Nicht alles, dass glänzt, ist Gold

DeutschPredigt vom 1. Tag Sukkót, 15. Tischréj 5768 (27 September ’07)

Nicht alles, dass glänzt, ist Gold

von Rabbiner Arie Folger

Die Torá befiehlt uns, an Sukkot פְּרִי עֵץ הָדָר (Perí ‘Etz hadár) zu nehmen.1 Was bedeutet פְּרִי עֵץ הָדָר, und was kann uns dieser Ausdruck über die Wirkung und den Zweck der Mizwá sagen? Ich möchte hinzufügen, dass wir eine Mizwá nie vollständig erklären können. Sie ist in ihrem Wesen ein g”ttlicher Befehl, und der Mensch kann sich ihrer Bedeutung zwar annähern, aber sie nie ganz erklären. Trotzdem sind unsere Fragen berechtigt: Was bedeutet פְּרִי עֵץ הָדָר, und was wird damit symbolisiert?

Ibn Esrá übersetzt hadar als ‘schön’ und versteht es als ein Adjektiv, das Perí ‘Etz näher bestimmt. Der Rambán (Nachmanides) meint dagegen, dass hadár die hebräische Bezeichnung des Etrógs, botanisch citrus medica, sei.2 Ferner erklärt er, dass hadár ‘begehrenswert’ bedeute. Diese begehrenswerte Frucht war tatsächlich das Objekt einer bekannten verbotenen Begierde – der nach dem ‘Ez ha-Dá’at, dem Baum der Erkenntnis, von dem die Eltern der ganzen Menschheit, Adám ha-Rischón und Chawá, assen. Es war nicht ein Apfel, wie es christliche Maler irrtümlich gerne darstellen, sondern gemäss den verschiedenen Meinungen im Midrásch eine Feige, Trauben, Weizen oder – ein Etróg.
Schönheit und Begierde spielen in der westlichen Kultur eine ganz zentrale Rolle. Die heutige freizügige Moral geht davon aus, dass das, was Begierde weckt, auch glücklich macht und daher gut ist. Da spielt es keine Rolle, dass die Gleichung Begierde = Glück oder auch Glück = gut nicht notwendigerweise aufgeht. Aber kommt es nie vor, dass wir am Ende unglücklich sind, wenn wir entsprechend unserer Begierde handeln? Wachen wir nie mit Zweifeln daran auf, ob wir wirklich so stolz und glücklich über das sind, was uns noch gestern als Quelle des Glücks erschien?

Die Torá lehrt dagegen durch den Bericht vom ‘Ez ha-Dá’at, dass manchmal das, was uns gut erscheint, letztlich doch nicht gut ist.

Wir sind manchmal so von der Kultur unserer Umgebung beeinflusst, dass wir irrtümlich nur das sehen, was die Halachá verbietet, ohne zu verinnerlichen, welche Bedeutung das hat. Folglich sind wir hin und hergerissen zwischen dem, was als gut gilt, und dem, was unser Gewissen billigt. So erscheint z.B. Zeni‘út, Zurückhaltung in Kleidung und Verhalten, im Widerspruch zu dem Glück zu stehen, das eine freizügige Kleidung bietet. Indem man ausserdem Zeni‘út als etwas betrachtet, was ausschliesslich Frauen betrifft, wird ein in Wahrheit gar nicht bestehender Konflikt zwischen der Halachá und dem Status der Frau geschaffen. Aber diese falschen Darstellungen sind eben das, … nichts anderes als falsche Darstellungen.

Wenn wir ein wenig nachdenken, beginnen wir zu verstehen, dass ein Objekt der Begierde nicht unbedingt Glück bringt, und dass weltliches Glück nicht unbedingt ein höchstes Gut ist. Es stimmt, manche Begierden machen glücklich und manches Glück ist auch letztlich gut – aber das gilt eben nur in manchen Fällen, nicht in allen.

Dadurch, dass die Halachá von Männern und Frauen Zurückhaltung in Kleidung und Verhalten verlangt, eröffnet sie eine Möglichkeit, die vielen Menschen in der westlichen Kultur verschlossen ist: mit Personen des anderen Geschlechts auf eine wirklich gesunde, nicht-sexuelle Art Kontakt zu haben; als ganzer Mensch wertgeschätzt zu werden, und nicht nur als Körper; von anderen bei der Arbeit, in der Schule und sonst, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen, ernst genommen und nicht ständig beäugt zu werden. Letztlich liegt sehr viel Glück und sehr viel Gutes darin, wenn Menschen nicht in so vielen Situationen auf ihren Körper reduziert werden.

Ein Künstler erzählte einmal einem Rabbiner über einige seiner neuen Werke, fügte aber rasch hinzu: „Sie werden meine Skulpturen nicht schön finden, weil sie vom weiblichen Körper inspiriert sind“. Daraufhin erwiderte der Rabbiner: „Warum sollte ich sie nicht schön finden? Es kann durchaus sein, dass sie schön sind, aber nicht alles, was schön ist, muss für alle oder überall zu sehen sein.“
Die Mizwá, als Bestandteil der arba‘ Minim einen Etróg zu nehmen, ist nach dem Rambán eine Wiedergutmachung für die Sünde von Adám und Chawá. Wir ordnen den Etróg dem Luláw unter, um zu symbolisieren, dass sich der Mensch vor G”tt in Gehorsam beugt. Wir verbinden damit die Myrtenzweige (Hadassím), die für die Gegenwart G”ttes in der Welt stehen, und die Weidenzweige (‘Arawót), die den Himmel symbolisieren.3

Adám und Chawá hatten missverstanden, warum die Frucht einen schönen Anblick bot und Begierde weckte (sie war „lieblich zu betrachten“ und „eine Lust für die Augen“, Bereschít 3:6), und daher übertraten sie die einzige Mizwá, die sie hatten. Wir bringen diese falsche Einstellung mit den arbá‘ Miním in Ordnung, indem wir den Etróg in den richtigen Rahmen von G”ttesfurcht und Einhaltung der Torá stellen. Sollten wir uns nicht zu Herzen nehmen, dass wir im Gegensatz zu dem Hedonismus um uns herum, der alles erlaubt, verstehen und wissen, dass etwas Vulgäres nicht schön ist und dass etwas Schönes nicht herabgewürdigt und vulgär gemacht werden sollte? Wenn wir die Sukká betreten und uns dadurch mit einer Mizwá umgeben, können wir beschliessen, uns nicht mehr der Herabwürdigung zu unterwerfen, die unter manchen irregeleiteten Menschen als modisch oder aus anderen Gründen als erstrebenswert gilt. Bei der nächsten Gelegenheit werden wir auf unsere Würde achten und damit auch die Würde der Menschen um uns herum steigern. ‘Alú we-hatzlíchu!

1Wajikrá 23:40
2Torákommentar von Nachmanides ebenda
3Vgl.לְרֹכֵב עַרָבוֹת (Tehillim 68:5)
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