Sollten wir alle Kohanim sein?

DeutschKórachs Hauptargument in seiner Rebellion gegen Moschè Rabbénu war:

רַב־לָכֶם כִּי כָל־הָעֵדָה כֻּלָּם קְדֹשִׁים וּבְתוֹכָם ה’ וּמַדּוּעַ תִּתְנַשְּׂאוּ עַל־קְהַל ה:

Zu viel für euch! Alle in der Gemeinde sind heilig, und unter ihnen ist Gott; warum erhebt ihr euch über die Gemeinde Gottes? (Bamidbar 16:3)

Während die Tora Kórachs Behauptungen nicht genau zitiert, können wir aus Moschès Reaktion schliessen, dass Kórach Moschè der Vetternwirtschaft beschuldigte, weil er seinen Bruder Aharón als Kohén Gadól (Hohepriester) eingesetzt hatte. Aber diese Männer wollten nicht, dass das Priesteramt allen zugänglich sein sollte. Obwohl sie behaupteten, alle seien heilig, zogen sie nicht die logische Schluss­folgerung aus ihrem Argument und verlangten Gleichheit – nein, jeder wollte nur einfach selbst als das zeremonielle Oberhaupt von ‘Am Jissra’él, als Kohén Gadól, ausgewählt werden.1 Moschè forderte seine Kritiker dementsprechend auf, im Heiligtum Räucherwerk darzubringen – so wie die Kohanim (Priester) – und sagte ihnen am Abend vor diesem Test:

שִׁמְעוּ־נָא, בְּנֵי לֵוִי […] וּבִקַּשְׁתֶּם, גַּם־כְּהֻנָּה:

Hört doch, ihr Söhne von Levi […] und ihr verlangt noch das Priesteramt!? (Bamidbar 16:8-10)

Nach Ramban (Nachmanides) war Kórachs Motiv keineswegs ein Wunsch nach einem egalitären Priestertum. Vielmehr behauptete er, dass er als der erstgeborene Enkel von Kehát und somit Moschès Cousin, bei der Besetzung der Leitungspositionen der nächste in der Reihe sei – jedenfalls vor ihrem gemeinsamen Cousin Elizafán, der jedoch zum Oberhaupt des Levitenclans Kehát ernannt worden war.2

Trotzdem ist es berechtigt, die Richtigkeit von Kórachs Behauptung zu überprüfen, dass die Gleichheit aller Menschen, die sich daraus ergibt, dass sie im Ebenbild G”ttes geschaffen sind, ein egalitäres Priestertum verlangt.

Die Wahl von Aharón und seinen Nachfahren als Kohanim für alle Generationen widerspricht der Tatsache, dass wir im allgemeinen den persönlichen Dienst an G”tt hervorheben. Die Werte des Judentums werden nicht durch Stellvertreter gelebt, sondern durch die Teilnahme aller. Sollten wir folglich nicht alle Kohanim sein?

Tatsächlich wurden die allerersten Opfer nach der Offenbarung am Sinaj nicht von ausgewählten Kohanim und Leviim dargebracht, sondern von נַעֲרֵי בְּנֵי יִשְׂרָאֵל ‘Jünglingen aus den Kindern Israels’ (Schemot 24:5). Zugegebenermassen waren das nach Raschi die Erstgeborenen, aber dennoch gab es noch keine bestimmte Familie von Priestern. Erst nach der Sünde des Goldenen Kalbs bekam der Stamm Levi seine besondere Rolle.3

Das utopische Ideal war jedoch, dass das ganze Volk als Priester dienen sollte. So schreibt Rabbiner Samson Raphael Hirsch:

Sind es ja nicht die Tempel, sondern die Häuser, in denen diese Aufgabe in wahrer, letzter Wirklichkeit zur Erfüllung kommt.4

Aber mit der Sünde des Goldenen Kalbs erwies sich das Volk Israel als unfähig, als Ganzes die Stufe von Heiligkeit zu erreichen, die Voraussetzung dafür war, G”tt Opfer darzubringen. Nur der Stamm Levi, der sich an dieser Sünde nicht beteiligt hatte, konnte zu einer heiligen Dynastie werden.

Es scheint also, dass tatsächlich ein egalitäres Priestertum das Ideal war. Warum wurden dann Aharón und seine Söhne Kohanim?

Ich habe keine Kommentare gefunden, die auf dieses Thema eingehen, aber es scheint, dass G”tt Aharón als Stammvater der Dynastie von Kohanim auswählte, eben obwohl er dieser Position höchst unwürdig schien. Hatte er denn nicht bei der Herstellung des Goldenen Kalbs eine herausragende Rolle gespielt?5 Vielleicht ist die Geschichte von Aharón auch die Geschichte einer höchst bemerkenswerten Kehrtwende. Schliesslich sollte man doch, auch wenn man noch so gute Absichten hat, lieber als Märtyrer sterben als Götzen dienen oder den Götzendienst ermöglichen. Vielleicht ist also die Geschichte von Aharón die Geschichte der erfolgreichsten Teschuwá.6

Mit anderen Worten war ‘Am Jissra’él nach dem Goldenen Kalb grundsätzlich des Priestertums nicht mehr würdig, und nur durch die Teschuwá des Volkes insgesamt und durch die Teschuwá von Aharón im besonderen war das Volk es wert, dass ein Heiligtum in seiner Mitte errichtet wurde und eine Priesterfamilie den G”ttes-Dienst ausführte. So bekommt die Geschichte der Kohanim eine besondere ethische Bedeutung und zeigt durch die persönliche Geschichte Aharóns, wie machtvoll die Entschlossenheit eines Einzelnen sein kann.

In Kórachs Forderung nach einem nicht-erblichen Priestertum liegen drei Miss­verständnisse. Kórach verstand nicht, dass es ohne Aharón vielleicht gar kein Priestertum gegeben hätte, dass dieses Priestertum unwiderruflich an Aharón geknüpft war, und vor allem begriff er nicht, was die grundsätzliche Gleichheit der Menschen allgemein bedeutet.

Raschi zitiert einen Midrasch, der besagt, dass Korách Moschè mit der Frage konfrontierte, warum bei einem Kleidungsstück, das ganz mit Techélet gefärbt ist, zusätzlich einer der Zitzít-Fäden an jeder Ecke ebenso gefärbt sein muss. Ähnlich fragte er, warum ein Raum, der voll von heiligen Schriften ist, eine Mesusá braucht. Koráchs Argument war anscheinend, dass die Symbole für einfache Leute da sind, dass aber er, Kórach, wie ein ganz in der Farbe des Himmels gefärbtes Gewand sei, wie ein Raum voll von heiligen Schriften. Kórach behauptete, dass er heilig sei, ja vielleicht heiliger als Aharón, und deshalb Anspruch auf die Priesterwürde habe.

Aber Korach hatte unrecht, denn wir erwarten zwar, dass die Kohanim fromm sind und sich allgemein gemäss bestimmten Werten verhalten, aber das Priestertum ist nicht von der persönlichen Frömmigkeit abhängig.

Die Gleichheit der Menschen bedeutet weder, dass alle Menschen lebenslang gleich bleiben, noch dass wir bei der Geburt überhaupt nicht voneinander unterscheidbar sind. Beides trifft nicht zu. Manche von uns sind sportlicher, andere sind mit ihren Händen geschickter, wieder andere können besser abstrakt denken. So ist es auch eine Frage der Geburt, ob man ein Kohen oder ein Levi ist. Das gibt uns aber nicht unseren eigenen Wert. Dieser Wert ergibt sich vielmehr aus den Entscheidungen, die wir in unserem Lebenskontext treffen. Wir müssen nicht alle Kohanim sein, denn wir haben nicht alle genau denselben Auftrag auf dieser Erde. Kohanim haben kein Monopol, wenn es darum geht, G”tt nahe zu kommen. Jeder von uns kann das, und es hängt von unseren Entschei­dungen ab. Wir müssen uns nach unserer jeweiligen persönlichen Verantwortung in dieser Welt fragen und auf dieser Grundlage die richtige Wahl treffen. Die Verantwortung eines anderen zu übernehmen, aber die eigene zu vernachlässigen, ist eine falsche Entscheidung.

Wir leben in einer Welt, in der jeder ein Experte ist und die Grenzen zwischen den verschiedenen Wissensgebieten und Fertigkeiten ständig übertreten werden. Manchmal bedeutet das, dass für Menschen neue Möglichkeiten geschaffen werden, und das ist gut. Es kann aber auch bedeuten, dass sorgfältig konstruierte Gebäude in unserer Gesellschaft einfach zerstört werden. Für die Politik ist das Judentum das, was das Priestertum für Kórach war. Kórach selbst war der Begründer einer berühmten Familie, und einige der Psalmen wurden von seinen Nachfahren verfasst – aber das Priestertum war nicht das Gebiet, auf dem er sich auszeichnen sollte.

Rabbiner Arie Folger;
basiert auf eine Predigt von
Paraschát Kórach 5768,
25. Siwán 5768 (27. Juni ’08)


Fussnoten

1Das geht aus Moschès Äusserung hervor, mit der er die Herausforderung seiner Gegner einleitet:

בֹּקֶר וְיֹדַע ה’ אֶת־אֲשֶׁר־לוֹ וְאֶת־הַקָּדוֹשׁ וְהִקְרִיב אֵלָיו וְאֵת אֲשֶׁר יִבְחַר־בּוֹ יַקְרִיב אֵלָיו:

Morgen früh wird ha-Schem kund tun, wer Ihm angehört, wer heilig ist, wen Er zu sich herantreten lässt; wen Er erwählt, den wird Er zu sich herantreten lassen. (Bamidbar 16:5)

2Siehe Bamidbar 3:30 sowie Raschi ebd. 16:1 und Ramban.

3Obwohl die Heiligung von Aharón schon in Schemot 28:1 erwähnt wird, während die Sünde des Goldenen Kalbs in Kap. 32 steht, gibt es eine Tradition der Exegese (vgl. z.B. Raschi zu ebd. 31:18), die die Torá als primär thematisch und nicht chronologisch geordnet betrachtet, gemäss dem Prinzip, dass die Tora nicht in strikter chronologischer Reihenfolge geschrieben ist, אין מוקדם ומאוחר בתורה.

4Nach Rabbiner Hirsch gilt das heutzutage noch immer, obwohl die Erstgeborenen nicht ausgelöst werden. In diesem Sinne können wir bemerken, dass solange die Erstgeborenen heilig waren, es noch keinen Befehl zur Errichtung eines zentralen Kultusortes gab; vielleicht sollte der Tempeldienst auf privaten במות (Altären) geleistet werden. Mit der Sünde des Goldenen Kalbs zeigte das Volk aber, dass es seine Neigung zum Götzendienst und zum sonstigen Missbrauch des Tempeldiensts nicht überwunden hatte und dementsprechend einen zentralen Kultusort brauchte – das בית המקדש (den Tempel).

5Vgl. Schemot 32:2-5, 21-25

6Anscheinend deutet die Tora an, dass Aharón tatächlich anders war als alle anderen Sünder. Das stützt Raschis Behauptung, dass Aharón sich nicht an der Herstellung des Kalbs beteiligte, um es anzubeten, sondern vielmehr, um die Massen, die nach Götzendienst verlangten, zu bremsen. Aber genügt das allein, um Aharón zum Stammvater der Kohanim zu machen?

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