Die schöne Verpflichtung

DeutschPredigt des 1. Tag Sukkót, 15. Tischréj 5767 (7. Okt. 2006)

Die schöne Verpflichtung

von Rabbiner Arie Folger

Die Torá gebietet uns וּלְקַחְתֶּם לָכֶם בַּיּוֹם הָרִאשׁוֹן פְּרִי עֵץ הָדָר ‘und nehmt euch am ersten Tag Perí ‘Étz Hadár’ (Wajikrá 23:40). Was bedeutet Perí ‘Étz Hadár? Rabbi Awrahám Ibn ‘Esrá übersetzt einfach: ‘eine Frucht von einem prachtvollen Baum’. Der Etróg gilt als der schönste Baum und wird deshalb Perí ‘Étz Hadár genannt. Der Rambán (Nachmanides) meint, dass der Baum Citrus medica im biblischen Hebräisch als ‘Étz Hadár bezeichnet wird.

Ungeachtet dieser Kommentare hat man das Gefühl, dass sich ein Etróg durch mehr auszeichnet als nur durch bestimmte botanische Eigenschaften. So hat uns der Midrásch Rabbá eine vielfältige Symbolik überliefert, die mit Citrus medica verknüpft ist. Unter anderem steht der Etróg für den gerechten Torágelehrten, aber auch für das Herz jedes Menschen, für den Vorvater Awrahám, für das ganze Volk Israel – und er entspricht sogar der Art, wie G”tt sich offenbart, denn es heisst: עֹז וְהָדָר לְבוּשָׁהּ ‘Macht und Pracht ist ihr Gewand’ (Mischléj 31:25), was man auf die Schechiná, die g”ttliche Gegenwart, bezieht.
Rabbenu Bachja ben Ascher („Rabbenu Bechajej“) erläutert die verschiedenen Metaphern, die mit dem Etróg verbunden sind. Wenn der Midrásch Awrahám mit einem Etróg vergleicht, so will er damit laut Rabbenu Bachja sagen, dass der Etróg für das Potential zur Regenerierung steht, für die Fähigkeit, sein Schicksal zu überwinden. Awrahám war ja viele Jahre kinderlos, wurde aber im Alter mit Kindern gesegnet. Er wurde, um den Ausdruck des Rabbenu Bachja zu benutzen, „gewässert“. Zusätzliche Lebenskraft wurde ihm gegeben.

Wenn wir diese Idee aufgreifen, können wir die Metapher mit einer anderen verknüpfen. Der Etróg ist unser Herz, der Sitz von Gefühlen und Weisheit, und es kann sich auch regenerieren. Wie alt wir auch sein mögen, wie lange wir in die Irre gegangen sein mögen – wir können wieder den Weg der Treue zu G”tt betreten, den Weg von ‘Awodát ha-Schèm, den Weg des Geistes, den Weg, nach dem sich unsere Seele sehnt.

In den letzten Wochen haber wir intensiver gebetet, haben zusätzliche Gebete gesagt und sie langsamer gesprochen als sonst. Wir haben auch beobachten können, wie unser tägliches Minjan an bestimmten Tagen von 30-35 Teilnehmern auf rund 50 angewachsen ist. Mit einem Minján zu beten, übertrifft das, was wir zu Hause tun können, bei weitem. Der Talmud lehrt uns:

תַּנְיָא אַבָּא בִּנְיָמִין אוֹמֵר אֵין תְּפִלָּה שֶׁל אָדָם נִשְׁמַעַת אֶלָא בְּבֵית הַכְּנֶסֶת שֶׁנֶאֱמַר: (מלכים א:ח) “לִשְׁמוֹעַ אֶל הָרִנָּה וְאֶל הַתְּפִלָּה” בְּמָקוֹם רִנָּה שָׁם תְּהֵא תְפִלָּה.

Es wurde [in einer Berajtá] gelehrt: Abba Binjamin sagt: Das Gebet eines Menschen wird nur im Bethaus erhört, wie es heisst: „Zu hören den Gesang und das Gebet“ (Melachím I, 8:28) – am Ort des Gesangs, dort soll das Gebet sein. (Talmúd Bawlí, Berachót 6a)

Ausserdem ist das Gebet der Gemeinschaft viel wirksamer als das Gebet des Einzelnen, und wir beten meist mit mehr Geduld, wenn wir mit anderen zusammen beten.

Stellen wir uns vor, alle von uns, die in der letzten Zeit wochentags in der Synagoge waren, würden es sich zur Aufgabe machen, regelmässig zu gehen und auch ihre Kinder oder Enkel mitzunehmen. Selbst diejenigen, die nicht jeden Tag kommen können, könnten sich doch sicherlich bemühen, ausser am Schabbat ein oder zweimal pro Woche zu kommen. Stellen wir uns vor, was für ein Beweis das dafür wäre, dass wir uns nicht nur regenerieren können, sondern uns auch tatsächlich regenerieren. Es wäre ein Beweis, dass wir nicht trockenes Holz sind, das für die Arba’ Miním (Etróg, Luláw usw.) ungeeignet ist, sondern voller Leben. Es wäre eine deutliche Botschaft, dass auch in unserer Stadt ‘Am Jissra’èl chaj gilt – und es wäre ein grosser Kiddúsch ha-Schèm (Heiligung des Namen G“ttes). Nehmen wir uns vor, das zu tun!

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