Weshalb hatte das Meer sich spalten müssen?

Der Zweck des Keri‘át Jam Ssuf1

War das Wunder von Keriát Jam Ssuf (der Spaltung des Schilf­meeres) nötig? Was war sein Zweck?

Auf den ersten Blick wirken diese Fragen seltsam. Archäologen haben Beweise dafür gefunden, dass die östliche Landgrenze Ägyptens, zur Halbinsel Sináj hin, schwer befestigt war und dass es alle paar Kilometer ägyptische Forts gab.2 Das Wunder war also ganz einfach nötig, um unsere Vorfahren aus Ägypten herauszubringen.

Aber haSchém, der allmächtige Gott, der allgewaltige eine und einzige Gott, hätte doch auch ein anderes Wunder machen können. Er hätte z.B. unsere Vorfahren auffordern können, stolz zwischen zwei Forts hindurchzuziehen und die Ägypter zu verhöhnen, und Er hätte den Ägyptern durch irgendetwas Angst einjagen oder sie sogar vernichten können. Um es etwas anders auszudrücken, lautet die Frage also: Wurde das Meer nur deshalb gespalten, weil das der einfachste Ausweg war, oder wurde dieses Wunder aus einem bestimmten Grund oder aus bestimmten Gründen gewählt? Und können wir im zweiten Fall einige dieser Gründe ermitteln?

In einem anderen Aufsatz3 dieses Buches erörtet dieser Autor, dass die aussergewöhnlichen biblischen Wunder einmalige Augenblicke in der Geschichte waren, die jedoch keinen dauerhaften Eindruck auf unsere Vorfahren machten. Irgendwie hat uns Gott mit einem enorm starken freien Willen geschaffen. Unsere Vorfahren erlebten die ungewöhnlichsten Wunder. Sie sahen, wie sich das Meer spaltete, nachdem sie beobachten konnten, wie Ägypten infolge der zehn Plagen in die Knie ging. Und dennoch wird in den Psalmen berichtet:

אֲבוֹתֵינוּ בְמִצְרַיִם לֹא־הִשְׂכִּילוּ נִפְלְאוֹתֶיךָ לֹא זָכְרוּ אֶת־רֹב חֲסָדֶיךָ וַיַּמְרוּ עַל־יָם בְּיַם־סֽוּף׃

Unsere Vorväter in Ägypten achteten nicht auf Deine Wunder, gedachten Deiner vielen Liebestaten nicht und trotzten am Meer, am Schilfmeer. (Tehillím 106:7)

Das bezieht sich nach Rabbi Davíd Kímchi4 auf die Episode unmittelbar vor der Spaltung des Schilfmeers. Die Torá beschreibt sie so:

וַיֹּאמְרוּ אֶל־מֹשֶׁה הֲמִבְּלִי אֵין־קְבָרִים בְּמִצְרַיִם לְקַחְתָּנוּ לָמוּת בַּמִּדְבָּר מַה־זֹּאת עָשִׂיתָ לָּנוּ לְהוֹצִיאָנוּ מִמִּצְרָיִם׃

Sie sagten zu Moschè: Hast du denn, weil es keine Gräber in Ägypten gab, uns mitgenommen, damit wir in der Wüste sterben? Was hast du uns da getan, uns aus Ägypten herauszuführen?! (Schemót 14:11)

Die Wunder hatten also unsere Vorfahren nicht dauernd und bedeutungsvoll beeindruckt. Rambam (Maimonides) bemerkt sogar treffend, dass:

משה רבנו–לא האמינו בו ישראל, מפני האותות שעשה: שהמאמין על פי האותות–יש בליבו דופי, שאפשר שייעשה האות בלאט וכישוף. אלא כל האותות שעשה במדבר, לפי הצורך עשאן–לא להביא ראיה על הנבואה:

Die Kinder Israels glaubten an Moschè nicht wegen der Wunderzeichen, die er machte. Denn jemand, der aufgrund von Wundern glaubt, hat einen Fehler im Herzen, weil man Wunderzeichen auch durch Geheimkünste und Zauberei machen kann [was nach Rambam lediglich geschickte Täuschungen sind]. Vielmehr dienten alle Wunder, die er in der Wüste machte, einem Zweck und nicht dazu, einen Beweis für seinen Status als Prophet zu bringen.5

Eher sollten die Wunder praktischen Zwecken haben. Er erklärt deshalb, dass das Meer gespalten wurde, damit die ägyptische Armee ertränkt werden konnte. Uns fällt dabei auf, dass Rambam nicht meint, das Wunder sei nötig gewesen, um das Volk Israel zu retten. Das wäre auch ohne ein Wunder möglich gewesen. Gott wollte jedoch die ägyptische Armee vernichten.

Die Ansicht, dass Wunder einem praktischen Zweck dienen und nicht in erster Linie als Beweis für die Gläube fungiert, wird auch durch die weitere Geschichte bestätigt. Wir lesen ja immer wieder, dass unsere Vorfahren vom Weg der Wahrheit abwichen – trotz ihrer wundersamen und grossartigen Befreiung aus der Sklaverei, trotz der Nahrung vom Himmel (das Man) und sogar trotz der wundersamen militärischen Erfolge gegen Jerichó zu Beginn der Herrschaft von Jehoschú‘a bin Nun, in der folgenden Generation.

Wenn offene Wunder aber praktische Zwecke haben, warum sind sie dann einmalige Ereignisse geblieben, die vorwiegend in der Zeit von Moschè und in ganz wenigen anderen besonderen Augenblicken in der Geschichte stattgefunden haben? Wir können ohne Anstrengung verschiedene Kapitel der jüdischen Geschichte nennen, wo praktische Wunder besonders praktisch gewesen wären.

Nach Philo, dem jüdischen Philosophen aus Alexandria, sollten die ganzen Wunder des Auszugs aus Ägypten offenkundig zu einem einzigen einmaligen Ereignis hinführen, der Offenbarung am Sináj. Philosophisch brauchen wir – damit wir für Gott in der Welt eine bedeutsame Rolle anerkennen – Ihm die Möglichkeit anerkennen, in die Angelegenheiten der Menschen einzugreifen und uns Sein Gesetz mitzuteilen.

Aber es genügt, wenn die offenbare Offenbarung6 in der Geschichte der Menschheit nur einmal geschieht. Wenn sich Gott vor allen offenbart und ihnen Sein Wort, die Torá, gegeben hat und wenn sie diese Botschaft gründlich in sich aufgenommen haben, zieht Er sich zurück, um uns mit Seiner scheinbaren Abwesenheit herauszufordern. Scheinbar, denn hinter den Kulissen zieht Gott ständig die Marionettenfäden – הַמְחַדֵשׁ בְּטוּבוֹ בְּכָל יוֹם תָּמִיד מַעֲשֵה בְרֵאשִׁית ‘der jeden Tag, in Seiner Güte, ständig das Werk der Schöpfung erneuert’.7

Philo ist keine traditionell jüdische Quelle – seine Gedanken sind zum Teil höchst fragwürdig sind,8 manchmal sehr vom Hellenismus geprägt. Die erwähnte Idee passt aber gut zu dem, was viele klassische Kommentare schreiben.9 Wie erwähnt, ging es beim Auszug aus Ägypten nicht nur darum, das Volk Israel zu retten, sondern auch darum, die „Götter“ der Ägypter zu vernichten10 und den Stolz des Par‘ó zu brechen. Die Ägypter sollten Gottes Macht anerkennen. So sagt der Par‘ó anstelle von מִי ה’ אֲשֶׁר אֶשְׁמַע בְּקֹלוֹ ‘wer ist der Ewige, dass ich auf seine Stimme hören sollte11 später ה’ הַצַּדִּיק, וַאֲנִי וְעַמִּי הָרְשָׁעִים ‘der Ewige ist der Gerechte, ich aber und mein Volk sind die Bösen’.12

Es spielt in diesem Sinne keine grosse Rolle, dass die Ägypter danach wieder zu ihren bösen Wegen zurückkehren. Weil das Wunder nicht Glauben einflössen, sondern den Götzendienst zerstören soll, ist mit dem momentanen Bekenntnis des Par‘ó dieses Ziel erreicht. Nun haben sowohl Opfer als auch andere Beobachter die Möglichkeit, das Joch früherer Sünden abzuschütteln und wieder freien Willen auszuüben.

Unsere Vorfahren waren Zeugen des durch Wunder bewirkten Falls der Ägypter, aber – wie schon erwähnt – wurden sie durch diese Wunder nicht dauerhaft in ihrem Glauben bestärkt. Welchen Zweck hatte es, dass sie all diese Wunder miterlebten? Gott hätte doch auch die Ägypter besiegen und ihre Armee ertränken können, ohne dass unsere Vorfahren das unmittelbar sahen? Es scheint, dass auch hier das Ziel war, den Götzendienst auszurotten. Ibn ‘Esrá bemerkt, dass unsere Vorfahren sich nach mehr als 200 Jahren im ägyptischen Exil umfassend an die – unmoralische – ägyptische Gesellschaft angepasst hatten,13 die Götzen diente. Immer wieder begriffen unsere Vorfahren nicht, was mit ihnen geschah, und mehrfach verlangten sie, nach Ägypten zurückzukehren, oder jammerten darüber, dass sie es verlassen hatten.

Vielleicht müssten unsere Vorfahren die Wunder miterleben, um ihnen diese kulturelle, moralische und religiöse Assimilation auszutreiben und sie so darauf vorzubereiten, den einmaligen Augenblick der Offenbarung am Sináj zu erleben. Es ist – in diesem Sinne – nicht so wichtig, dass sie in religiöser Hinsicht noch so wenig gefestigt waren, so dass sie sich innerhalb von vierzig Tagen nach dieser Offenbarung ein goldenes Kalb machen konnten. Nachdem das Wort Gottes, eingeleitet durch ein historisches Ereignis, mitgeteilt war, hatte das Volk nun die Aufgabe, verantwortlich zu handeln und durch den richtigen Gebrauch des freien Willens nach Heiligkeit zu streben. Aber es war das passende Gefäss geworden, das die Torá aufnehmen und bewahren konnte. Nun blieb nur noch, auch nach der Torá zu leben.

Die Gesellschaft, in der wir heute leben, ist nicht so verkommen wie Ägypten zu Moschès Zeiten. Aber unsere Gesellschaft ist noch voll von vielen Untugenden, ist in vielerlei Hinsicht anstössig. Gewiss, es hat moralischen Fortschritt gegeben, und es braucht keine grossen Wunder – etwa wie beim Exodus – um das unmoralische Verhalten abzuwehren, das heute als normal gilt. Aber auch wenn uns keine Wunder helfen, müssen wir doch eine ständige grosse Anstrengung machen, damit unser Engagement in der Gesellschaft unter dem Strich positiv ist. Besonders wir, die ohne Hilfe der aussernatürlichen Wundern beauftragt werden, jüdisch zu leben – müssen dauernd die Unmoral, die Unsittlichkeit, die religiöse und die kulturelle Assimilation abwehren. Wir sollten uns vornehmen, uns genügend auf die Heiligkeit und Besonderheit von Klal Jissra’él zu konzentrieren, damit wir die Fähigkeit bewahren, in unserem Leben und im Leben unserer Familien nach Wahrheit und Heiligkeit zu streben.

1Predigt zum letzten Tag Pèssach, 22. Nissán 5767 (10. April 2007)

2Siehe James K. Hoffmeier, “Out of Egypt – The Archaeological Context of the Exodus”, Biblical Archaeology Review, Januar 2007.

3Siehe „Dor haMidbár: Die einzigartige Generation“ auf Seite 164.

4Radak z.St.

5Jad ha-Chasaká, Hilchót Jessodéj ha-Torá 8:1.

6Im Gegensatz zur persönlichen Offenbarung, die bei jedermann zu jederzeit sein kann.

7Von dem ersten Segensspruch vor dem Schma‘ Jissra’él.

8Das hat manche Wissenschaftler veranlasst, darüber zu spekulieren, ob Philo überhaupt Hebräisch konnte oder vielmehr die Torá nur in der griechischen Übersetzung, der Septuaginta, gelesen hatte.

9Für eine allgemeine Behandlung der Funktion der Wundern, siehe z.B. Ralbag (Gersonides) zu Jehoschú‘a 4:20. Dass das Wunder den Ungläubigen nicht überzeugt und daher einen anderen Zweck haben muss, nämlich, einen tiefen Botschaft für den Gläubigen, schreibt Ralbag ebd., sowie auch Radak (Rabbi Dawid Kimchi) ebd. 3:10.

10Schemót/Exodus 12:12: וּבְכָל אֱלֹהֵי מִצְרַיִם אֶעֱשֶׂה שְׁפָטִיםund an allen Göttern Ägyptens werde Ich Strafgerichte üben’.

11Schemót/Exodus 5:2

12Schemót/Exodus 9:27

13Kommentar des Ibn Esrá zu Schemót/Exodus 14:13.

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