Der wandernde Jude

Jährlich tun viele von uns ein paar Wochen lang das, womit unsere Vorväter so viel Erfahrung hatten: umherwandern. Aber im Unterschied zu unseren Vorvätern tun wir das nicht deshalb, weil wir ins Exil gezwungen werden, sondern weil wir es wollen. Die Gesellschaft, in der wir leben, hat sogar ein Wort gefunden, das unsere jährliche Pilgerreise und unser selbst auferlegtes Exil beschreibt: Urlaub. Selbst die, die sich dafür entscheiden, zu Hause zu bleiben, werden Urlaub machen. Sie werden zwar nicht körperlich umherwandern, aber während sie ausruhen, werden sie in ihren Gedanken genauso wandern.

Im Urlaub machen manche von uns eine Kulturreise und erkunden fremde Städte, andere wenden ihre Aufmerksamkeit der Schönheit dieser Welt zu, die Gott für uns geschaffen hat. Manche schauen Bäume und Steine an, aus denen Menschen Gebäude errichtet haben, und andere suchen sie in ihrer ursprünglichen, unverarbeiteten Form, z.B. im Wald. Auch in unserer Paraschá finden wir Reisende, Touristen – es begegnen uns die Kundschafter, die Israel besuchen, dann willige und unwillige Reisende, die die ‘Alijá erwägen, und schliesslich ein Wanderer, der sich in der Wüste mit Hölzern beschäftigt, aber am falschen Tag. Wenn wir ein wenig weiter suchen, vor allem in den Paraschijót, die wir in den letzten beiden Monaten gelesen haben, finden wir auch Pilgerreisende und Menschen, die sich aus den richtigen Gründen mit Hölzern und Steinen befassen.

Insgesamt können wir zu Recht zu dem Ergebnis kommen, dass die Torá das Thema des Reisens ziemlich ausführlich erörtert. Bei allen Arten von Reisen, von Geschäfts  und Pilgerreisen bis zu Familien­ferien und Expeditionen, gibt es Reisende, die durch ihre Erfahrungen höher gestiegen sind, und andere, die sich tiefer in die Erde eingegraben und sogar weitere Nägel in ihre Särge geschlagen haben.

  • Der Familienbesuch: Jitró reiste in die Wüste, um seinen Schwiegersohn zu sehen, und wurde dadurch spirituell bereichert. Nach unseren Weisen war seine Entscheidung, das Volk Israel zu verlassen und zu seiner Familie in Midján zurückzukehren, durch den Wunsch motiviert, seine Familie zum Judentum zu bringen, und tatsächlich schlossen sich seine Nachfahren dem jüdischen Volk an (Bamidbár 10:29-32 und Ramban z.St.).
  • Der Kreativurlaub: Unsere Vorfahren, die Material und Arbeit zum Bau des Mischkán beitrugen, sammelten Rohstoffe aller Art und betätigten sich in verschiedenen Handwerken. Dadurch verdienten sie es schliesslich, dass die göttliche Gegenwart auf dem Werk ihrer Hände ruhte Schemót 35:21-36:7, 40:34-35). In unserer Paraschá sammelt dagegen ein anonymer Mann am Schabbat Holz und bekommt dafür die Todesstrafe (Bamidbár 15:32-36).
  • Die Kulturreise: Zwölf Kundschafter ziehen los, um Israel (damals noch Kená‘an) und seine Bewohner kennen zu lernen. Zehn verführen das ganze Volk Israel zur Verwerfung des Landes Israel und bekommen die verdiente Strafe, während zwei, Jehoschúa‘ und Kaléw, aus derselben Reise spirituelle Energie gewinnen und gegen die blasphemischen Aufrufe ihrer Kollegen Widerstand leisten (Bamidbár 14:6, 14:38).
  • Der lange Trek: Unsere Vorfahren verhielten sich in Bezug auf eine mögliche ‘Alijá recht zögerlich. Statt direkt nach Israel zu ziehen, verlangten sie erst einen Augenzeugenbericht von den Kund­schaftern (Dewarím 1:22). Für diesen Wunsch und dafür, dass sie später den zehn verleumderischen Berichterstattern glaubten, wurden sie bestraft (Bamidbár 14:22-23). Als sie erfuhren, dass sie 40 Jahre in der Wüste bleiben sollten, bis eine ganze Generation gestorben war, erkannten sie ihren Fehler und zogen plötzlich ohne Erlaubnis los, um das Land Israel zu erobern. Das Ergebnis war, dass sie von ihren Feinden geschlagen wurden (Bamidbár 14:39-45). Andererseits kommen diejenigen, die sich an diesen Sünden nicht beteiligten, schliesslich doch nach Israel; sie besiegen die Angreifer Sichón und ‘Og in Windeseile und erobern rasch wesentliche Teile des verheissenen Landes (Bamidbár 21:21-35).

Es gibt also offensichtlich gute und schlechte Reisen, nützliche und katastrophale. Bevor wir zu unseren diversen Reisen aufbrechen, sind vielleicht ein paar Vorschläge nützlich, wie wir unsere Reisen in spiritueller Hinsicht erfolgreich machen können. Urlaub ist nicht Purím, wir verkleiden uns nicht. Wir sind und bleiben Juden, auch während den Ferien. In den Ferien bringen wir einfach andere Seiten von uns selbst zum Ausdruck, und damit ist die Herausforderung verbunden, wozu das wahre „Ich“ fähig ist. Werden wir der Herausforderung gerecht? Können wir zeigen, dass der Tag mit einem Gebet beginnt? Denken wir daran, Siddúr und Tefillín mitzunehmen, oder versagen wir und machen unsere Reise spirituell öde?

Wir werden Touristen sein, aber zuallererst Juden. Wir sind jüdische Touristen und nicht Touristen, die aus dem Judentum heraus und wieder hinein reisen. So haben wir im Urlaub die Gelegenheit zu beweisen, dass die Pflicht, koscher zu essen, an jedem Ort und zu jeder Zeit gilt. Für viele Länder gibt es Kaschrutlisten, und sie sind ebenso wichtig wie die Landkarten, an denen wir uns auf der Fahrt orientieren.

Nicht nur denen, die diese Mizwót nicht genau halten, sondern allen von uns sei gesagt: Stellen wir uns vor, was für ein Kiddúsch ha-Schem, was für eine Heiligung von Gottes Namen es ist, wenn wir unseren Urlaub dazu nutzen, noch bessere Juden zu sein als während dem Rest des Jahres!

Der Rambam (Maimonides) schlägt vor, dass wir uns dadurch zur Teschuwá bringen sollten, dass wir die Natur betrachten und sehen, wie gross die Werke Gottes sind – und wie unbedeutend der Mensch (Vgl. Rambam, Mischné Torá, Hilchót Jessodéj ha-Torá 2:2). Dadurch steigern wir sowohl unsere Liebe zu Gott als auch unsere Bescheidenheit. Die Ferien bieten dafür wirklich eine besondere Chance. Mögen wir sie alle gut nutzen.

Rabbiner Arie Folger,
Predigt zu Paraschát Schelách,
28. Siwán 5766 (24. Juni 2006)

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