitzen im Restaurant zusammen und einer, der das soziale Etikette bricht und die Schlagzeilen auf dem Handy liest, erschreckt sichtbar, als er einen jüdischen Namen in einer Schlagzeile sieht. „New York, Associated Press – Der ImmobilienhändlerYankel Rosenbergenblickovichizky ist einer der 27 Verdächtigten, der gestern von der FBI in einer Razzia verhaftet wurde.“ Was soll das, wie kann ein Jude unter den Verbrechern sein! Als unser Leser auf dem Link klickt, erscheint das Bild vom genannten Verdächtigten. Schwarzer Anzug, Vollbart, Kippa oder sogar einen großer Hut. Obwohl der Verhaftete nicht mehr als ein Jahr in der Jeschiwa saß, berichten manche Medien, dass ein „Rabbi“ unter den Verhafteten zu zählen sei. Eine schnelle Suche im Netz zeigt, dass der Verdächtigte in jüdischen Kreisen nicht unbekannt war. Vom Verbrechen wusste keiner, aber der Mann war als Philanthrop sehr bekannt, eine großzügiger Spender, der von verschiedenen Jeschiwot, Synagogen und einer Suppenküche geehrt wurde. Der Leser zeigt den Artikel den Freunden, und ein heftiges Gespräch bricht aus. Nach einem instinktiven Aufschrei: „Eine Schande!“ vertieft sich die Diskussion.

Wie kann es sein, das jemand, der so fromm war, der sich so genau an viele Religionsgesetze hielt, sich so etwas erlauben konnte? Zu Sukkot hatte er immer den schönsten Etrog, zu Pessach die strengst koschersten Mazzot, zu Chanuka die größte Menora, für die er neben der Eingangstür ein spezielles Fenster eingebaut hatte, um jene Mizwa nach den strengsten Standarten bestens zu erfüllen. Das Fleisch, das er kaufte, war immer glatt, aber, wie sich erweist, das Geld nicht ohne dunkle Flecken.

„Weiß du was“, sagt ein Freund, „der hat bestimmt seine Frömmigkeit nur im rituellen Bereich ausgelebt, nur die Hälfte der Torah erfüllt.“ „Aber wie kann das sein“, erwidert der nächste, „ die Erfüllung der Mizwot soll den Menschen edler und aufrichtiger machen, aber schaut mal, das stimmt doch gar nicht, all diese Mizwot haben ihn nicht einmal ein kleines bisschen ehrlicher gemacht“. Der dritte greift dann die Halacha selber an und bemerkt: „Das Problem, ist, dass Ihr Euch mit den kleinsten Einzelheiten des Gesetzes auseinandersetzt, und dann große Dingen wegrationalisiert. Ihr seht den Wald vor den Bäumen nicht mehr!“

Obwohl der fiktive Herr Rosenbergenblickovichizky zwei Jahren später freigesprochen wurde, und sich erwies, dass er gar kein Verbrechen beging, sondern ein vertrauter Mitarbeiter, erleben wir leider immer wieder, dass Leute mit oder ohne Vollbart, aber mit jüdischem Namen doch Verbrecher sind, die bisher in ihren Gemeinden für ihre Großzügigkeit und Frömmigkeit bekannt waren. Dieses Phänomen erweckt mit Recht verschiedenen grundsätzlichen Fragen, die mit der folgenden Frage zusammengefasst werden kann: Was ist der Bezug der Halacha und Ethik?

Ist Halacha Ethik?

Jemand, der übertreten möchte, kam einst zu Hillel mit der Bitte, er solle ihm die gesamte Torah lehren, während der Proselyt auf einem Fuß steht. „Was du ungern hast, tue deinem nächsten nicht an. Alles anderes ist eine Erläuterung, gehe also und lerne.“ (Talmud Schabbat 31a)

Bestimmt lassen sich bestimmte Religionsgesetze als ethische Befehle interpretieren: Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht morden, du sollst das Gehalt deines Arbeitsnehmer nicht zurückhalten, du sollst dem Armen Geld leihen, usw. Andere Mizwot sind schwer auf ethischen Prinzipien zurückzuführen. Zwar stellt sich unmittelbar die Frage, was die Sukkah, die Mazza, der Schofar, der Tallit usw. mit Ethik zu tun haben, eine Frage, mit der sich verschiedene Kommentare auseinandersetzen. Jedoch steht fest, dass die Torah gemäß Hillel eng mit der Ethik verflochten ist.

Der talmudische Weise namens Raw lehrt (Midrasch Rabba Berejschit 44:1 und Wajikra 13:3): Israel habe die Mizwot nur bekommen, damit sie sich durch sie veredeln („Lezaref bahen et haBerijot). Für Rabbi Schimon Schkopf (in der Einführung seines Werks Schaarej Joscher) heißt das, dass alle Mizwot, die wir erfüllen, unseren Charakter zum Guten hin beeinflussen sollen, damit wir aufrichtiger, liebevoller, ehrlicher, aufmerksamer usw. werden.

Die Halacha ist zwar nicht Synonym mit Ethik – denn viele Ge- und Verbote haben mit Ethik eher wenig zu tun – soll aber doch zu einem ethisch wertvolleren Leben führen. Derjenige, der die Tefillin (Gebetsriemen) mit großen Sorge anzieht, den Schabbat in all seinen Einzelheiten einhält, aber nicht versucht seine Wut zu beherrschen, oder sogar im Geschäftsleben immer wieder Ausreden findet, um weniger vorbildlich zu handeln, hat etwas falsch verstanden, aber was?

Ethik und Moral beschränken sich nicht auf dem Gesetz

Der kürzlich verstorbene geistige Riese Raw Aharon Lichtenstein, möge sein Andenken zum Segen sein, hat in einem Artikel die provokative Frage gestellt, ob das Judentum eine von der Halacha unabhängigen Ethik anerkannt. Damit meinte er nicht etwa, dass die Halacha G‘tt behüte unethisch oder amoralisch (ohne Bezug auf Moral oder Ethik) sei, sondern die Frage war, ob wir für die Einhaltung der Torah nebst den halachischen Regeln auch Bezug auf moralische Intuition nehmen müssen. So schrieb er in einem berühmten Aufsatz namens „Does Judaism Recognize an Ethic Independent of Halakha“:

Dass natürliche Moral als solche besteht ist eine Kernaussage unserer Tradition. Alle Diskussionen bezüglich der Theodizee basieren darauf. Wie Benjamin Whichcote (ein englischer puritanische Theologe –AF), ein Cambridge Platoniker des 17. Jh., bemerkte, kann man nicht „Der aller Welt Richter ist, sollte der nicht recht richten?“ (1. B.M. 18:25) fragen, es sei denn, man nimmt an, dass eine nicht rechtlich abgeschiedene Gerechtigkeit besteht, an die sozusagen sogar G‘tt gebunden ist.

Die Frage, die sich jetzt stellt ist folgende: Ist die Halacha so endgültig und allumfassend, dass sie den Bedarf nach und damit auch die Legitimität aller anderen Ethiken ausschließt. Eigentlich ist also die Frage, on die Halacha autark – sprich eigenständig, ungebunden und eigenverantwortlich – ist.

Nach einer tiefgehenden Analyse kommt Raw Lichtenstein zur Schlussfolgerung, dass die Halacha erwartet, weit ihre Details übersteigt, und die Eingliederung ethischen Vorstellungen mit der Halacha für die volle Entfaltung des G‘ttesdiener unentbehrlich ist. So schreibt er:

Die halachische Verbindlichkeit richtet das ganze Wesen des Juden in seiner Beziehung mit G‘tt. Es begnügt sich nicht mit der Verwirklichung einer bestimmten Anzahl von Zielen, sondern verlangt die persönliche Hingabe – und nicht nur Hingabe, sondern eine totale Widmung und Heiligung. Um dieses Resultat zu erreichen, ist ein Benehmen, das die rechtlich-religiöse Verpflichtungen übersteigt, unverzichtbar.

In seinem Lob für die moralische Intuition spiegelte er die Worte von Raw Kook wider, der der Meinung war, dass die wahre G‘ttesfurcht die moralische Intuition nicht systematisch verdrängen darf (Orot HaKodesh 3:11). Es kann Situationen geben, in denen unsere moralische Intuition irregeführt wird, und es ist eine Aufgabe des formellen Religionsgesetzes uns vor solchen Irreführungen zu behüten. Trotzdem dürfen wir unsere moralische Intuition aber nicht verkümmern lassen. So setzt Raw Kook fort: „Ein Zeichen, dass die G‘ttesfurcht rein ist, ist, dass die moralische Intuition, die in der geraden Natur des Menschen eingepflanzt ist, hinaufsteigt zu höheren Stufen, als sie ohne [der G‘ttesfurcht] erreichen würde.“

Nicht jeder war mit der Formulierung von Raw Aharon Lichtenstein einverstanden, und von seinen Kritikern sieht man, auf welche breite Akzeptanz seine Worte stießen. So war Raw J.David Bleich zwar mit der Gedanke einer Ethik außerhalb der Halacha unzufrieden, aber nur, weil er fand, dass das lifnim mischurat hadin (über das befohlene hinausgehende) Benehmen nicht als Frömmigkeit oder lobenswertes fakultatives Extra zu bezeichnen sei, sondern eine Pflicht, die selber ein Teil der Halacha ist.1

Ein Verbrecher mit Vollbart und Kippa hat also nicht nur eine „Kleinigkeit“ versäumt, sondern ihm fehlt Verständnis für den Kern der Halacha, dass sowohl Shabbat, Kaschrut, als Choschen Mischpat2 und Kedoschim tihju3 umfasst.

1 Siehe http://www.comparativelawreporter.com/articles/is-there-an-ethic-beyond-halakhah/.

2 Der Teil des Schulchan Aruch, welches das Zivilgesetz behandelt.

3 Eine Mizwa, aus der der Ramban lehrt (3. B.M. 19:2), dass wir eine Pflicht haben, auch außerhalb der gesetzlichen Pflichten ethisch zu handeln.

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