Der fromme Vogel

flag-ch_de-tinyAnders als bei den grösseren Säugetieren, den Wassertieren und den kleinen Landtieren,1 gibt uns die Torá bei den Vögeln keine Kenn­zeichen dafür an, ob sie koscher sind. Stattdessen zählt sie zwanzig fliegende Wirbeltiere auf,2 die verboten sind. So könnten wir durch Elimination ermitteln, welche Vögel koscher sind.3 Der Talmúd analysiert die Liste (s. Talmúd Bawlí Chullín 63a-b). Er verbindet die biblischen Namen mit zeitgenössischen Bezeichnungen der Arten und entwickelt eine Reihe von Kennzeichen, durch die wir bestimmen können, ob ein Vogel koscher ist oder nicht.

In der Aufzählung der verbotenen Vögel fällt einer aus dem Rahmen,4 weil er eine positive Eigenschaft hat. Es ist die חַסִידָה, der Storch.5 Er heisst so, weil er seiner Familie mit חֶסֶד, liebevoller Güte, begegnet. Worin besteht sie? Raschi (zu Wajikrá 11:19) hebt hervor, dass der Storch seine Nahrung mit seiner Familie teilt. Dazu fragt der Rushiner Rebbe: Wenn dieser Vogel mit seinem frommen Namen tatsächlich so liebevoll ist, warum ist er nicht koscher? Der Rebbe antwortet, dass die חַסִידָה sehr wählerisch ist. Für ihre unmittelbaren Verwandten, ihre Kinder, sorgt sie viel, aber sie beschränkt ihre Güte (חֶסֶד) ganz auf ihre Familie und gewährt sie niemandem sonst (auch nicht anderen Tieren derselben Art). Eine solche Ausschliesslichkeit ist nach dem Rushiner Rebbe ein Charakterzug, von dem Juden sich fernhalten sollten.

Viele von uns kennen diese Interpretation vielleicht, wie auch viele andere Juden. Natürlich verurteilen wir es alle, andere auszu­schliessen, aber leider muss man beobachten, dass das noch immer geschieht – häufig und vielerorts.

Nachdem wir freudig den Seder gefeiert haben und guter Stimmung sind, ist nun eine gute Gelegenheit, den Einschluss anderer zu betonen – vor allem in der ‘Ómerzeit, in der wir an die 24’000 Schüler von Rabbi ‘Akiwa denken, die starben, weil sie einander nicht respektierten.

Rituale sind nicht nur bei der Erfüllung von Mizwót zwischen dem Menschen und dem Schöpfer wichtig. Sie tragen auch dazu bei, im zwischenmenschlichen Bereich gute Gewohnheiten auszubilden. Wenn man darauf Wert legt, seinem Ehepartner und seinen jüngeren Kindern wenigstens einmal am Tag zu sagen, dass man sie liebt, so ist das nicht eine bedeutungslose Floskel, sondern eine Erinnerung an eine wichtige Tatsache (so sollten wir hoffen). Das gleiche gilt, wenn man sich bemüht, wenigstens einmal am Tag einen anderen Juden zu grüssen. So kann sich jeder sein eigenes Ritual ausdenken, das andere gesellschaftlich einschliesst, und es regelmässig praktizieren, um das dahinter stehende Prinzip zu fördern.

Es gibt 49 Tage im ‘Ómer, 49 Stufen, 49 Möglichkeiten zum Wachstum. Ich bete dafür, dass wir, während wir Schawu‘ót näher kommen, unseren wachsenden Wunsch nach gesellschaftlichem Einschluss und Zusammenhalt feiern können – כּאִישׁ אֶחָד בְּלֵב אֶחָד ‘wie eine Person und mit einem Herzen’, wie unsere Weisen das genannt haben, in perfekter Harmonie, so dass jeder Einzelne Teil eines grösseren Ganzen ist.

Rabbiner Arie Folger,
Predigt zu Paraschát Scheminí,
24. Nissán 5766 (22. April 2006)

1Die Klassifikation der Torá unterscheidet sich von der biologischen Taxonomie, weil sie ein anderes Ziel hat. Die Torá lehrt uns die spirituellen Eigenschaften verschiedener Arten von Lebewesen, während die Biologie anatomische Ähnlichkeiten sucht.

219 Vögel und ein Säugetier, die Fledermaus. Der Talmúd Bawlí (Chullín 63a-b) zeigt mit Mitteln der Exegese, dass die Liste 24 Arten enthält.

3Das ist aber für die praktische Halachá von geringem Wert, weil wir befürchten müssen, dass wir einige der Vögel in der Liste nicht genau identifizieren können. Daher erlauben wir nur solche Vögel, von denen durch Überlieferung bekannt ist, dass sie koscher sind.

4Tatsächlich fallen zwei Vögel auf. Der andere ist der רָחָם, der Geier, der nach Rabbi Jochanán den Regen der Barmherzigkeit (רַחֲמִים) ankündigt. Das ist aber kein bewusstes Verhalten, sondert ein zufälliges Zusammentreen: Dieser Geier tritt in Israel typischerweise zu Beginn der Regenzeit auf (s. Maharschá und Maharál, Chidduschéj Aggadót z.St.). Bei der חַסִידָה wird dagegen eher ein Verhalten beschrieben.

5So Raschi. Andere bezweifeln, dass es sich um den Storch handelt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: