Die Macht des Gesanges – Gastbeitrag

ramesses_ii_on_chariot

Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Oberkantor Shmuel Barzilai

Damals sang Mosche mit den Kindern Israels dieses Lied dem Ewigen.” (Schemot 15:01)

Gerade erst hatten die Benej Jissraël Ägypten verlassen und das große Wunder der Meeresspaltung erlebt, dann sangen sie ein Loblied, das wir Schira nennen. Die erste Frage, die sich hier stellt ist, was ist an einer Schira, einem Loblied, so beson­ders, das genau dieses die erste Reaktion auf das Wunder war? Die zweite Frage ist, wieso singen die Benej Jissraël erst jetzt? Waren die Wunder um den Auszug von Ägypten nicht genug um ein Loblied anzustimmen?

Spontan oder geplannt?

Die erste Antwort finden wir in Raschis Kommentar zu diesem Vers. Er schreibt, dass Mosche zuerst das Wunder der Meeresspaltung sah und anschließend den Entschluss fasste, ein Loblied zu singen. Nach dieser Erklärung war diese Schira nicht vorher geplant, sondern eine spontane Reaktion auf das Wunder. Mit der Schira bringt der Mensch, der soeben ein überwältigendes Ereig­nis, so wie die Spaltung des Meeres erlebt hat, das eigentlich gegen jede Logik und Vorstel­lungs­kraft geht, seine Dankbarkeit zum Ausdruck, sobald er aus der unmit­tel­baren Sprach­losig­keit hinauskommt.

Warum erst jetzt?

Wenn die Schira aber eine spontane Reaktion auf einem übernatürlichen Wunder war, warum warteten Mosche und die Benej Jissraël dann bis nach der Spaltung des Roten Meeres um das Loblied zu singen und stimmten nicht schon nach dem Auszug aus Ägypten eines an?

Die Antwort ist, dass, um ein Loblied für G”tt zu singen man zuerst an Ihn glauben muss. Der Midrasch Rabba (Beschalach, Abschnitt 23:2) zitiert Rabbi Abahu, der sagt, dass obwohl es steht, dass die Benej Jissraël in Ägypten an den Ewigen glaubten (Wajeamen ha’Am – „und das Volk glaubte“), sie doch leise Zweifel hatten die erst bei der Spaltung des Meeres beiseite geräumt wurden.

Schira als außergewöhnliche Liturgie

Der gleiche Midrasch (Abschnitt 4) schreibt auch über die wichtige Bedeutung der Schira: „Von dem Tage der Welterschaffung bis zu dem Tag, den dem die Benej Jissraël das Lied am Meere sangen, gab es niemanden der für den Ewigen ein Loblied angestimmt hatte“.

Die Gemara (Brachot, 6) betont ebenfalls die Wichtigkeit der Schira: „… das Gebet des Menschen wird nur in einem Gebetshaus erhört, so wie es steht: ‘Lischmoa el HaRina we’el HaTefila – Hör auf unser Flehen und unsere Gebete’ – dort wo gefleht wird, dort soll gebetet werden“. Raschi kommentiert hier, dass „Rina“ – was wörtlich Flehen bedeutet, in diesem Kontext Lobgesang bedeutet – also dass dort die Gebete erhört werden, wo Lobgesänge (Schira) an den Ewigen gesagt werden.

G”tt wählt die Schira

Rabbiner Israel Taub, der erste Admor von Modzitz, einem Chassidus welche für ihre Liebe zur Musik und ihren spirituellen Melodien bekannt ist, betont, dass die Beracha, der Segenspruch von „Bocher baTora“ – „(dass) der (Ewige) die Torah auserwählt hat“ nur einmal in der Woche gesagt wird (nach der Lesung der Haftara am Schabbat), aber die Beracha von „Ha-bocher be-Schirej Simra“ – „(dass) der (Ewige) Wohlgefallen an Lobgesängen hat“ jeden Tag gesagt wird! Die Macht des Gesanges kann anregen und inspirieren und ist ein spiritueller Ausdruck des Geistes, der innersten Gefühle – und bringt so einen Menschen näher zu G”tt.

Freude

Der Midrasch Rabba, den wir vorher erwähnt haben, endet mit den folgenden Worten: „Warum wir das Wort „As“ – „Damals“ (As jaschir Mosche ─ „Damals sang Mosche…“) verwendet?“ Der Midrasch antwortet, dass das Wort „As“ ein Ausdruck von Simcha, von Freude ist da im Judentum die spirituelle Freude eine sehr hohe Stellung hat.

Der Kusmirer Rebbe (1812-1856) schreibt zu dem Vers Ki Besimcha Teze’u – “mit Freuden werdet ihr rausgehen“ – dass die Simcha einen aus jeder schweren Lage befreien kann, und wenn man auch in schier unmöglichen Situationen trotzdem mit Freude und Zuversicht ist, man aus diesen Situationen mit gestärktem Glauben und stärker als zuvor rausgehen kann.

Fazit

So war auch die Jeziat Mizraim – das Raus­gehen aus Ägypten, welches in dem Wunder der Meeres­spaltung kulminierte, ein Ereignis das die Benej Jissraël zum Gesang bewegte – nicht nur als Loblied für G”tt, sondern auch als ein Ausdruck der Freude und Erleichterung, nach 210 Jahren Versklavung endlich von den Ägyptern befreit worden zu sein und sie nicht mehr fürchten zu müssen.

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