Sogar höher als die dem König gebührte Ehre

DeutschPredigt zu Paraschát Scheminí 5767, 26. Nissán 5767 (14. April 2007)
Diese Predigt bezieht sich auch auf Sukkót und der Art und Weise, wie wir uns benehmen im Bezug auf der Mizwá, die viert landwirtschaftliche Arten zu nehmen.

Dienet haSchém mit Freude

von Rabbiner Arie Folger

Die Ehre, die einem König gebührt, steht nicht zur Diskussion. Sogar der König selbst muss auf seine Ehre achten, wie uns Raw Aschí lehrt:

מלך שמחל על כבודו אין כבודו מחול שנאמר (דברים יז) שום תשים עליך מלך – שתהא אימתו עליך:

Wenn ein König auf seine Ehre verzichten will, ist seine Ehre nicht aufgehoben, denn es heisst: „du sollst einen König über dich setzen“ [Dewarim 17:15] – dass die Ehrfurcht vor ihm über dir sei. (Talmúd Bawlí Sotá 41b)1

In der Tat wies der Prophet Schemúel einmal König Schaúl dafür zurecht, dass er sich nicht so verhalten hatte, wie es sich einem König ziemt:

וַיֹּאמֶר שְׁמוּאֵל הֲלֹוא אִם־קָטֹן אַתָּה בְּעֵינֶיךָ רֹאשׁ שִׁבְטֵי יִשְׂרָאֵל אָתָּה וַיִּמְשָׁחֲךָ ה’ לְמֶלֶךְ עַל־יִשְׂרָאֵל׃

Und Schemúel sagte: Obwohl du klein in deinen Augen bist, bist du denn nicht das Oberhaupt der Stämme Israels? Und haSchém hat dich zum König über Israel gesalbt! (Schemúel I 15:17)2

Kann und soll es eine Ausnahme von dieser Regel geben? Kann es etwas geben, das höher steht als die Ehre, die ein König sich selbst schuldig ist? Hier berichtet uns die Haftará von Paraschát Scheminí über einen interessanten Vorfall. König David brachte – nach einem ersten, fehlgeschlagenen Versuch – die Bundeslade nach Jerusalem, nachdem sie von den Philistern zunächst erobert3 und dann zurückgegeben worden war.4

König David ist voller Freude und tanzt ausgelassen vor der Bundeslade, zu Ehren G”ttes.5 Dieses Verhalten war in den Augen von Davids Frau Michál, der Tochter von Israels erstem König Schaúl, für einen König unpassend;6 Der König lässt sich davon aber nicht beeindrucken.7
Michál, die Tochter und nun die Ehefrau eines Königs, nimmt die Ehre und die Selbstkontrolle des Herrschers sehr ernst. Sie kann den Tanz des Königs nicht akzeptieren.

Die Reaktion von König David ist sehr aufschlussreich. Er lehrt uns, dass ein König sich tatsächlich würdig verhalten muss, aber unabhängig davon, wie gross unsere Würde ist, gibt es Zeiten, wo wir unsere Befangenheit ignorieren und auf unsere Ehre verzichten müssen, um unseren Empfindungen freien Lauf zu lassen: im Dienst an G”tt.

Rabbi Jechíel Bar Lev berichtet von einem Erlebnis beim Gebet an Chol ha-Mo’éd Sukkót.8 Er hörte, wie ein Mann, der in einen Tallít gehüllt war und seine Arbá’ Miním9 hielt, sagte: „stell dir mal vor, mein Anwalt würde mich so sehen“. Die Befangenheit dieses Mannes hinderte ihn daran, sich vollkommen auf eine Mizwá einzulassen. Sollten wir nicht vielmehr unsere Reserviertheit aufgeben und uns ganz in die Mizwá vertiefen, statt sie einfach nur zu machen?

Menschen, die aus observanten Familien stammen, aber später weniger observant wurden, haben des öfteren erzählt, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend zwar sehen konnten, wie Mizwót gemacht wurden, aber keine Freude bei der Erfüllung der Mizwót erlebten. So gab es keine starke Bindung, die sie bei der Stange gehalten hätte. Rein halachisch erfüllt man seine Pflicht sogar dann, wenn man Dinge mechanisch tut, aber so etwas wird die nächste Generation nicht begeistern. Und wenn sie trotzdem ein torátreues Leben anstrebt, wird sie Mühe haben, die Elterngeneration zu respektieren, und wird sich von ihr distanzieren. Eine immer weiter abwärts führende Spirale der Sünde beginnt damit, dass man haSchém dient – aber ohne Freude: תַּחַת אֲשֶׁר לֹא־עָבַדְתָּ אֶת־ה’ אֱ־לֹהֶיךָ בְּשִׂמְחָה וּבְטוּב לֵבָב ‘weil du haSchém, deinem G”tt, nicht mit Freude und Herzenslust gedient hast’ (Dewarim 28:47).

Nach einem Jomtów gefeiert zu haben, können wir die Bedeutung der Freude wertschätzen. Jetzt ist es angebracht, uns die Worte von König David zu Herzen zu nehmen. Manche von uns halten mehr Mizwót, andere etwas weniger; wir haben ja eine heteropraxe Gemeinde. Lasst uns nun die Mizwót, die wir tun, mit Herz und Seele tun, unbefangen und mit Gefühl. Dann werden wir entdecken, dass wir mehr und mehr Mizwót zu erfüllen wünschen, Gebote des lebendigen G”ttes. Mögen wir uns wirklich bemühen, haSchém mit Freude zu dienen, und so unsere jüdischen Werte erfolgreich unseren Nachkommen weitergeben. Amen.

Fussnoten

1Das erlaubt dem König aber nicht, sich anderen überlegen zu fühlen, wie die Torá ihn ausdrücklich warnt: לְבִלְתִּי רוּם־לְבָבֹו מֵאֶחָיו ‘auf dass er sich nicht in seinem Herzen über seine Brüder erhebe’ (Dewarím 17:20).
2Übersetzt gemäss RaDáK und Metzudát Davíd z.St.
3Siehe Schemúel I, Kap. 4.
4Siehe Schemúel I, Kap. 6.
5Schemúel II 6:14-15:

וְדָוִד מְכַרְכֵּר בְּכָל־עֹז לִפְנֵי ה’ וְדָוִד חָגוּר אֵפֹוד בָּד׃ וְדָוִד וְכָל־בֵּית יִשְׂרָאֵל מַעֲלִים אֶת־אֲרֹון ה’ בִּתְרוּעָה וּבְקֹול שֹׁופָר׃

Und David tanzte mit aller Kraft vor haSchém, und David war mit einem leinenen Ephód umgürtet. Und David und das ganze Haus Israel brachten die Lade haSchéms hinauf mit Jauchzen und mit Posaunenschall.

6Schemúel II 6:16, 6:20:

וְהָיָה אֲרֹון ה’ בָּא עִיר דָּוִד וּמִיכַל בַּת־שָׁאוּל נִשְׁקְפָה ׀ בְּעַד הַחַלֹּון וַתֵּרֶא אֶת־הַמֶּלֶךְ דָּוִד מְפַזֵּז וּמְכַרְכֵּר לִפְנֵי ה’ וַתִּבֶז לֹו בְּלִבָּהּ׃ … וַיָּשָׁב דָּוִד לְבָרֵךְ אֶת־בֵּיתֹו וַתֵּצֵא מִיכַל בַּת־שָׁאוּל לִקְרַאת דָּוִד וַתֹּאמֶר מַה־נִּכְבַּד הַיֹּום מֶלֶךְ יִשְׂרָאֵל אֲשֶׁר נִגְלָה הַיֹּום לְעֵינֵי אַמְהֹות עֲבָדָיו כְּהִגָּלֹות נִגְלֹות אַחַד הָרֵקִים׃

Und es geschah, als die Lade haSchéms in die Stadt Davids kam, da schaute Michál, die Tochter Schaúls, durchs Fenster; und sie sah den König David vor haSchém hüpfen und tanzen, und sie verachtete ihn in ihrem Herzen. … Und als David zurückkehrte, um sein Haus zu segnen, ging Michál, die Tochter Schaúls, hinaus, David entgegen, und sagte: „Wie hat der König von Israel sich heute verherrlicht, da er sich heute vor den Augen der Mägde seiner Knechte entblösst hat, wie sich nur einer der losen Leute entblösst!“

7Schemúel II 21-22:

וַיֹּאמֶר דָּוִד אֶל־מִיכַל לִפְנֵי ה’ אֲשֶׁר בָּחַר־בִּי מֵאָבִיךְ וּמִכָּל־בֵּיתֹו לְצַוֹּת אֹתִי נָגִיד עַל־עַם ה’ עַל־יִשְׂרָאֵל וְשִׂחַקְתִּי לִפְנֵי ה’׃ וּנְקַלֹּתִי עֹוד מִזֹּאת וְהָיִיתִי שָׁפָל בְּעֵינָי וְעִם־הָאֲמָהֹות אֲשֶׁר אָמַרְתְּ עִמָּם אִכָּבֵדָה׃

Da sagte David zu Michál: Vor haSchém, der mich vor deinem Vater und vor seinem ganzen Hause erwählt hat, um mich als Fürsten zu bestellen über das Volk haSchéms, über Israel, ja, vor haSchém will ich spielen; und ich will noch geringer werden als das und will niedrig sein in meinen Augen; aber bei den Mägden, von denen du sprichst, bei ihnen werde ich geehrt sein.

Mit seiner harten Antwort will David möglicherweise Michál sagen, dass Schaúl auf seine Ehre in unangemessener Weise vor dem Volk verzichtet habe, während er selbst das im passenden Moment getan habe.

8In der Einleitung zu seinem Werk Jedíd Nèfesch: Mawó le-Torát ha-Kabbalá.
9Die vier Arten von Pflanzen, die man an Sukkot in die Hand nimmt: Luláw (Palmzweig), Etróg, Hadassím (Myrte) und ‘Arawót (Bachweiden).
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