Gedanken zur asiatischen Flutwelle

Gott wirkt durch die Natur1

Es ist typisch für den Menschen, zu denken, er sei weise, so wie es auch typisch für unsere moderne Gesellschaft ist, zu meinen, dass unsere Gesellschaft, die der Welt in den letzten vierhundert Jahren eine Revolution des Wissens gebracht hat, alles verstehen könne. Aber König Schelomó schrieb: אַל־תִּתְחַכַּם יוֹתֵר ‘mache dich nicht zu weise’ (Kohèlet 7:16).

Das Leben ist nicht so einfach, und immer wieder wird der Mensch daran erinnert, dass das Leben kompliziert ist. Leider ist es aber auch eine Eigenschaft des Menschen, dass eines für ihn noch schlimmer ist, als nicht zu verstehen – nämlich, etwas zu verstehen und dadurch in sich Unbehagen zu erzeugen. Am liebsten sollte das Wissen nicht das Gewissen ansprechen.

Diese menschlichen Eigenschaften sind universell, doch kommen sie jetzt gerade mehr in der westlichen Welt vor. In diesem Sinne finde ich die schönen, emotionalen und tiefen Worte, die Bundespräsident Samuel Schmid im Berner Münster gesprochen hat, bewundernswert. Auf das Buch Ijów gestützt, hat er versucht, gegenüber den trauernden Betroffenen der Katastrophe in Südasien das Beileid des Schweizer Volkes auszudrücken.

Wie alle Menschen, hat auch Herr Bundespräsident Schmid Schwierigkeiten mit dem Ausmass der Katastrophe. Es ist für ihn offensichtlich unvorstellbar zu sagen, dass die 200’000 Todesopfer und die fünf Millionen Menschen, die heimatlos geworden sind, dazu verurteilt worden sind – denn dann könnten wir ja denken, es gebe keinen Grund, diesen Menschen zu helfen. Deshalb versuchte der Bundespräsident, einer solchen unerwünschten Position den Boden zu entziehen und behauptete: &lquot;Der Schöpfer straft nicht mit der Natur; aber die Natur ist mächtiger als wir&rquot;. (Blick, 6. Januar 2005, „Bundespräsident Samuel Schmid im Berner Münster“)

Das Problem ist aber, dass eine solche Auseinandersetzung mit dem Geschehen gar nicht tröstet, grossenteils, weil sie einfach nicht korrekt ist. Ausserdem ist Herr Bundespräsident Schmid ja nicht der erste, der sich mit dieser Frage auseinandergesetzt hat. Als unser Stammvater Awrahám von dem Allmächtigen selbst erfuhr, dass die Städte Sedóm und ‘Amorá zur Strafe für die Ungerechtigkeit ihrer Bewohner zerstört werden sollten, sagte er „wie sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht ausüben?“ (Bereschít 18:25). Awrahám verstand aber schliesslich, dass Gott Sedóm durch die Natur bestrafen würde, und erkannte Seine Gerechtigkeit an. So war es auch bei den zehn Plagen. Mit ihnen bestrafte Gott die Ägypter für ihre Grausam­keit gegenüber dem Volk Israel. Der Auszug aus Ägypten ist gerade deshalb eine wichtige Basis für unsere innerjüdische Beziehung mit dem universellen Gott, weil Er durch die Geschichte gehandelt und auf uns physisch eingewirkt hat – auf eine Art und Weise, die nur durch Erfahrung, also die jüdische Praxis, erklärt werden kann.

Was jetzt nötig ist, ist ein bisschen Bescheidenheit und Feinfühligkeit, um sich folgende Fragen zu stellen: Wenn Gott tatsächlich durch die Natur agiert, bedeutet das dann immer, dass jemand, den eine Tragödie getroffen hat, ein grosser Sünder war und von Gott bestraft wurde? Und sollten wir kein Mitleid haben, wenn jemand von Gott bestraft wird?

Diese beiden Fragen sind so heikel, dass viele nicht den Mut haben, die notwendige Bescheidenheit und Feinfühligkeit zu suchen. Es ist klar, dass Bundespräsident Schmid befürchtete, eine differenzierte Stellungnahme könnte von einigen falsch verstanden werden. Wir sollten aber versuchen, der Wahrheit näher zu kommen.

Auf meine erste Frage antworte ich mit „nein“. Obwohl Gott durch die Natur agiert und manchmal mit der Natur straft, bedeutet das nicht, dass wir wissen können, wann ein Unheil eine Strafe ist. Wir können auch nicht wissen, weshalb eine Person überlebt und eine andere nicht. Es ist nicht immer der Böse, der stirbt, und der Gerechte, der am Leben bleibt. Der Par‘ó, bestimmt nicht der Gerechteste unter den Ägyptern, überlebte ja Keri‘át Jam Suf (die Spaltung des Schilfmeers).

Es steht fest, dass es aus göttlicher Perspektive uns unbekannte Gründe gibt, weshalb die eine oder die andere Person getroffen wurde. Das betonen wir, wenn wir im Ziddúk ha-Din bei einer Beerdigung sagen ה’ נָתַן וַה’ לָקָח, יְהִי שֵׁם ה’ מְבֹרָך ‘der Ewige hat gegeben, der Ewige hat genommen, der Name des Ewigen sei gepriesen’ (Ijów 1:21). Letztlich ist es Gott, der über unser Leben und unseren Tod entscheidet. Seine Gründe sind uns aber unbekannt und werden es auch immer bleiben.

Als Moschè Rabbénu bat, „lasse mich doch Deine Herrlichkeit sehen“ (Schemót 33:18), fragte er, wie unsere Weisen erklären, weshalb es Böse gibt, die ein gutes Leben haben, und Gerechte, die ein schwieriges Leben haben. Gott antwortete ihm: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn es sieht mich der Mensch nicht und lebt“ (Schemót 33:20). Der Mensch mit seinem Körper aus Fleisch und Blut kann die Wege Gottes nur zum Teil verstehen. Auch diese Flutwelle können wir Menschen nicht verstehen. Das finde ich aber nicht so schlimm. Ich kann es ertragen, nicht zu verstehen, was sogar der Lehrer aller jüdischen Lehrer – Moschè Rabbénu – nicht verstehen konnte.

Auf die zweite Frage antworte ich auch mit „nein“. Selbst wenn wir mit Sicherheit wüssten, dass die Opfer einer Katastrophe von Gott für bestimmte Sünden verurteilt wurden, würden wir doch eine Hilfe­leistung nicht unterlassen. Es mag sein, dass Gott durch die Natur straft. Er hat uns jedoch nicht aufgetragen, den betroffenen Menschen zusätzliche Pein zu bereiten. Auch das ist eine Botschaft, die wir aus den Torá-Abschnitten lernen, die wir in dieser Zeit lesen. Weshalb wurden die Ägypter überhaupt von Gott bestraft? Hatte Er denn nicht selbst Awrahám vorausgesagt, sein Volk werde vierhundert Jahre in der Fremde leben? Eine Antwort lautet, dass die Ägypter für ihre Schadenfreude und das zusätzliche Elend, das sie unserem Volk bereiteten, bestraft wurden. Wir dürfen nicht versuchen, als die Beauftragten Gottes aufzutreten, wenn wir kein göttliches Mandat dazu bekommen haben.

Die jüdische Reaktion auf Unheil war immer, in sich zu gehen, zu beten und den Mitmenschen vermehrt Liebe zu erweisen. Unsere Weisen sagen uns, wir sollten barmherzig sein: מַה הוּא רַחוּם, אַף אַתָּה הֱיֵה רַחוּם – genau wie der Herr des Universums barmherzig ist, so sollten auch wir es sein.2 Es wäre eine Verletzung unseres Mensch­seins, wenn wir kein Mitleid hätten.

Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Gott von den Über­lebenden – in Asien wie in Basel – eine Reaktion verlangt: eine erneute Überprüfung der heute gangbaren Werte, eine erneute Überprüfung unserer persönlichen Neigungen, also persönliche wie gesellschaft­liche Introspektion, Gebet und Rückkehr zu Gott und zu den Mitmenschen.

Möge die Menschheit Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Liebe – Nächstenliebe wie auch Gottesliebe – vermehren, und möge sie so den vollständigen Schutz Gottes verdienen, so dass das Unheil uns nicht wieder trifft.

1Predigt zu Paraschát Wa’erá, 27. Tewét 5765 (8. Januar 2005)

2Vgl. z.B. Talmúd Bawlí Schabbát 133b; Rambam, Mischné Torá, Hilchót De‘ót 1:6

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2 Responses to Gedanken zur asiatischen Flutwelle

  1. Micha Berger says:

    Joys of google translate, I’m guessing at part of your meaning.

    But doesn’t this just recast the definition of punishment? Some Divine punishment is educational, and some is a lack of protection from nature.

    In fact, this better fits a variant of R’ Dessler’s model that we need hishtadlus (to work to reach our goals utilizing natural methods) only to the extent that we lack bitachon (which he defines as: trust in G-d to meet our needs). The person who sins but understands the events of his life everything is from G-d is capable of taking a lesson, so that even his punishment is Divine Aid, crafted to help him learn from his mistake. Someone who lacks that attitude won’t take a lesson anyway, so he just gets abandoned to his fate. (Although misery alone can motivate personal change, even if not crafted to fit the sin and its source.)

    • Arie Folger says:

      Rightly spotted, R’ Micha! Yes, I did have R’ Dessler in the back of my mind. But the point was made centuries earlier by commentaries addressing, for example, the defeat during the first attempted conquest of Ha’ai in the early chapters of Yehoshu’a. Rashi, for example, seems to make that point.

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