Damit man uns nicht vergisst

DeutschWas sind die Herausforderungen des europäischen Judentums? Kann das europäische Judentum wieder glanzen, und wie soll es diesen Glanz entwickeln? Anbei folgendie notwendige Grundzüge einer europäischen jüdischen Identität, die aber lieber nicht in Museen und Judaistikzentren blühen wird – auch diese sind wichtig, aber spielen nur eine sekundäre Rolle -, weil wir nicht nur eine ruhmreiche Vergangenheit in Erinnerung beibehalten wollen, sondern eine Zukunft, dass wir nicht die Ausstellung des Museums werden, dass das europäische Judentum sich nicht versteinigt und nicht die Fehler des 19. Jh. wiederholt.

Am Anfang des neuen Schuljahres und in Vorbereitung zum europäischen Tag der jüdischen Kultur ist dieser Aufsatz hochst aktuell.

–Arie Folger, 7. August 2009

Damit man uns nicht vergisst

Unsere Tradition lehrt uns:

גְּדוֹלָה תּוֹרָה יוֹתֵר מִן הַכְּהוּנָּה וּמִן הַמַּלְכוּת […].

Grösser ist die Torá als das Priestertum und das Königtum […]. (Mischná Pirkéj Awót 6:6)

גְּדוֹלָה תּוֹרָה שֶׁהִיא נוֹתֶנֶת חַיִּים לְעֹשֶׂיהָ בָּעוֹלָם הַזֶּה וּבָעוֹלָם הַבָּא, שֶׁנֶּאֱמַר כִּי חַיִּים הֵם לְמוֹצָאֵיהֶם וּלְכָל בְּשָׂרוֹ מַרְפֵּא, […] וְאוֹמֵר עֵץ חַיִּים הִיא לַמַּחֲזִיקִים בָּהּ וְתוֹמְכֶיהָ מְאֻשָּׁר, […] וְאוֹמֵר אֹרֶךְ יָמִים בִּימִינָהּ בִּשְׂמֹאולָהּ עֹשֶׁר וְכָבוֹד, וְאוֹמֵר כִּי אֹרֶךְ יָמִים וּשְׁנוֹת חַיִּים וְשָׁלוֹם יוֹסִיפוּ לָךְ […].

Gross ist die Torá, denn sie gibt denen, die sie erfüllen, Leben in dieser Welt und in der künftigen Welt, denn es heisst: „Denn Leben sind sie denen, die sie finden, und für seinen ganzen Körper Heilung“ [Mischléj 4:22]; […] und es heisst: „Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten, und diejenigen, die sie stützen, sind glücklich gepriesen“ [Mischléj 3:18]; […] und es heisst: „Dauer der Tage ist in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre“ [Mischléj 3:16]; und es heisst: „Denn Dauer der Tage und Jahre des Lebens und des Friedens wird man dir zufügen“ [Mischléj 3:2] […]. (Mischná Pirkéj Awót 6:7)

Die schriftliche und die mündliche Torá sind das Herzblut unseres Volkes, unsere Lebenskraft. Diese unsere Tradition hat uns zu allen Zeiten regeneriert und uns Kraft gegeben, in guten Zeiten zu wachsen und schlechte Zeiten zu durchstehen. Wenn wir für das Leben beten und uns an die Toten erinnern – das sind die beiden Themen von Jiskór an Jom Kippúr –, überrascht es nicht, das unsere illustren Lehrhäuser der Vergangenheit hochgehalten und gleichsam auf ein Podest gestellt werden; wir erinnern uns sogar ewig an sie, denn sie sind die wahrhaft bedeutsame Bühne der Geschichte.

So hat die jüdische Gemeinde von Rotterdam einen sehr schönen Brauch. Zweimal im Jahr, an den Schabbatót vor Schawu‘ót und vor Rosch Chódesch Aw, wird ein besonderes Jiskór gesprochen, das an die Helden unserer Vergangenheit erinnert, an die Märtyrer verschie­dener Verfolgungen, darunter diverser Verleumdungen im Mittelalter. In diesem Gebet wird fünfzehn verschiedener Städte gedacht. Unter anderem heisst es: „Rabbi Moschè und die Schüler seiner Jeschiwá in Zürich“ und „Rabbi Schelomó und seine Jeschiwá in Basel“.

Die Eingangsworte dieses Gebets deuten darauf hin, dass die Lehrer und Schüler dieser Jeschiwót in grossen, den ganzen Kontinent erfassenden Pogromen getötet wurden. Der Text lautet:

Möge Gott der Allmächtige der Seelen der grossen Rabbiner in allen Ländern von Sefarád und Aschkenás gedenken, die dem Volk in Zeiten religiöser Verfolgung (Sche‘át ha-Schemád) Weisheit lehrten und ihre schwachen Knie stärkten, um das Märtyrertum dem Abfall von den Geboten Gottes vorzuziehen. Sie sind heilig, möge das Verdienst ihrer Torá [d.h. ihres Lernens und Lehrens], ihrer Gottesfurcht und ihrer guten Taten uns beistehen.

Wir werden daran erinnert, dass einst Europa und insbesondere das Rheinland voll von Jeschiwót war. Während sehr viele Menschen noch Analphabeten waren, bemühten sich unsere Vorfahren nicht nur darum, dass jeder lesen konnte, sondern dass auch viele auf fortgeschrittenem Niveau lernen konnten. Damals wie heute verstanden Juden, dass wir מַמְלֶכֶת כֹּהֲנִים וְגוֹי קָדוֹש ‘eine Nation von Priestern und ein heiliges Volk’ (Schemót 19:6) sein sollen, und sie suchten ihre Weisheit bei den Quellen der Weisheit.

Viele Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Viele Jahrhunderte von Verfolgung, Terror, Krieg und Not. Viele jüdische Menschen kamen um, aber die Jeschiwá gab dem entkommenen Rest, שְׁאֵרִית וּפְלֵיטָה (Melachím II 19:31 u.ö.), weiterhin Kraft.

Die Schulen und Lehrhäuser für alle Altersstufen nähren und regenerieren unser Volk auch weiterhin. Es gibt sogar in Europa wieder erfolgreiche Jeschiwót. Hier auf unserem Kontinent gibt es jüdische Schulen, die aus allen Nähten platzen. Und immer mehr junge jüdische Männer und Frauen verbringen ein Jahr, wenn nicht mehr, in Israel, um Torá zu lernen.

Aber das europäische Judentum ist dennoch in Gefahr. Es gibt das Phänomen, dass manche Eltern ihren Kindern eine gründliche jüdische Bildung vorenthalten. Manche Eltern bringen grosse Opfer, damit ihre Kinder vom Kindergarten bis zum Ende der Sekundarschule jüdische Bildungseinrichtungen besuchen können – aber manche Kinder bleiben davon ausgeschlossen. Es ist traurig, dass viele jüdische Kinder nicht in einem jüdischen Bildungssystem Schutz finden, obwohl Kinder einen solchen Schutz brauchen.

Viele Juden, die ihre Kinder nicht jüdisch erziehen, rechtfertigen sich damit, dass sie ihre Kinder nicht beeinflussen wollen. Wie Herman Wouk treffend bemerkt hat, führt aber diese Einstellung zwangsläufig zur schlimmsten Beeinflussung, der man ein Kind aussetzen kann. Man erreicht damit nur, dass es als Erwachsener sein Leben lang seine Unwissenheit für vernünftig hält.

Kinder, die zwar als Juden erzogen werden, deren jüdische Bildung sich aber auf zweieinhalb Stunden Religionsschule pro Woche bis zum Alter von Bar oder Bat Mizwá beschränkt, sind zwar in einer sehr viel glücklicheren Lage als diejenigen, die überhaupt keine jüdische Bildung geniessen – aber dennoch kommen sie zu kurz. Ihnen wird die falsche Vorstellung vermittelt, das Judentum sei nur etwas für Kinder, etwas, was man nicht mehr lernen muss, sobald das grosse Fest, der Übergangsritus Bar/Bat Mizwá gefeiert worden ist.

Leider verwechseln viele Kinder Kiddúsch mit Kaddísch und bekommen nicht die Chance, ein erfülltes jüdisches Leben zu leben.

Alle Statistiken bestätigen, dass es keinen Ersatz für eine jüdische Vollzeitschule gibt, die mindestens bis zur achten Klasse dauert und besser noch bis zum Abschluss der Sekundarschule. Was die zahl­reichen Kinder betrifft, die nicht das Glück haben, eine richtige jüdische Bildung zu bekommen, kann man die Situation zweifellos als eine von Pikkúach Nèfesch, Lebensgefahr, bezeichnen. Denn die Seele und die jüdische Identität eines solchen Kindes ist in Gefahr. Eltern und Grosseltern, Tanten, Onkel und Cousins – setzt alles daran, euren Kindern, Enkeln, Neffen und Cousins das Geschenk einer jüdischen Bildung zu geben! Sie werden euch dafür ewig dankbar sein. Wir sollten bedenken, dass der richtige Zeitpunkt, mit der jüdischen Bildung eines Kindes zu beginnen, die Geburt ist. Der Anfang besteht darin, dass das Kind einen jüdischen Namen bekommt und dass die Eltern eine positive Einstellung, einen Wunsch nach jüdischer Bildung für ihr Kind entwickeln.

Grosse Teile der jüdischen Welt haben die warnende Schrift an der Wand gesehen und fördern traditionelle jüdische Tagesschulen, einschliesslich Sekundarschulen. Die Jewish Federations, die in amerikanischen Gemeinden üblichen Wohltätigkeits­organisationen, haben sogar eine Kampagne gestartet, dass Menschen in ihrem Testament fünf Prozent ihres Vermögens für die jüdische Bildung hinterlassen sollen.

Hier in der Schweiz ist die Situation unbefriedigend. Wie können wir erklären, dass ausgerechnet dann, wenn Kinder einen jüdischen Rahmen am meisten brauchen – nämlich wenn sie in die Pubertät kommen und Benéj Mizwá werden –, es für die meisten keinen solchen Rahmen gibt? Unsere Primarschule ist gut, aber können wir uns auf die Schultern klopfen, wenn die Kinder in der fünften Klasse den Rahmen der jüdischen Bildungseinrichtung verlassen? Das ist zu früh, sehr viel zu früh.1

Ohne eine jüdische Tagesschule ist es nicht nur äusserst schwierig, ein gesundes Mass an jüdischem Wissen zu erwerben. Der Besuch einer nichtjüdischen Schule ist auch in sozialer Hinsicht sehr problematisch. Jüdische Schüler sind dort Teil eines sozialen Netzes, in dem man den jüdischen Kalender nicht kennt. Wieviel einfacher ist es doch, Rosch ha-Schaná und Jom Kippúr zu halten, wenn die Schule dann geschlossen ist! Und wie schwierig ist es für Schüler, die gerade für die Hohen Feiertage frei bekommen haben, erklären zu müssen, dass gleich ein weiterer Feiertag, Sukkót, folgt! In einer jüdischen Schule müssen unsere Kinder nicht leiden, wenn sie sich weigern, bei einem Schulkonzert in einer Kirche Weihnachtslieder zu singen.2

Natürlich haben jüdische Schüler, die eine nichtjüdische Schule besuchen, auch nichtjüdische Freunde. Dieses soziale Umfeld in einer öffentlichen Schule macht es sehr schwer, den Schabbat zu halten, denn für Nichtjuden ist das der ideale Tag für Geburtstagsfeiern und andere Aktivitäten. Es verlangt viel Mut, eine Einladung abzulehnen, und man wird leicht ein sozialer Aussenseiter, wenn man das Judentum ernst nimmt.

Es sollte also klar sein, dass das Fehlen einer jüdischen Sekundar­schule für die Einheitsgemeinden ein ernsthaftes Problem ist.

Kann es uns da überraschen, dass die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz auf zweierlei Weise ausblutet? Einerseits gibt es diejenigen, die ihren Kindern alle jüdischen Bildungsmöglichkeiten bieten möchten und deshalb wegziehen oder ihre Kinder auf eine Sekundar­schule im Ausland schicken. Andererseits gibt es diejenigen, die durch einen historischen Zufall so wenig über ihr Judentum gelernt haben, dass sie sich nicht mehr heimisch fühlen. Sie kommen sich vielmehr vor wie Kinder ohne ein Zuhause, wie ein Segler in der Wüste, ein Skifahrer in der Sommerhitze oder ein Schwimmer in der Arktis.

KürzlichWährend des frühjahres 2007 haben einige Eltern in Zürich Anstrengungen unternommen, ein jüdisches Sekundarschulprogramm zu schaffen. Es wird nicht perfekt sein, jedenfalls nicht gleich am Anfang, aber solche Initiativen brauchen alle Unterstützung, die wir geben können. Hoffentlich werden wir in Basel neidisch und fühlen uns veranlasst, uns an diesem Projekt zu beteiligen. Vielleicht kann es ein Schweizer Programm geben, das den Röstigraben überspannt. Das Wichtigste ist, dass jetzt einige Schüler ihre Bildung in dem Rahmen bekommen können, den sie verdienen, in einem Rahmen, der dem Erwerb von jüdischem Wissen und einem Leben gemäss jüdischen Werten förderlich ist.

Jahrhunderte, nachdem Rabbi Schelomó und seine Jeschiwá den Märtyrertod starben, erinnert man sich noch an sie, weil eine solche Einrichtung von Natur aus wertvoll ist, das jüdische Volk erhält und seinen Auftrag fördert. Das jüdische Volk wird überleben – aber auch wir? Wird man sich an uns erinnern, oder wird Gott unsere Schande und Missetat zudecken, indem er uns in Vergessenheit geraten lässt? Wir sollten es nicht zulassen, dass unsere Kinder aus der jüdischen Geschichte herausgedrängt werden. Wir sollten bekräftigen, dass uns die zeitgemässe und zeitlose jüdische Verpflichtung wichtig ist, unsere Kinder in den Wegen unseres Vorvaters Ja‘aków zu erziehen.

Bemerkung

Dieser Aufsatz besteht aus zwei Ansprachen, eine bei der Friedhofsgedenkfeier am Sonntag vor Rosch ha-Schaná 5768 (9. September 2007) und eine zu Jiskór an Jom Kippúr 5768 (22. September 2007). Wegen ihres gemeinsamen Themas wurden die beiden Texte hier miteinander verbunden.

Fussnoten

1Die Möglichkeit, dass mit der erwarteten Abschaffung der Orientierungs­schule im Schulsystem des Kantons Basel-Stadt unsere Primarschule um zwei Klassenstufen erweitert wird, ist sehr zu begrüssen. Wir sind noch nicht so weit, aber dieser Schritt wäre notwendig und wünschenswert – für die Gemeinde und für die Kinder.

2Die Behauptung, dass solche Konzerte etwas Weltliches und nicht etwas Religiöses seien, ist einfach unaufrichtig, und im allgemeinen Schulsystem gibt es für dieses Problem viel zu wenig Verständnis. Die in letzter Zeit aufgekommene Idee, zum Ausgleich auch Konzerte mit muslimischen und jüdischen Themen zu geben, ist ein Irrweg. Nicht Ökumene sollten die Schu­len anstreben, sondern vielmehr Respekt für die verschiedenen Religionen, deren Anhänger das Recht haben, ihre jeweilige Religion ernst zu nehmen.

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One Response to Damit man uns nicht vergisst

  1. karin says:

    To follow the jewish rules, I am jewish, as well as my three daughters, Lea, Sara and Eilidh Rebecca.

    I do wish, that your honored rabbi would please get in touch with me.

    Since long I do seek my roots which are jewish.

    Sincerly
    Karin

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