Zurück zur Ehrfurcht

Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Ihnen bewusst wurde, wie majestätisch unsere Basler Synagoge ist? Vielleicht waren Sie ein Kind oder, wie ich, schon ein Erwachsener, als sie diese massiven Mauern gesehen haben, die schon seit fast 140 Jahren jüdische Gebete aufnehmen. Waren unsere Gebete damals nicht anders? Erinnern Sie sich daran, wie Sie als Kind zum ersten Mal die enorme Bedeutung des Gebets verstanden haben? Wie Ihnen klar wurde, dass Sie als ein einfacher Mensch, dem man noch keine Autoschlüssel und vielleicht nicht einmal Hausschlüssel anvertraut, mit dem Herrn der Welt sprechen und gehört werden können? Vielleicht geschah das an einem Jom Tow, vielleicht an einem gewöhnlichen Schabbat oder an einem Wochentag, aber das Gebet war sicherlich damals anders. Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie Sie plötzlich nach einer bestimmten Hebräischstunde oder einem bestimmten Schi‘úr über Tefillá (Gebet) inspiriert waren, als Sie jene Worte lasen oder sie von Kantor und Chor gesungen hörten.

Vielleicht finden manche von uns inzwischen, dass das Gebet etwas Gewöhnliches geworden ist – eine rituelle Unterbrechung der ebenso gewöhnlichen Unterhaltungen, die den grössten Teil der Zeit aus­füllen, die wir in der Synagoge verbringen. Leider ähnelt unser Gebet oft dem, was Rabbi Eli‘èser in der Mischná kritisiert:

הָעוֹשֶׂה תְפִלָּתוֹ קֶבַע אֵין תְּפִלָּתוֹ תַּחֲנוּנִים

wer sein Gebet zu einer festen [Routine] macht, dessen Gebet ist kein [echtes] Flehen (Mischná Berachót 4:4)1

Vielleicht ist es manchmal leider passend, uns mit einem Verkehrs­flugzeug zu vergleichen, das mit Autopilot fliegt. Unser spirituelles Leben ist oft auf Autopilot gestellt, und wir merken nicht einmal, dass wir langsam immer mehr vom Kurs abkommen.

Denken wir nicht manchmal sehnsüchtig an die Zeiten, in denen wir spontan und inbrünstig beten konnten? Können wir diese Gefühle und diese Inspiration überhaupt zurückholen, oder sind das Gefühle, die nur Kinder und Jugendliche in ihrer Unschuld empfinden können?

Wir haben sicherlich alle auch als Erwachsene Augenblicke der Inspiration erlebt, Augenblicke, wo uns ein spiritueller Blitz getroffen und wachgerüttelt hat, wenn auch manchmal nur für einen flüchtigen Moment. Wir können uns zweifellos wieder in diesen höheren Zustand versetzen. Wenn es wahr wäre, dass nur Kinder und Jugendliche eine solche Steigerung der Spiritualität erfahren können, müssten wir einfach das Kind in uns wecken, die Unschuld in unseren Herzen herausholen, die äusserlich durch die Wechselfälle des Lebens korrumpiert worden ist. Wenn wirklich nur Kinder und Jugendliche eine solche Steigerung der Spiritualität erfahren können, wäre es gut, wenn wir wieder Kinder werden und bleiben könnten, denn die spirituelle Reise ist der wirkliche Sinn des Lebens.

Glücklicherweise können jedoch auch Erwachsene ein spirituelles Erwachen und Wiedererwachen, Ehrfurcht und Inspiration erleben, und sie tun das auch. Aber wie geht das?

Der Rambam (Maimonides) schreibt:

והיאך היא הדרך לאהבתו ויראתו? בשעה שיתבונן האדם במעשיו וברואיו הנפלאים הגדולים ויראה מהם חכמתו שאין לה ערך ולא קץ, מיד הוא אוהב ומשבח ומפאר ומתאווה תאווה גדולה לידע השם הגדול כמו שאמר דויד, צמאה נפשי לא להים, לא ל חי [תהילים מב:ג].

Und welcher Weg führt zu Liebe und Ehrfurcht vor Ihm [d.h. Gott]? Wenn ein Mensch Seine grossen wunderbaren Taten und Schöpfungen betrachtet und dadurch Seine Weisheit wahr­nimmt, die kein Mass und kein Ende hat, so wird er Ihn sofort lieben, loben und preisen und ein grosses Bedürfnis haben, den Grossen Namen zu kennen, wie David sagt: „Es dürstet meine Seele zu Gott, zum lebendigen Gott“ [Tehillím 42:3]. (Mischné Torá, Hilchót Teschuwá 2:2)

Während des Sommers tauschen die meisten von uns unseren Alltag gegen eine besondere, ganz und gar moderne Erfahrung ein: Wir reisen zu fernen Bergen, Ebenen, Meeren und Städten und machen das, was wir Ferien nennen. Der Rambam hat recht; die Ferien richten uns auf und können uns hoch erheben. Während des Jahres rennen wir von einer Verpflichtung zur nächsten. Wenn wir das Glück haben, morgens zum Minján zu gehen (und wir wissen alle, dass zu wenige in unserer Gemeinde dieses Glück haben), rennen wir. Dann rennen wir zum Frühstück, und dann rennen wir zur Arbeit. Abends sind wir schon zu müde, um uns richtig auf die Worte des Minchá  und Ma‘aríw-Gebets zu konzentrieren. Sogar an Schabbat sind wir müde von der ganzen Woche und sind mit unseren Gedanken oft bei beruflichen Angelegenheiten.

Aber in den Ferien hindert uns nichts daran, täglich zu beten und langsam zu beten, uns mehr Zeit zu nehmen, um täglich einen Abschnitt der Torá oder ein Kapitel Mischná zu lernen. Und wir haben auch keinerlei Entschuldigung dafür, das nicht zu tun. Die Ferien sind eine Zeit, in der wir bei der Einhaltung der Mizwót besonders sorgfältig sein können und sollen – und es war nie so leicht wie heute. Die Koscherlisten vieler Länder, die Adressen von Synagogen und Mikwa’ót, sogar die Zeiten für Gebete und vielerlei Schi‘urím sind im Internet zu finden. Wir sind wohlhabender geworden, und vielerorts gibt es koschere Hotels, ob in den Alpen, am Meer oder sonstwo. Jede grosse Stadt hat ein koscheres Restaurant oder sogar mehrere, viele mit verlässlicher Kaschrút-Überwachung. Wir müssen uns nur entschliessen, aus unseren Ferien spirituelle Energie zu ziehen, statt darauf zu verzichten.

Ferien können spirituell erhebend sein, aber auch katastrophale Folgen haben. Wenn uns in der Zukunft das himmlische Gericht fragt, warum wir nicht jeden Tag zum Minján gekommen sind oder, wenn wir gekommen sind, warum wir nicht aufmerksam gebetet haben, warum wir den täglichen Termin, den Gott mit uns gemacht hat, verpasst haben – dann werden wir verlegen sagen, dass die Arbeit und familiäre Verpichtungen uns von der richtigen Kawwaná (konzentrierten Aufmerksamkeit) abgehalten haben. Aber was werden wir sagen, wenn wir zu Schabbat und Sonntag befragt werden? Und was werden wir sagen, wenn man uns nach den Ferien fragt?

Wissen Sie, was wir antworten werden? Dass wir Tallít und Tefillín, Siddúr und Chumásch mitgenommen und benutzt haben und noch mehr. Dass wir Zeiten für das Lernen und für die Besinnung reserviert haben. Dass wir nie vergessen haben, uns nach den kulinarischen Strassenkarten, den Koscherlisten, zu richten. Wir werden antworten, dass unsere Ferien erhebend sind und eine geeignete Vorbereitung auf den Monat Elúl und die Hohen Feiertage. Das sollten wir uns für diese Zeit vornehmen.

Rabbiner Arie Folger,
Predigt zu Paraschát Schelách,
23. Siwán 5767 (9. Juni 2007)

1Die Gemará erläutert dazu:

Rabbi Eli‘èser sagt: Wer sein Gebet zu einer festen [Routine] macht, usw. Was bedeutet „eine feste [Routine]“? – Rabbi Ja‘aków bar Idí sagt im Namen von Rabbi Oschá‘ja: [gemeint ist] jeder, für den das Gebet wie eine Last ist. Die Rabbinen sagen: jeder, der es nicht in einer Ausdrucksweise des Flehens sagt. Rabbá und Rabbi Josséf sagen beide: jeder, der darin nichts Neues einfügen kann. R’ Sejrá sagt: Ich könnte etwas Neues einfügen, aber ich befürchte, dass ich dann durcheinander kommen würde. (Talmúd Bawlí Berachót 29b)

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