Augenblicke der Grösse

DeutschBen ‘Asáj lehrt: אֵין לְךָ אָדָם שֶׁאֵין לוֹ שָׁעָה וְאֵין לְךָ דָבָר שֶׁאֵין לוֹ מָקוֹם ‘es gibt keinen Menschen, der nicht seine Stunde, und kein Ding, das nicht seinen Ort hätte’ (Mischná Pirkéj Awót 4:3).

Jedem Menschen werden in seinem Leben einige Augenblicke der Grösse gewährt, einige Gelegenheiten, sein Leben für immer zu verändern. Scheinbar kleine Entscheidungen können eine langfristige Wirkung haben. Aber man erkennt die Bedeutung des Augenblicks nicht immer ganz, und das, worauf sich unsere Entscheidung bezieht, wird auch nicht immer genügend geschätzt.

So war es bei der schicksalsträchtigen Geschichte der Zwillinge Ja‘aków und ‘Essáw:

וַיָּזֶד יַעֲקֹב נָזִיד וַיָּבֹא עֵשָׂו מִן הַשָּׂדֶה וְהוּא עָיֵף: וַיֹּאמֶר עֵשָׂו אֶל יַעֲקֹב הַלְעִיטֵנִי נָא מִן הָאָדֹם הָאָדֹם הַזֶּה כִּי עָיֵף אָנֹכִי עַל כֵּן קָרָא שְׁמוֹ אֱדוֹם: וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב מִכְרָה כַיּוֹם אֶת בְּכֹרָתְךָ לִי: וַיֹּאמֶר עֵשָׂו הִנֵּה אָנֹכִי הוֹלֵךְ לָמוּת וְלָמָּה זֶּה לִי בְּכֹרָה: וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב הִשָּׁבְעָה לִּי כַּיּוֹם וַיִּשָּׁבַע לוֹ וַיִּמְכֹּר אֶת בְּכֹרָתוֹ לְיַעֲקֹב:

Einst liess Ja‘aków ein Gericht sieden, da kam ‘Essáw vom Feld und war matt. Da sprach ‘Essáw zu Ja‘aków: „Lass mich doch von diesem so roten Roten da schlingen, denn ich bin matt!“; darum nannte er sich Edóm. Da sprach Ja‘aków: „Verkaufe mir doch wie heute deine Erstgeburt!“ ‘Essáw erwiderte: „Siehe, ich gehe zu sterben; wozu ist mir da die Erstgeburt?“ Da sagte Ja‘aków: „Schwöre mir doch wie heute!“; da schwur er ihm und verkaufte seine Erstgeburt dem Ja‘aków. (Bereschít 25:29-33)

Was ist da geschehen?! Oder vielmehr, was ist da plötzlich geschehen? Was veranlasste Ja‘aków, das Erstgeburtsrecht zu fordern? Warum stimmte ‘Essáw zu, es abzutreten? Und worum geht es beim Erstgeburtsrecht überhaupt?

Rabbi Awrahám Ibn ‘Esrá nimmt an, dass das Erstgeburtsrecht ein finanzielles Recht war, der Anspruch auf einen grösseren Anteil am Erbe nach dem Tod des Vaters. Aber warum sollte ‘Essáw diesen finanziellen Anspruch so leicht aufgeben? Ibn ‘Esrá nennt zwei Gründe, die einander ergänzen: Jizchák war arm, und ausserdem rechnete ‘Essáw bei seinem flotten Lebensstil nicht damit, seinen Vater zu überleben. So erschien ihm ein bescheidenes Erbe, das er möglicherweise nicht einmal bekommen würde, unwichtig. Der Ramban (Nachmanides) macht jedoch darauf aufmerksam, dass diese Erklärung problematisch ist. Jizchák war nämlich keineswegs arm. Erstens war er der Erbe von Awrahám, der Königen ebenbürtig war.1 Zweitens war auch Jizchák selbst hochgeschätzt und wirtschaftlich erfolgreich, was aus der Erneuerung des Bundes mit Awimèlech ersichtlich ist.2 Damit Ibn ‘Esrás Szenario dennoch einen Sinn ergibt, müssten wir annehmen, dass Jizchák seinen Reichtum kurz nach Awraháms Tod verlor und ihn später wieder erlangte – eine Geschichte „vom Millionär zum Tellerwäscher zum Millionär“ im alten Israel, lange bevor die Geldmärkte es ermöglichten, innerhalb weniger Stunden riesige Profite zu machen und zu verlieren. Daher weist der Ramban Ibn ‘Esrás These zurück, dass es bei dem Erst­geburtsrecht um Erbansprüche ging.

Ja‘akóws Verhalten ist unter Ibn ‘Esrás Annahmen ebenfalls schwer zu verstehen. Aus welchem Grund sollte er das Erstgeburtsrecht über­haupt anstreben, wenn es sich nur um ein finanzielles Recht handelte – zumal wenn Jizchák damals wirklich arm war? Und wenn Ja‘aków die Erstgeburt dennoch für wertvoll hielt, wie konnte er auch nur in seinen kühnsten Träumen erwarten, dass sein Zwillingsbruder darauf verzichten würde? Was für Umstände könnten es gewesen sein, die Ja‘aków geeignet erschienen, ‘Essáw auf dieses Thema anzusprechen?

Der Text selbst deutet darauf hin, dass es sich um eine andere Art von Erstgeburtsrecht handelte. Ja‘akóws Angebot, es zu kaufen, scheint eine Reaktion auf ‘Essáws Verhalten zu sein. Dessen Bitte „lass mich doch von diesem so roten Roten da schlingen“ ist vulgär, und so meint Ja‘aków offenbar, dass sein Bruder für das Erstgeburtsrecht ungeeignet ist. ‘Essáw bestätigt das, indem er es geringschätzt. Und worin bestand dieses Recht? Jizchák war vermutlich damals ziemlich reich, und das Erstgeburtsrecht betraf vermutlich nicht Geld, sondern – so nimmt der Ramban an – die Leitung der Familie, die geistige Leitung. Ha-Schem hatte Awrahám mit den Worten gesegnet, „denn in Jizchák wird dir Samen genannt werden“ (Bereschít 21:12), was bedeutete, dass nur einer von Jizcháks Söhnen die abrahamitische Dynastie fortsetzen sollte – und Ja‘aków sah, dass ‘Essáw dieser Aufgabe nicht gewachsen war.

Auch wenn die Interpretation des Ramban einleuchtet, beantwortet sie nicht die Frage, warum Ja‘aków ‘Essáw gerade an diesem Tag ansprach. ‘Essáw war doch schon immer „ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes“ und Ja‘aków „ein vollkommener Mann, ein Bewohner von Zelten“ (Bereschít 25:27). Was war auf einmal anders? Warum kam Ja‘aków plötzlich zu seiner Einschätzung?

Vielleicht war das ein besonderer, schicksalsträchtiger Tag. Raschi erwähnt eine Überlieferung, derzufolge diese Geschichte kurz nach dem Tode Awraháms spielt. Wenn Sie nachgerechnet haben, waren die Zwillinge damals Jugendliche, gerade auf der Schwelle zum Erwachsensein, so etwa Bar Mizwá.3 Ja‘aków ist sich plötzlich der Verantwortung bewusst, die mit dem Erwachsenwerden verbunden ist, ist entsetzt über das Verhalten des erstgeborenen ‘Essáw und fordert ihn heraus. ‘Essáw, für den sein eigenes Erwachsenwerden eine ebenso grosse Herausforderung ist, reagiert damit, dass er seine Verantwortung scheut und es vorzieht, immer das grosse Kind zu bleiben, das nie wirklich erwachsen geworden ist.

Die Entscheidung kann Ja‘aków nicht leicht gefallen sein, denn jetzt muss er die volle Verantwortung für die Zukunft der Familie und der Dynastie tragen. Dennoch übernimmt er diese Verantwortung, weil er weiss, dass es Anstrengung und Schmerzen kostet, Grosses und Wunderbares zu erreichen. ‘Essáw dagegen – nun, seine Einstellung wird mit den Worten וַיִּבֶז עֵשָׂו אֶת־הַבְּכֹרָה ‘so verachtete ‘Essáw die Erstgeburt’ (Bereschít 25:34) treffend zusammengefasst. Wie dumm von ‘Essáw! Er hätte ein Ja‘aków werden können, einer der Vorväter – aber wegen seiner Kurzsichtigkeit wurde er zum archetypischen Bösewicht der jüdischen Geschichte, und man erinnert sich nur noch an seine Schande.

Manchmal hören wir, wie jemand seufzt ס’איז שׁווער צו זיַין אַ יִיד ‘es ist schwer, ein Jude zu sein’. Warum muss es denn so schwer sein? Aber glauben wir denn im Innern unseres Herzens wirklich, dass die Mitgliedschaft in einem vornehmen Club unsere Eintrittskarte zu einem verdienstvollen Leben sein kann, auf das wir stolz sein dürfen? Wir dürfen uns ein ideales Leben nicht so vorstellen wie einen solchen Club, denn es wäre leer, ohne Verdienste und somit ohne Errungen­schaften. Unsere Antwort auf diesen schrecklichen Spruch lautet: „Es ist vielleicht schwer, ein Jude zu sein, aber es lohnt sich.“ Deshalb übernehmen wir Verantwortung, damit wir ein Ziel im Leben finden, uns den Herausforderungen des Lebens stellen und die höchsten Gipfel spiritueller Errungenschaften erklimmen. Das sind unsere Augenblicke der Grösse im Leben. Rabbi ‘Akiwa pflegte zu sagen:

חָבִיב אָדָם שֶׁנִּבְרָא בְצֶלֶם. חִבָּה יְתֵרָה נוֹדַעַת לוֹ שֶׁנִּבְרָא בְצֶלֶם, שֶׁנֶּאֱמַר [בראשית ט] כִּי בְּצֶלֶם אֱ לֹהִים עָשָׂה אֶת הָאָדָם. חֲבִיבִין יִשְׂרָאֵל שֶׁנִּקְרְאוּ בָנִים לַמָּקוֹם. חִבָּה יְתֵרָה נוֹדַעַת לָהֶם שֶׁנִּקְרְאוּ בָנִים לַמָּקוֹם, שֶׁנֶּאֱמַר [דברים יד] בָּנִים אַתֶּם לַה’ אֱ לֹהֵיכֶם. חֲבִיבִין יִשְׂרָאֵל שֶׁנִּתַּן לָהֶם כְּלִי חֶמְדָּה. חִבָּה יְתֵרָה נוֹדַעַת לָהֶם שֶׁנִּתַּן לָהֶם כְּלִי חֶמְדָּה שֶׁבּוֹ נִבְרָא הָעוֹלָם, שֶׁנֶּאֱמַר [משלי ד] כִּי לֶקַח טוֹב נָתַתִּי לָכֶם תּוֹרָתִי אַל תַּעֲזֹבוּ.

Bevorzugt ist der Mensch, dass er im Ebenbilde Gottes erschaffen worden ist; eine grössere Bevorzugung ist es, dass ihm kundgetan wurde, dass er im Ebenbilde Gottes erschaffen worden ist, wie es heisst: „Im Ebenbilde Gottes machte Er den Menschen“ [Bereschít 9:6]. Bevorzugt ist das Volk Israel, dass sie Kinder Gottes genannt werden; eine grössere Bevorzugung ist es, dass ihnen kundgetan wurde, dass sie Kinder Gottes genannt werden, wie es heisst: „Kinder seid ihr dem Ewigen, eurem Gotte“ [Dewarím 14:1]. Bevorzugt ist das Volk Israel, dass ihnen ein kostbares Werkzeug gegeben worden ist; eine grössere Bevorzugung ist es, dass ihnen kundgetan wurde, dass ihnen ein kostbares Werkzeug gegeben worden ist, wie es heisst: „Denn eine gute Lehre habe Ich euch gegeben, verlasset Meine Torá nicht“ [Mischléj 4:2]. (Mischná Pirkéj Awót 3:18)

Rabbiner Arie Folger,
Paraschát Toledót,
29. Marcheschwán 5768
(19. November 2007)

Fussnoten

1Seine „Schwester“, die in Wirklichkeit seine Frau war, wurde von keinem Geringeren als dem ägyptischen Par‘ó begehrt. Er kämpfte gegen die vier mesopotamischen Könige und wurde von den fünf Königen im Kikkár ha-Jardén (der Gegend um Sedóm) anerkannt. Er wurde gebeten, einen Bund mit Awimèlech, dem König der Pelischtím, zu schliessen, und die Kinder von Chet, die in Chewrón wohnten, bezeichneten ihn als Fürsten, usw.

2Vgl. Bereschít 26:28-31. Zuvor heisst es ausdrücklich, dass „der Mann gross wurde“, d.h. reicher (Bereschít 26:13). Die Verse deuten jedoch nicht auf eine plötzliche Wende hin, sondern auf stetes, zunehmendes Wachstum.

3Awrahám war hundert Jahre alt, als Jizchák geboren wurde (Bereschít 21:5), Jizchák war bei der Geburt der Zwillinge sechzig (25:26), und Awrahám erreichte ein Alter von 175 Jahren (25:7). Als er starb, waren die Zwillinge also etwa fünfzehn oder vielleicht auch – je nachdem, wie die Zahlen gerundet sind – erst dreizehn.

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