Sind unsere individuelle Taten von Bedeutung?

DeutschIMG_2955Im Mittelpunkt der zehn Bußtage, die mit Rosch haSchana anfangen und mit Jom Kippur enden, steht unseres persönliches Benehmen während des vergangenen Jahres, und unsere Entschlossenheit, unser Vornehmen, wie wir unser Leben für das nächste Jahr gestalten wollen. Das heißt, an diesen Tage legen wir Rechenschaft ab, über unseren Taten. Sind unsere Taten aber wirklich von Bedeutung?

An diesen Tage werden wir für unsere Taten gerichtet und beten um Verzeihung und Segen für das kommende Jahr.

So sprechen wir im Untane Tokef Gedicht im Mussaf-Gebet von Rosch haSchana (dass in vielen Gemeinden auch an Jom Kippur gesprochen wird):

Wie der Hirte seine Herde prüft, seine Schafe unter seinem Stab hindurchgehen lässt, so lässt Du vorbeiziehen, zählst, berechnest und prüfst Du die Seele jedes Lebewesens und bestimmst die Grenze jedes Geschöpfes und schreibst ihr Urteil. Am Rosch ha-Schana wird eingeschrieben und an Jom Kippur besiegelt wie viele hinübergehen und wie viele geboren werden, wer wird leben und wer wird sterben.

Wie habe ich mich mit meinen Mitmenschen bekommen? Habe ich meine Rechnungen zeitlich bezahlt, meine Angestellte fair behandelt, an den Armen gedacht, die jüdische Erziehung und Kontinuität gewährleistet, mich selber jüdisch engagiert, Tora gelernt, an G“tt gebetet und Seinen Namen durch meine stille Handlungen verkündet und den Schabbat geehrt? Habe ich auf dem, was ich im Mund hineingebracht und aus dem Mund hervorgebracht habe, also auf Kaschrut und auf edle Redeweise geachtet? Wie benahm ich mich meinem Ehepartner, bzw. meiner Ehepartnerin, meinen Eltern und meinen Kindern gegenüber? Das sind die Fragen, die heute im Mittelpunkt stehen.

Jedoch könnte das uns aber dieses Jahr schwer fallen. Die Sirenen, die die israelische Bevölkerung vor den Hamas-Raketen warnten, ertönen noch in unseren Ohren. Es ist vermutlich kaum möglich, die Schofartöne zu hören, ohne auch an den Worten Zewa Adom zu denken, die über Lautsprechanlage die Bevölkerung warnte, sich unmittelbar in Sicherheit zu bringen. Und obwohl der elfte Waffenstillstand mit der Hamas endlich hält, gibt es mit der ISIS keinen Waffenstillstand; die ermorden weiterhin Christen, Jesiden, Schiiten und moderate Sunniten in Syrien und Irak. Gäbe es dort noch Juden, würden sie bereits längst Zielscheibe jener Schurkenregime sein. Das gleiche gilt für den Al Nusra Front in Syrien, der kürzlich eine Menge UN-Soldaten für eine Weile Geisel hielt, und für Boko Haram, die in Nigeria Terror säen.

Wer hat mit solchen großen politischen Themen Zeit für die Kleinigkeiten des Lebens? Ist das nicht etwa kleinlich?

Nur wenn wir keine Verbindung zwischen den persönlichen Taten und den großen internationalen Themen sehen können. In der Wirklichkeit sind sie aber nicht völlig voneinander zu trennen. Unsere persönliche Taten beeinflüßen unsere unmittelbare Umwelt und tragen damit dazu bei, die Art Gesellschaft, in der wir leben, zu bestimmen. Wird unsere Gesellschaft eine, die völlig ihre moralische Anker verloren hat, eine, in der die zwischenmenschliche Harmonie total zerstört wurde, oder eine der Harmonie, Liebe und G“ttesfurcht? Mit den kleinen Taten zahlreicher Menschen bestimmen wir das.

Unser berühmtester Philosoph und halachischer Entscheider des Mittelalters, Maimonides, lehrt folgendes:

צריך כל אדם שיראה עצמו כל השנה כולה, כאילו חצייו זכאי וחצייו חייב; וכן כל העולם, חצייו זכאי וחצייו חייב: חטא חטא אחדהרי הכריע עצמו והכריע את כל העולם כולו לכף חובה, וגרם להם השחתה; עשה מצוה אחתהרי הכריע את עצמו והכריע את כל העולם כולו לכף זכות, וגרם להן תשועה והצלה. זה הוא שנאמר וצדיק, יסוד עולם” (משלי י,כה), זה שצידק עצמו הכריע את כל העולם כולו והצילו. (פרק גמהלתשובה הלכה ח‘)

Der Mensch soll sich während des ganzen Jahres betrachten, als ob er genau so wenig gute Taten als er viele Sünden hat, und dass auch die Taten der ganzen Gesellschaft in diesem fürchterlichen Gleichgewicht stehen. Begeht der Mensch eine einzelne, kleine, scheinbar unbedeutende Sünde, hat er damit seine Waage und die der gesamten Gesellschaft zur Seite der Schuld überhäuft und zerstört damit sich selber und die Gesellschaft. Tut er aber eine Mizwa erfüllen, auch eine scheinbar unbedeutende Mizwa, dann wirft er die Waage damit um und überhäuft sie, sowohl für sich als für die Gesellschaft, zur Seite des Verdienste. Das ist auch die Erläuterung des Verses (Sprüche 10:25): „Der Gerechte ist ein ewig fester Grund“. Das bezieht sich auf dem Gerechten, der die Waage für die ganze Welt zur Seite des Verdienste überhäuft und damit die Welt rettet. (Rambam, Hilchot Teschuwa – Gesetze des Umkehrs, III:8)

Nur wenige von uns sind in der Politik tätig, und kaum jemand sitzt im Bundestag, wird Regierungsminister oder Bundeskanzlerin. Deshalb begrenzt sich unser politisches Engagement auf Leserbriefe, Anwesenheit bei wichtigen Demos und für einigen auch ehrenamtlichen Tätigkeiten. Aber der berühmte chassidische Rebbe Reb Zusia von Annipoli pflegte zu sagen: Ich befürchte nicht, dass mich das himmlische Gericht nach meinem Tod fragen wird, warum ich nicht das Niveau von Mosche erreicht habe, denn ich bin doch nur Zusia. Aber ich befürchte, dass es mich fragen wird: „Zusia, Zusia, warum bist du nicht wie Zusia geworden?!“

Es wird nicht, und kann gar nicht erwartet werden, dass wir dafür gerichtet werden, wieso wir nicht alle Bundeskanzler wurden. Aber, wie wir auf unserem Umfeld mit unseren Taten wirken, wie wir unsere Waage und die der Welt überhäufen, das liegt in unseren Händen, und heute können und dürfen wir uns entscheiden, für das nächste Jahr aufrichtiger, lieber und frommer zu werden, als wir bereits sind. Möge der Schofar nicht nur in unseren Ohren, sondern auch in unseren Herzen ertönen.

[Predigt an Rosch haSchaná 5775]

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