Wir dürfen das Licht nicht auslöschen

DeutschDie hellen Flammen unserer Chanukká-Menorót sollen das Wunder bei der Wiedereinweihung des Bejt ha-Mikdásch publik machen. Der heidnische Götzendienst, den Antiochus Epiphanes eingeführt hatte, wurde abgeschafft: Alle Götzenbilder und alle Gegenstände, die zu ihrer Verehrung dienten, wurden zerstört, und diejenigen, die das Verbrechen der Entweihung des Bejt ha-Mikdásch begangen hatten, wurden aus Jerusalem und schliesslich auch aus den anderen jüdischen Städten in Israel vertrieben. Das Wunder, dass man ein kleines Fläschchen Öl fand, das noch tahór1 war und die Menorá im Tempel acht Tage brennen liess, kann man als Gottes Zustimmung zur Wiedereinweihung unseres heiligsten Ortes verstehen. Damit stellt sich die Frage, auf welche Weise man sich am besten an dieses Wunder erinnern sollte. Sollen wir das wachsende Staunen derer hervorheben, die das Wunder miterlebten und jeden Tag sahen, dass das Öl noch einen weiteren Tag reichte? Oder sollen wir betonen, dass das Öl überhaupt gefunden wurde, so dass das grösste Wunder am Beginn des Feiertags stattfand?

Der Talmúd verzeichnet die folgende Meinungsverschiedenheit:

ב”ש אומרים יום ראשון מדליק שמנה מכאן ואילך פוחת והולך וב”ה אומרים יום ראשון מדליק אחת מכאן ואילך מוסיף והולך.

Bejt Schammáj sagen: Am ersten Tag zündet man acht Lichter und von da an immer weniger. Bejt Hillél sagen: Am ersten Tag zündet man ein Licht und da an immer mehr. (Talmúd Bawlí Schabbát 21b)

Der talmudische Weise ‘Ulla zitiert sofort einen möglichen Grund für die Meinungsverschiedenheit:

טעמא דב”ש כנגד ימים הנכנסין וטעמא דב”ה כנגד ימים היוצאין.

Der Grund von Bejt Schammáj ist: entsprechend den bevor­stehenden Tagen; und der Grund von Bejt Hillél ist: ent­sprechend den vergangenen Tagen. (Ebd.)

Bejt Schammáj zündeten in der ersten Nacht acht Lichter, in der zweiten sieben usw., bis sie am letzten Tag nur ein einziges Licht zündeten. Sie wollten betonen, dass das Potential für das Wunder schon in dem Ölkrüglein enthalten war, als man es fand. Bejt Hillél fingen dagegen mit einem Licht an und zündeten schliesslich in der letzten Nacht acht. Dadurch hoben sie hervor, wie lange das Wunder dauerte und wie vollkommen es insofern war, als es den Kriegern die notwendige Zeit von acht Tagen gab, um sich zu reinigen und dann neues Öl herzustellen.

‘Ulla erwähnt aber auch ein zweites Paar von Gründen für die Entscheidungen von Bejt Schammáj and Bejt Hillél:

טעמא דב”ש כנגד פרי החג וטעמא דבית הלל דמעלין בקדש ואין מורידין.

Der Grund von Bejt Schammáj ist: entsprechend den Stieren am Fest [d.h. Sukkót];2 und der Grund von Bejt Hillél ist: bei [Angelegenheiten von] Heiligkeit steigern wir und steigen nicht ab. (Ebd.)

Bejt Hillél stützten sich auf eine wichtige Regel in unserem religiösen Leben, und für sie war es unvorstellbar, mit acht Lichtern zu beginnen, um dann das Licht zu verringern. Die Chanukká-Lichter betreffen (anders als die Stiere an Sukkót) nicht die Völker der Welt, sondern haben mit unserem persönlichen Einsatz, mit unserer Spiritualität zu tun (denn an Chanukká steht die Auseinandersetzung zwischen dem Judentum und Hellas im Mittelpunkt) – und das soll und darf nicht geringer werden.

Wir diskutieren oft über die Zukunft unserer Gemeinde. Wir machen uns Gedanken über unsere Finanzen und fragen uns, ob wir uns in der Struktur unserer Gemeinde diese oder jene Einrichtung leisten können. Unsere Einrichtungen sind ein bisschen wie die Lichter der Menorá. Die Halachá folgt Bejt Hillél: Wir vermehren die Lichter und vermindern sie nicht. Das gilt ganz besonders für den Chinnúch, die Erziehung, die im Mittelpunkt der Bedeutung des Wortes Chanukká steht.

„Bei Angelegenheiten von Heiligkeit steigern wir und steigen nicht ab!“ Wollen wir ein Licht aus der Menorá entfernen? Machen wir uns klar, wozu das führen würde? Heute steht für manche unsere Schule zur Diskussion, aber ich kann Ihnen versichern: Wenn die Schule abgeschafft ist, wird nach der Kerze der Schule bald eine weitere Kerze ausgehen und dann noch eine und noch eine. Mit der Zeit werden wir sehen, dass die Kerzen nicht nur Institutionen sind, sondern Menschen – und die werden wir nach und nach verlieren.

Während wir uns fragen, ob wir unsere Schule finanzieren können, geben wir weiterhin Geld für verschiedene Projekte aus, von denen wir meinen, sie seien auch Lichter unserer Menorá von Einrichtungen. Leider scheinen wir zu vergessen, dass eine Menorá zwei Arten von Lichtern hat. Es gibt die Nerót Chanukká, aber auch den Schamásch, dessen einzige Aufgabe es ist, den anderen Kerzen, also den wesent­lichen Zielen, zu dienen. Wir sollten die Schamaschím nicht für die eigentlichen Lichter halten.

Unsere Situation ist nicht rosig – nicht, weil wir zuviel Bildung anbieten, sondern weil es zuwenig ist! Manche fragen, ob wir es uns leisten können, so viel Geld für eine kleine Schule auszugeben. Die wirkliche Frage ist aber, ob wir es uns leisten können, keine Schule zu haben. Wir alle wissen, dass die Torá uns befiehlt: וָחַי בָּהֶם ‘und du sollst in ihnen [den Weisungen der Torá] leben’ (Wajikrá 18:5). Unsere Weisen erklären das auch so, dass wir Verbote (mit Ausnahme der drei Kapitalverbrechen Götzendienst, Mord und Unzucht) übertreten sollen, um Leben zu retten. Gilt das etwa nur für das physische Leben? Sorgt sich die Torá nur um unseren Gesundheitszustand? Natürlich nicht. Wie viele rabbinische Responsen im Laufe der Jahrhunderte bestätigen, bedeutet וָחַי בָּהֶם in erster Linie, dass wir durch die Torá und mit der Torá leben sollen. Spirituelle Gefahren sind, wie immer wieder betont worden ist, nicht weniger ein Fall von Pikkúach Nèfesch (Lebensrettung) als physische Gefahren.

Die Hauptfrage ist also nicht, ob wir es uns leisten können, unsere kleine, aber ausgezeichnete Schule aufrechtzuerhalten, sondern ob wir ohne sie auskommen können. Mehr noch: Wir müssen uns fragen, ob wir es uns leisten können, nur vier Klassen anzubieten. Es ist wirklich unglaublich, mit welcher Selbstgefälligkeit wir uns vorgaukeln, wir könnten mit vier Klassen zufrieden sein. Es geht hier um die Zukunft der Kinder unserer Gemeinde, unserer Lichter.

Wenn wir meinen, dass die Gemeinde ihre Schule nicht aus eigener Kraft finanzieren kann, dann muss die Konsequenz sein, dass wir – die Mitglieder dieser Gemeinde – selbst aktiv werden, uns nicht nur auf die Gemeinde verlassen (obwohl auch sie die Schule unterstützen muss) und persönlich grosszügig für die Schule spenden. Es ist eine Frage von Pikkúach Nèfesch.

Rabbiner Arie Folger,
Predigt zu Schabbat Chanukká,
28. Kissléw 5768 (8. Dezember 2007)

Fussnoten

1Eine genauere Erklärung der Begriffe der rituellen Reinheit und Unreinheit, Tahará und Tum’á, wird in dem Aufsatz „Von Tahará zu Keduschá“ (Arie Folger; “Lärmendes reissendes Wildwasser”; Israelitische Gemeinde Basel, 2008; S. 249ff) gegeben.

2Als Schelomó ha-Mèlech das erste Bejt ha-Mikdásch einweihte, tat er das an Sukkót und feierte vierzehn Tage lang. Vermutlich war das eine „Verlängerung“ des „achten Tages von Sukkót“, Scheminí ‘Azèret, der die Besonderheit des Volkes Israel betont, während an Sukkót siebzig Stiere als Opfer dargebracht werden, die den siebzig Völkern der Welt entsprechen. Auch Chanukká ist ein Fest der Einweihung des Tempels und dauert wie Sukkót mit Scheminí ‘Azèret acht Tage. An Sukkót wird das grösste Opfer für die Völker der Welt am ersten Tag gebracht (mit dreizehn Stieren), während die Opfer an den folgenden Tagen immer einen Stier weniger enthalten. Am achten Tag wird nur ein Stier dargebracht; er symbolisiert das Volk Israel, das „gesondert wohnt“ (vgl. Bamidbár 23:9). An diesem Fest treffen also der universalistische und der partikularistische Aspekt des Judentums zusammen.

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