Von Kindern lernen

DeutschIch möchte Ihnen Daniel Cohen vorstellen, einen typischen Dreitagejuden. Er ist das jüdische Gegenstück von „Otto Normal­verbraucher“. Er ist ein gewöhnlicher, sympathischer Mensch, der das Gefühl hat, eine starke jüdische Identität zu besitzen, auch wenn er die meiste Zeit des Jahres der Synagoge fernbleibt und zu Hause auch nicht allzu viele jüdische Traditionen praktiziert. Kurzum, Daniel Cohen ist so wie die meisten von uns. Daniel Cohen passt genau hierher.

Weisst du, manche Sachen halte ich. Unser alter Glaube hat für mich immer noch eine grosse Anziehungskraft. Natürlich nicht immer und überall. Aber ein paar Mal im Jahr spüre ich so etwas im Herzen. Und deshalb gibt es drei Feste, die ich feiere, sagt Daniel. Neben Chanukká und dem Pèssach-Seder gehören die Hohen Feiertage und vor allem Jom Kippúr zu den beliebtesten jüdischen Traditionen, und das aus gutem Grund. Diese drei Zeiten im Jahr repräsentieren verschiedene, tiefgehende und tiefe Gefühle ansprechende Aspekte des Judentums.

Die Hohen Feiertage, die in Jom Kippúr gipfeln, betonen Wiedergeburt und Erneuerung des Menschen, Vergebung durch Gott und Mitmenschen. Obwohl Jom Kippúr ein Tag ist, an dem wir uns Unannehmlichkeiten auferlegen, zieht uns Jom Kippúr an. Wir erfüllen das Gebot וְעִינִתֶם אֶת נַפְשֹׁתֵיכֶם ‘und lasset eure Lebensgeister darben’ (Wajikrá 23:27), indem wir nicht essen, nicht trinken, uns nicht salben, nicht waschen und keine Lederschuhe tragen; ausserdem verzichten wir auf Werktätigkeit (Melachá). Und trotzdem lieben und halten wir Jom Kippúr weiterhin.

Jom Kippúr mag ich wirklich gerne. Diese traditionelle weisse Kleidung strahlt Reinheit aus. Ich trage sie nicht, aber ich habe mir eine weisse Krawatte gekauft, um mich so ein bisschen anzupassen. Aber es ist schon merkwürdig, dass mich Jom Kippúr so anzieht. Denn abgesehen von dem Thema der Vergebung gibt es noch eins, bei dem ich mich eigentlich ganz unwohl fühlen müsste. Es ist ein so unmodernes Gefühl, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, es sonst während des Jahres zu haben. Ich meine das Thema „Schuld“. Immer wieder sagen wir lange Listen mit allen möglichen Sünden, die wir begangen haben, und sprechen davon, wie unwürdig wir sind, Gottes Güte zu erfahren. Zwischen den Zeilen lese ich, dass mein Verhalten nicht perfekt ist. Was soll ich davon halten? Na ja, jedenfalls finde ich Jom Kippúr trotzdem schön. Letztes Jahr hat meine Lieblings­fussballmannschaft am Jom-Kippúr-Abend gespielt, und ich habe das Spiel nicht angesehen. Es klingt vielleicht unglaublich, aber ich bin lieber in die Synagoge gegangen als ins Fussballstadion, und ich war nicht der einzige.

Die Gebete von Jom Kippúr stützen sich in starkem Mass auf Schuldgefühle, die bei uns angenommen werden, und auf unseren mutmasslichen Wunsch nach einer reineren Zukunft. So etwas ist manchmal schwer über die Lippen zu bringen:

אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ זָכוֹר כִּי עָפָר אֲנָחְנוּ.

Unser Vater, unser König, gedenke, dass wir Staub sind!

אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ חָנֵּנוּ וַעֲנֵנוּ כִּי אֵין בָּנוּ מַעֲשִׂים עֲשֵׂה עִמָּנוּ צְדָקָה וָחֶסֶד וְהוֹשִׁיעֵנוּ.

Unser Vater, unser König, erhöre uns aus Gnade, denn wir haben keine [ausreichenden] verdienstvollen Handlungen, erweise uns Milde und Huld und hilf uns! (Awínu Malkénu)

Waren denn Schuldgefühle und Tabu nicht Dinge, die mit der säkularen Moderne verschwunden sind? Können wir einen Bezug zu dem haben, was wir da sagen – und öfters sogar singen? Daniel denkt, es ist mir manchmal ein bisschen fremd, aber ich sage das Sündenbekenntnis trotzdem.

Diese Begriffe mögen Erwachsenen fremd sein, aber bei Kindern sprechen sie zweifellos etwas an. Ich möchte etwas aufgreifen, was der chassidische Rebbe Rabbi Me’ír Premischlaner gesagt haben soll: „Wir können drei Dinge von Kindern lernen: Sie sind immer glücklich; wenn sie etwas brauchen, bitten sie darum; und wenn etwas ihnen weh tut, weinen sie.“ Vielleicht ist auch die Fähigkeit, Schuld ernst zu nehmen, etwas, was wir von unseren Kindern lernen können.

Manche mögen denken: Sind wir denn nicht aus Schuld und Scham und anderen Empfindungen dieser Art herausgewachsen? Ist es denn nicht ein Zeichen der Reife, sich von solchen Gefühlen frei zu machen?

Nein. Die Zivilisation und unsere Gesellschaft basieren auf Schuld und Reue, denn eine Gesellschaft, die keine Schuldgefühle kennt, kennt keine Moral, und eine Gesellschaft, die keine Reue kennt, kennt keine Verzeihung und keine Heilung psychischer Wunden. Es ist sogar im richtigen Zusammenhang psychologisch gesund, Schuld zu empfinden; es kommt auf die Art der Schuldgefühle an.

Im Wort Schuld fliessen oft zwei Begriffe zusammen. Einerseits gibt es neurotische, lähmende Schuldgefühle, die den Sünder daran hindern, zu funktionieren. Solche Schuldgefühle sind im allgemeinen un­angebracht und unnötig, und sie haben sogar die negative Eigenschaft, dass sie den demoralisierten Sünder an tätiger Reue hindern. In seinem Zustand der Schuld bedauert er zwar seine Sünden in gewissem Masse, aber er schafft es nie, darüber hinaus zu kommen. Mangels Hoffnung und Selbstvertrauen wird er wahrscheinlich weiterhin gedankenlos sündigen und nicht den Mut haben, sich zu ändern.

Es gibt aber auch noch eine andere Art von Schuldgefühlen. Es ist die Fähigkeit, zu empfinden, dass wir etwas falsch gemacht haben, und das zu bedauern – verbunden mit dem Mut, sich der eigenen Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen zu stellen und das Getane wiedergutzumachen. Ein solches Gefühl von Schuld bewahrt einen Menschen davor, weiter zu sündigen, auch wenn er fast unausweichlich gelegentliche Rückfälle haben wird. Eine solche Schuld lähmt nicht, sondern ist ein Zeichen der Ehre für einen moralischen, aufrechten Menschen. Aber wir vermischen oft diese beiden Arten von Schuldgefühlen und lehnen sie beide ab – und schütten so das Kind mit dem Bade aus.

Woran liegt es, dass Kinder eher in der Lage sind, Schuld und Reue zu empfinden, als erfahrende und weitgereiste Erwachsene? Kinder sind rein, sie sind unschuldig. Auch wenn sie frech sein können und in ihrem Verhalten geleitet werden müssen, kennen sie keine Verachtung und keinen Zynismus. Die Tehillím (Psalmen) beginnen mit den Worten:

אַשְׁרֵי הָאִישׁ אֲשֶׁר לֹא הָלַךְ בַּעֲצַת רְשָׁעִים וּבְדֶרֶךְ חַטָּאִים לֹא עָמָד וּבְמוֹשַׁב לֵצִים לֹא יָשָׁב:

Glücklich der Mann, der nie im Rat der Bösen gegangen, nie auf dem Weg der Sünder gestanden und nie am Sitz der Spötter gesessen. (Tehillím 1:1)

Zynismus fügt uns grossen Schaden zu. Er macht uns unempfindsam für die echten Gefühle, die aus unserem Innern kommen. Gefühle der Verbundenheit mit bestimmten Ritualen werden als obskur und veraltet beiseite gewischt. Grosse religiöse Ideen werden abgetan, weil man meint, Religion könne nicht mehr sein als das, was in Bethäusern stattfindet. Zweifel, die sich vielleicht einstellen, werden als un­modern verworfen, usw. Das alles geschieht, weil unsere Gesellschaft eine zynische Einstellung zur Religion und eine verächtliche Haltung gegenüber bestimmten religiösen Traditionen hat; sie will nicht nur das erlauben, was richtig ist, sondern auch alles, wobei man sich gut fühlt.

Dieser Zynismus ist unberechtigt. Die Gesellschaft, in der wir leben, die Gesellschaft, die ich gerade „unsere Gesellschaft“ genannt habe, hat nicht gegen das Judentum reagiert, denn das Judentum hat direkt nur eine kleine, marginale Rolle in der Geschichte der europäischen Gesellschaft gespielt. Juden hatten eine wichtigere Rolle, aber das Judentum blieb hinter den Ghetto-Mauern eingeschlossen und beeinflusste das nichtjüdische Europa zwar sehr, aber nur indirekt. Was die westliche Gesellschaft mit Verachtung und Zynismus belegte, hat also nichts mit unserer Tradition zu tun.

Wir sagen nun die letzten Gebete von Jom Kippúr, wiederholen noch einmal das Aschámnu, sagen ein weiteres Mal Teile der Selichót (Gebete um Verzeihung), die wir in den letzten siebzehn Tagen gesagt haben. Nehmen wir uns vor, dem Zynismus, der Verachtung und der spirituellen Gefühllosigkeit entgegenzutreten, die in der uns umgebenden Gesellschaft so verbreitet sind. Wenn wir diese Gebete mit Nachdruck und Offenheit sagen, beten wir nicht nur bedeutungsvoller als sonst, sondern geben uns selbst ein lebenslanges Geschenk: das Geschenk der Erneuerung, die Fähigkeit, die Welt neu zu sehen, mit dem Staunen und der Dankbarkeit eines Kindes, aber zugleich mit dem Wissen und der Erfahrung eines Erwachsenen.

Was den Hedonismus um uns herum betrifft – die Idee, dass wir das, wobei wir uns gut fühlen, anstreben und wichtiger nehmen sollten als alles andere –, sei nur erwähnt, dass die Torá uns auffordert: וְעָשִׂיתָ הַיָשָׁר וְהַטוֹב ‘tue, was recht und gut ist’ (Dewarím 6:18). Wir sollen Gutes tun, das heisst, wir sollen tun, was für andere gut ist – das ist der Massstab für unser Verhalten gegenüber anderen. Und wir sollen tun, was moralisch, ethisch, religiös richtig ist. Erst wenn es recht und gut ist, können wir uns erlauben, an unseren eigenen Vorteil zu denken und das anzustreben, was uns gut tut.

Möge Gott uns gnädig sein, wenn wir uns nun bemühen, ernsthaft zu beten und in uns zu gehen, und uns vornehmen, das zu tun, was recht und gut ist. Wir sind unvollkommen und werden unweigerlich nicht so sein, wie wir eigentlich sein könnten. Aber mit den richtigen Vorsätzen werden wir wenigstens den Weg des Lebens wählen. Mögen wir erfolgreich auf diesem Weg gehen.

Rabbiner Arie Folger,
Predigt zu Ne‘ilá, Jom Kippúr 5767
(2. Oktober 2006)

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