Judentum und westliche Gesellschaft im Einklang

DeutschDas ist also die Herausforderung: Da das Judentum mit vielen Werten der westlichen Welt im Einklang steht, aber auch in manchen Punkten nicht mit ihr übereinstimmt, stellt sich die Frage, ob wir die Ähnlichkeiten zwischen unseren jüdischen handlungsorientierten Leitlinien und der Umgebung betonen sollen oder die Unterschiede. Zwei Erziehungsziele stehen im Judentum im Vordergrund: unsere Zugehörigkeit zur jüdischen Vergangenheit zu akzeptieren und unsere fortdauernde Zugehörigkeit zum auserwählten Volk anzustreben.

–Arie Folger

Die jüdische Tradition, unsere Tradition, ist reichhaltig und komplex und mit dem westlichen kulturellen Erbe sehr eng verflochten. Diese Komplexität spiegelt sich in unserem eigenen Leben. Wir sind Juden, ohne Frage, aber gleichzeitig führen wir ein Leben, das mit der Mehrheitskultur der Umwelt verwoben ist. In unserer Tradition finden wir vieles, was mit den Werten und Kernideen der europäischen Gesellschaft übereinstimmt und uns eine manchmal recht weitgehende Integration in diese Gesellschaft erlaubt. Aber unsere Identität, unsere Tradition steht nicht immer mit der dominanten Kultur im Einklang. Das Judentum ist oft eine Heraus­forderung für die moderne Gesellschaft, zielt höher hinaus und verlangt nach der Einhaltung eines höheren moralischen Standards, nach einer verfeinerten Ethik und reineren geistigen Motiven.

Unser jeweiliges Interesse an den verschiedenen Folgerungen aus der höchsten Wahrheit spiegelt sich in unserem jeweiligen Leben wider, und so spiegelt sich auch die komplexe Beziehung zwischen Juden­tum und dem westlichen Erbe in unserem jüdischen Engagement. Aber der Spagat zwischen zwei Welten, die sich teil­weise überlappen und sich teilweise gegenseitig in Frage stellen, bringt eine gewisse Spannung in unser Leben. Diese Spannung ist an und für sich das Zeichen eines gesunden, geistig inspirierten Lebens, das in zeitlosen Werten verankert ist und sich in der höchst zeitgebundenen Existenz des Hier und Jetzt abspielt. Diese Spannung verlangt allerdings, dass wir gegensätzliche Werte miteinander in Einklang bringen. Nur Menschen mit schweren Geistesstörungen machen keinen Versuch, widersprüchliche Werte miteinander zu vereinbaren, weil sie die Einheit zwischen Geist und Tat nicht sehen.

Das ist also die Herausforderung: Da das Judentum mit vielen Werten der westlichen Welt im Einklang steht, aber auch in manchen Punkten nicht mit ihr übereinstimmt, stellt sich die Frage, ob wir die Ähnlichkeiten zwischen unseren jüdischen handlungsorientierten Leitlinien und der Umgebung betonen sollen oder die Unterschiede. Zwei Erziehungsziele stehen im Judentum im Vordergrund: unsere Zugehörigkeit zur jüdischen Vergangenheit zu akzeptieren und unsere fortdauernde Zugehörigkeit zum auserwählten Volk anzustreben.

Wenn wir nur die Unterschiede betonen, erscheint das Judentum weltfremd, seltsam, fern, unerreichbar und unrealistisch. Gewiss gibt es immer Menschen, die sich von den fremden und archaischen Aspekten der Tradition angezogen fühlen, aber ist eine solche Sicht mit der Idee der Mizwá, mit der Betonung praktischer Anwendung vereinbar? Würde eine völlige Ablehnung der Welt, in der wir leben und arbeiten, unser Herz gewinnen?

Nur die Ähnlichkeiten zwischen dem Judentum und dem westlichen Erbe zu betonen, ist aber auch nicht besser. Denn wenn das Judentum mit den westlichen Werten völlig übereinstimmt und es kaum einen Unterschied zwischen ihnen gibt, wozu muss man dann jüdisch sein? Ist dann nicht die gesamte westliche Gesellschaft schon jüdisch genug und genügend von Judentum durchtränkt, ohne dass das Judentum herrschende Normen in Frage stellt?

Offenbar finden wir die volle Verwirklichung der jüdischen Selbst­erziehung und die Stärkung der jüdischen Identität gerade in der Spannung. Manchmal ist die Spannung greifbar, die ein aufrichtiger Jude zwischen seiner Zugehörigkeit zur ihn umgebenden Gesellschaft und zu seinem Judentum empfindet. Recht oft sind wir mit gesellschaftlichen Werten konfrontiert, die mit den Werten unserer Tradition kollidieren. Manche Juden haben sich als Reaktion darauf angewidert abgewandt und hinter freiwillig errichteten Ghetto-Mauern Zuflucht gesucht. Das mag für manche eine angemessene Antwort sein, aber sie ist sicher nicht für alle angemessen und sie wird nicht dem Ideal gerecht, dass wir Partner in der fortwährenden Schöpfung des Universums sein sollen.

Die Gesellschaft steht zwar oft zu jüdischen Werten im Widerspruch, aber sie stimmt auch oft und vielleicht in noch grösserem Mass mit unseren Werten überein. Der Grund dafür ist ganz einfach: Im Laufe der Geschichte und sogar im Exil haben wir die Werte der Torá verbreitet. Wir haben es nicht immer freiwillig getan und nicht immer durch ihre vorbildliche Einhaltung, aber wir haben es getan. Unsere verstorbenen Verwandten haben es getan, oft ohne sich bewusst zu sein, in welch grossem Ausmass. Wir haben uns nicht unbedingt aktiv daran beteiligt, die verschiedenen Gesellschaften zu gestalten, in denen wir zu dieser oder jener Zeit unseren Wohnsitz hatten, aber wir haben zweifellos unsere Werte verbreitet und tun das bis heute.

Überlegen wir gut und fragen wir uns ehrlich, was die wesentlichen Werte sind, auf die sich unsere freien, demokratischen Gesellschaften stützen. Was unterscheidet das Europa des 21. Jahrhunderts vom Europa der Franken, der Goten, der Griechen oder der Gallier? Nur wenige Kilometer von hier liegt die römische Siedlung Augusta Raurica. Wenn wir eine Zeitreise machen und diese Stadt zu ihrer Blütezeit besuchen könnten, würden wir dann Respekt für die gleichen Grundwerte beobachten können? Leider nicht.

Das moderne Europa hat sicherlich seine ästhetischen Traditionen, seine Sprachen, seine Literatur, seine Wissenschaft und viele seiner städtischen Zentren von den Vorfahren in Antike und Mittelalter geerbt. Aber das moderne Europa hat die Werte, die es heute hochhält, und die Grundlagen der Gesellschaft nicht von Franken, Galliern, Goten, Griechen und Römern übernommen. Vielmehr sprechen gute Gründe dafür, dass – auch wenn das manchmal schwer vorstellbar ist – das Judentum einen grossen, sogar einen sehr grossen Einfluss auf die europäischen Werte gehabt hat und seinen Einfluss weiter ausdehnt. Aber wir müssen hier mit unserer Ausdrucksweise genau sein. Ich behaupte nicht, dass die Juden zu den Fundamenten der westlichen Welt beigetragen haben, sondern dass es das Judentum war, durch das Leben unserer Vorfahren. [Siehe WorldPerfect (Amazon.com) von Rabbiner Ken Spiro, der diese These weiter entwickelt. (Biografie hier)]

Schauen wir uns einige Beispiele an. Die Achtung des Lebens und der Familie sind zwei allgemein anerkannte Grundpfeiler der Gesell­schaft. Die Römer bestraften jedoch ihre Feinde, indem sie sie in die Arena schickten, und fanden es unterhaltend, zuzuschauen. Bei den Goten konnte ein Vater über das Leben seiner Familienmitglieder entscheiden. Der Talmúd erklärt dagegen ausführlich, dass die Todesstrafe, die die Torá für bestimmte Vergehen vorsieht, nur in Extremfällen anwendbar ist und dass das Sanhedrín sich grosse Mühe gegeben hat, Angeklagte vor der Todesstrafe zu bewahren. Und wenn die Todesstrafe doch vollzogen werden musste, geschah es rasch und schmerzlos, ganz anders als in der römischen Arena. Die Tötung von Kindern war für unsere Vorfahren unvorstellbar, die uns gelehrt haben, wie sehr die Torá gegenseitigen Respekt betont.

Die allgemeine Schulbildung ist ein weiterer Grundwert in modernen Gesellschaften. Es war aber nicht Karl der Grosse, der Primarschulen für alle eingeführt hat, sondern Rabbi Jehoschúa‘ ben Gámla, vor rund zweitausend Jahren. Es dauerte noch viele Jahrhunderte, bis Bildung für die Massen nicht mehr als Bedrohung für die herrschende Elite wahrgenommen wurde, sondern als Recht und Pflicht aller. Wir Juden wussten dagegen schon lange, dass alle zu lebenslangem Lernen verpflichtet sind, und deshalb war bei uns der Analphabetismus so gering. Jüdische Erziehung erfordert aber mehr als nur die Weitergabe von Wissen. Sie verlangt von den Schülern, dass sie die Werte unserer Tradition schätzen lernen und die Gebote ausüben. Interessanterweise haben in den letzten Jahren Schulen in vielen Ländern damit begonnen, die Vorteile einer an Werten reicheren Erziehung zu erkunden. Man erkennt, dass die Veredelung des Charakters ebenso wichtig ist wie Lerntechniken. Schon vor achthundert Jahren unterstrich der Rambam (Maimonides), dass die Ausformung eines guten Charakters eine Voraussetzung für die Torá ist und dass die Erfüllung der Mizwót unter anderem die Wirkung hat, die Persönlichkeit zu veredeln.

Andere Werte, die weniger zentral sind, aber doch in der modernen Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen, gehen ebenfalls auf die Torá zurück. Wo sonst finden wir zum Beispiel Abscheu vor Grausamkeit gegenüber Tieren? Der Talmúd lehrt uns aber, dass es verboten ist, Tieren unnötiges Leid, צַעַר בַּעַלֵי חַיִים, zuzufügen. Andererseits hat Rav Kook darauf hingewiesen, dass wir das Leiden von Tieren nicht auf die gleiche Ebene stellen dürfen wie das Leiden von Menschen – ein Fehler, den gerade die leidenschaftlichsten Tierschützer regel­mässig machen. Er argumentierte, dass solche Übertreibungen uns gegenüber menschlichem Leid abstumpfen lassen, und aus diesem Grund wandte er sich sogar gegen den Vegetarismus. Leider sehen wir immer wieder, wie man denselben Fehler macht und so viel menschliches Leid vergisst, während wir unsere Sensibilität in Bezug auf Tiere steigern. Die Torá kann unsere Gesellschaft noch viel lehren.

Ein Wert, der auf den ersten Blick in der westlichen Gesellschaft wenig wichtig zu sein scheint, aber bei näherem Hinsehen sich ebenfalls als zentral erweist, ist der Schabbat. Die Neuerung der Torá liegt nicht so sehr in der Einführung eines wöchentlichen Ruhetags. Der Schabbat sollte nicht nur ein Tag der Ruhe sein, sondern ein Tag, an dem wir die physische Arbeit unterbrechen, um uns geistigem Wachstum zu widmen. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Torá verlangt, dass alle Juden den Schabbat halten sollen und dass das Ruhegebot sogar auf Bedienstete und Fremde ausgeweitet wird. Niemand steht so niedrig, als dass er nicht an der höchsten Aufgabe, geistigem Wachstum, teilhaben dürfte. Letztlich sind wir Menschen alle gleich. Wie Ben ‘Asaj sagt, ist זֶה סֵפֶר תּוֹלְדֹת אָדָם ‘das ist das Buch der Nachfahren Adams’ (Bereschít 5:1) ein wichtiger Grundsatz der Torá (Talmúd Jeruschalmí Nedarím 9:4/30b). Auch heute noch bezweifeln viele, dass alle Menschen Potential haben, aber das Judentum lehrt uns Optimismus. Wir sollen an das Potential des Menschen glauben, ja, wir sollen an das Potential aller Menschen glauben, jung und alt, gesund und krank, gebildet und weniger gebildet.

Wenn wir uns auf die Suche nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen dem Judentum und der nichtjüdischen Welt machen, dann müssen wir auch die Frage stellen, ob das Judentum die nichtjüdische Gesellschaft ablehnt. Das Judentum hat sich nie durch irgendeine andere Kultur ersetzen lassen, und es hat die Greuel aller Völker, einschliesslich der vom jüdischen Volk begangenen, konsequent abgelehnt. Aber es lehnt die nichtjüdische Kultur nicht unbedingt ab. Im Midrásch heisst es: תּוֹרָה בַּגוֹיִם אַל תַּאַמִין, aber חָכְמָה בַּגוֹיִם תַּאַמִין, glaube nicht, dass die Torá bei den Völker zu finden ist; glaube hin­gegen, dass bei ihnen Wissenschaft zu finden ist (Ejchá Rabbatí 2:17).

Zitieren wir ein Gebet, das ursprünglich aus dem Mussáf-Gebet von Rosch ha-Schaná stammt, aber so beliebt geworden ist und Juden im Lauf der Zeiten so viel Kraft gegeben hat, dass es in die tägliche Gebetsordnung aufgenommen wurde und heute mehrmals am Tag gesagt wird: עָלֵנוּ לְשַׁבֵּחַ (‘Alénu le-schabbéach).

Im ‘Alénu-Gebet danken wir Gott dafür, dass er uns erleuchtet und anders gemacht hat – aber anders als was? Der Text des Gebets beginnt mit den Worten: „An uns ist es, zu preisen den Herrn des Alls, Huldigung darzubringen dem Schöpfer des Anbeginns, dass Er uns nicht erschaffen gleich den Völkern der Länder und nicht gleichgemacht den Familien der Erde“.

An diesem Punkt können wir uns fragen, in welcher Hinsicht wir anders sind. Schliesslich sehen unsere Hände und Füsse, unsere Augen, Ohren und Nasen genauso aus wie die anderer Menschen, ob sie nun jüdisch sind oder nicht. In früheren Zeiten haben christliche Zensoren den Satz gestrichen, der uns die Bedeutung dieser Passage verständlich gemacht hätte. Heute wissen wenige, dass die folgenden Worte in vielen gedruckten Machsorím und Siddurím weggelassen wurden, aber im gesprochenen Gebet erhalten geblieben sind:

שֶׁהֵם מִשְׁתַּחַוִים לָהֶבֶל וָרִיק וּמִתְפַלְלִים אֶל אֵל לֹא יוֹשִׁיעַ.

Denn sie verbeugen sich vor Eitelkeit und Leere und beten zu einem Gott, der nicht hilft. (Vgl. Jescha‘jáhu 45:20)

Es ist offensichtlich, was das bedeutet: Wir danken Gott dafür, dass Er uns anders gemacht hat als die Götzendiener. Wir trennen uns also von denen, die sich im Abgrund der Verderbtheit befinden, aber wir wissen die Gesellschaft unserer Umwelt zu schätzen, soweit sie die gerechten Werte der Torá übernommen hat.

Gerade weil wir in einer Gesellschaft leben, die so nachhaltig, aber oft unbemerkt von der schriftlichen und der mündlichen Torá beeinflusst worden ist, können wir zum Aufbau der Gesellschaft beitragen. Wir können sehen, wo sie noch von den Idealen der Torá entfernt ist, und auf Bereiche achten, in denen sie Rückschritte gemacht hat.

Bemerkung

Dieser Aufsatz besteht aus den Predigten von Rabbiner Arie Folger von ‘Èrew Rosch ha-Schaná 5766 (3. Oktober 2005) und Jiskór an Jom Kippúr 5766 (13. Oktober 2005).

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3 Responses to Judentum und westliche Gesellschaft im Einklang

  1. RabbiJack D. Frank says:

    I enjoyed this article very much, especially since it is in German, my native tongue. Where are you stationed and why do you want to be in a land that tried to annihalate us because we were Jews?

    זאיי געזונדט יעקב הלוי פראנק

    • Arie Folger says:

      Actually, I am stationed in Switzerland, so the argument doesn’t apply here. Either way, we have to go where the Jews are, so that no Jew shall be deprived of the chance of learning Torah.

  2. Wokie Porster says:

    Super Einfall, das wollte ich auch schon immer mal schreiben, wusste nur niemals wie man dies ausdrucken konnte .

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