Der Antisemitismus der Aufklärung und der Emanzipation

DeutschDie Juden Europas müssten lange auf Gleichberechtigung warten. Die Aufklärung soll die Emanzipation und damit die Gleichberechtigung und Akzeptanz in der Gesellschaft bringen. Doch war alles längst nicht so rosig. Für die Emanzipation erzwingte die staatliche Obermacht eine erhebliche Schwächung der religiösen Instanzen, um damit die religiöse Praxis und Indentität zu bedrängen, wie ich in dem folgenden Artikel in der jüdischen Allgemeine beschreibe.

In dem Artikel beschreibe ich, wie “es diese Missstände überwiegend während des ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts. Die Judenpolitik Bayerns änderte sich ab 1837 mit der Installierung des Ministeriums Abel, das von einem katholisch-reaktionären Kurs geprägt war. Allerdings hatte die Politik des ersten Drittels jenes Jahrhunderts Kultus und Erziehung der israelitischen Kultusgemeinden der Großstädte bereits dauerhaft geprägt.”

Dies möchte ich hier genauer dokumentieren. Der Historiker Falk Wiesemann beschreibt in einem Aufsatz (Rabbiner und jüdische Lehrer in Bayern während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Staat—Reform—Orthodoxie; in: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern — Aufsätze; München, K.G. Saur, 1988), wie der bayerische Staat mit einem Edikt von 1813 erstens den Wirkungsbereich der Rabbiner erheblich einschränkten und es nämlich auf die “kirchliche Verrichtungen” beschränkten. Alleine damit wurde jüdischen Gemeinden erhebliche Schaden zugebracht, den der Rabbiner ist ja nicht nur Seelensorge, und erst kein Priester, sondern Lehrer und Jurist, der die Gemeinde in bedeutender Masse lenken soll. Zusätzlich schaffte jener Edikt auch Ausbildungsstandarten für Rabbiner, die absichtlich kein oder wenig Gewicht auf traditionelle Fertigkeiten und Kentnisse legte, dafür aber eine Ausbildung verlangte, die deutlich Reformrabbiner bevorzügte. So müssten sowohl neue Rabbiner, als die, die bereits länger im Amt waren, “der deutschen Sprache mächtig, und überhaupt wissenschaftlich gebildet sein” was ein Jeschiwa-Ausbildung, die ja für traditionelle Rabbiner unentbehrlich ist, überhaupt keinen Wert verlieh.

In den Worten von Wiesemann:

[Die] tradierten christlichen Vorbehalte gegen den Talmud [dürften] hineingespielt haben; dies wurde bei den Formulierungen der gutachtlichen Anfragen der Staatsbehörden zu den Essentialia der “mosaischen Glaubenselemente” immer wieder deutlich spürbar. … Die Forderungen des Edikts nach einer “Verbesserung” der Kultusverhältnisse trafen weitgehend mit den Intentionen der jüdischen Reformbewegung zusammen, die den Gottesdienst von als unzeitgemäß empfundenen Elementen befreien und modern und “würdig” gestalten wollte. Deren Vorstellung von einer Umgestaltung des Gottesdienstes tangierte auch die Stellung des Rabbinats. Stark ausgerichtet am Vorbild des evangelischen Pfarrers, sollte der Rabbiner nunmehr in erster Linie Prediger und Seelsorger seiner Gemeinde sein.

Dies war aber nur ein Misstand kurzer Dauer, oder? Kamm doch eine neue konservative Politik ab 1837? Dafür muss ich mit dem hervorragenden deutschen Wort  “Jein” antworten. Zwar änderte sich die Politik zum Guten ab anno 1837, aber der Edikt von 1813 wurde nicht oder nicht ganz aufgehoben. So wird nocht in1853 berichtet, wie viel, oder eher wie wenig Rabbiner “edictmäßig geprüft” wurden (in 1835 hatte es nur einen Rabbiner in ganz Unterfranken geschaft!). Andere dürften nicht angestellt werden.

Außer dem richtete der Edikt von 1813 sehr langfristige Schaden an. Während Jahrzehnten zwingte der Staat die Gemeinden, bestimmten Arten Rabbiner und Lehrer anzustellen. Auch wenn der Edikt nicht mehr durchgesetzt wurde, waren zahlreiche Rabbiner und Lehrer dieser Art bereits in ihren Ämtern, und es war rein menschlich nicht zu erwarten, dass plötzlich all diese Leute mit traditionelleren Rabbinern wo nötig ersetzt werden sollen. Den Gemeinden aufgezwungen, hatten mittlerweile manchen diesen Leuten die Sympathie von ihren Gemeinden erweckt, so dass ihre Einfluß den Edikt von 1813 weit übertrafen.

In dieser Hinsicht ist es besonders bedeutungsvoll, dass – wie ich schreibe:

… wider diesen politischen Druck versuchte man, in München die Verbindung mit der Tradition aufrechtzuerhalten. So berichtet das »Synagogen-Chor-Komitee« am 1. März 1838 in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums: »Deshalb gefällt der Gottesdienst in München so sehr, weil er uns das Alte gelassen, und es als ein Neues uns wiedergegeben hat (…) [Es wird] bei ruhigem, würdevollem Benehmen der Betenden das Gebet ganz nach alter Weise und Sitte, ohne Abänderung und Abkürzung verrichtet.«

Nun, liebe Leser, verstehen Sie das folgendes Zitat meines Artikels bestens:

Zwar war die Hauptsynagoge nicht wirklich orthodox – so hatte sie zum Beispiel wie die frühere Synagoge seit 1876 eine Orgel –, doch muss man die Abweichung von der Tradition in ihrem Kontext verstehen. Wie in vielen anderen deutschen Regionen war die Reformierung zahlreicher Synagogen in Deutschland nicht das Resultat einer natürlichen, organischen, von innen gesteuerten Evolution im Denken der jüdischen Bevölkerung, sondern vielmehr die Folge einer langen, harten, kalkulierten Kampagne der politischen Obrigkeit, die dies als notwendige Bedingung zur Emanzipation der Juden darstellte.

Mehr lesen Sie in meinem Artikel bei der Jüdischen Allgemeine.

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