Wunder alleine erwecken die Glaube nicht

DeutschIn dieser Predigt, ursprunglich an Schabbat Paraschát Mischpatím, 29. Schewát 5767 (17. Februar 2007), gesprochen, wird erforscht, weshalb die biblischen Wunder, wie etwa die des Exodus, nur während einer beschränkte Epoche vorgekommen sind – würden nicht viel mehr Leute G”tt anerkennen, wenn es noch heute solche Wunder gäbe?

Dór haMidbár: Die einzigartige Generation

von Rabbiner Arie Folger

Nach den grossen Wundern, die der Ribbonó schel ‘Olám (der Herr der Welt) vollbracht hat, um unsere Vorfahren aus der Sklaverei zu befreien und um unsere Peiniger zu strafen, sowohl in Ägypten als auch am Schilfmeer, und nach Seiner Offenbarung am Berg Sinaj, wo das Volk den Donner und den Schofarton „sah“, hätten wir vielleicht erwartet, dass sich die Wunder in der gesamten Geschichte fortsetzen. Tatsächlich deuten ja einige der Namen und Beinamen von Haschem auf Seine Allgegenwart hin: E–lohím, Scha–ddáj, Adón Kól, Mèlech ha-‘Olám und Ribbonó schel ‘Olám. Aber auch wenn es in unserem Leben durchaus Wunder gibt, sind sie doch ganz anders als die Wunder, die Moschè Rabbéjnu auf G”ttes Geheiss ausführte. Unsere Wunder sind nur die flüchtigen Spuren der g”ttlichen Vorsehung, während die Wunder des Auszugs aus Ägypten der direkteste Eingriff G”ttes in unsere irdischen Angelegenheiten waren, den wir uns vorstellen können. Wenn Menschen über grosse Tragödien nachdenken, stellen sie oft die Frage, warum G”tt nicht eingegriffen hat. Warum strafte Er nicht die Kreuzzügler, die Inquisitoren, die Kosakenhorden des Bogdan Chmielnitzki usw.? Die Frage wird vielleicht am plastischsten von einer namenlosen Frau gestellt, die in Simon Wiesenthals Buch Die Sonnenblume Vermutungen darüber anstellt, ob die Greueltaten der Nazis deshalb möglich waren, weil kiwjachol (wenn man das sagen könnte) „G”tt im Urlaub war“.1 Selbst angesichts des Todes teilten nicht alle die Ansicht dieser Frau. Kurz davor schreibt Wiesenthal auch über seinen Freund Josek, einen „empfindsamen und tief religiösen“ Geschäftsmann, dessen Leben durch und durch vom Judentum geprägt war: „Sein G“ttvertrauen konnte durch die Umgebung des Lagers verletzt werden, … aber es konnte nie ins Wanken geraten.“2 Damit war Josek nicht allein. Aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gibt es zahlreiche Berichte über Juden, die in der mörderischen Maschinerie der Nazis gefangen waren und doch weiter beteten, Torá lernten und sogar lehrten, provisorische Chanukkiót zündeten, an Pessach kein Brot assen und sich bemühten, weitere Mizwót zu erfüllen. Weil ihr G“ttvertrauen zwar einigermasse verletzt worden, aber nicht dauernd, und überhaupt nicht ins Wanken geraten war, waren sie es, die nach dem Krieg wieder das jüdisches Leben aufbauten. Schliesslich konnten sie die Mizwót wieder in vollem Umfang halten. Was machte Joseks Vertrauen so stark, sodass der sehr skeptischer Wiesenthal ihn bewunderte? Warum erwartete Josek nicht, dass die Deutschen und ihre polnischen, russischen und sonstigen Helfer von zehn Plagen getroffen werden würden? Weil Josek den Krieg nicht überlebt hat, können wir nicht für ihn sprechen, aber vielleicht gibt uns unsere Paraschá einige Hinweise. Nachdem G”tt uns viele Straf , Zivil und Ritualgesetze gegeben hat, wendet er sich an Moschè in einer Sache, die ohne Einleitung und passenden Zusammenhang am falschen Ort zu stehen scheint:

הִנֵּה אָֽנֹכִי שֹׁלֵחַ מַלְאָךְ לְפָנֶיךָ לִשְׁמָרְךָ בַּדָּרֶךְ וְלַהֲבִיאֲךָ אֶל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר הֲכִנֹתִי׃ הִשָּׁמֶר מִפָּנָיו וּשְׁמַע בְּקֹלוֹ אַל־תַּמֵּר בּוֹ כִּי לֹא יִשָּׂא לְפִשְׁעֲכֶם כִּי שְׁמִי בְּקִרְבּוֹ׃ כִּי אִם־שָׁמוֹעַ תִּשְׁמַע בְּקֹלוֹ וְעָשִׂיתָ כֹּל אֲשֶׁר אֲדַבֵּר וְאָיַבְתִּי אֶת־אֹיְבֶיךָ וְצַרְתִּי אֶת־צֹרְרֶיךָ׃

Siehe, Ich sende einen Boten vor dir her, um dich auf dem Wege zu behüten und dich an den Ort zu bringen, den Ich bestimmt habe. Hüte dich vor ihm, höre auf seine Stimme, sei nicht widerspenstig gegen ihn; denn er wird eure Freveltaten nicht vezeihen, weil Mein Name in ihm ist. Wenn du aber auf seine Stimme hörst und alles tust, was Ich befehle, so werde Ich deine Feinde befeinden und deine Dränger bedrängen. (Schemót 23:20-22)

Auf den ersten Blick sieht das wie eine Ermahnung aus, die Torá und ihre Mizwót zu halten. Aber es gibt eine unübersehbare Parallele zu den Ereignissen nach Chèt ha-‘Égel, der Sünde des goldenen Kalbs:

וְשָׁלַחְתִּי לְפָנֶיךָ מַלְאָךְ … כִּי לֹא אֶעֱלֶה בְּקִרְבְּךָ כִּי עַם־קְשֵׁה־עֹרֶף אַתָּה … אַתֶּם עַם־קְשֵׁה־עֹרֶף רֶגַע אֶחָד אֶעֱלֶה בְקִרְבְּךָ וְכִלִּיתִיךָ …

Ich will einen Boten vor dir hersenden … denn Ich werde nicht in deiner Mitte einherziehen, weil du ein hartnäckiges Volk bist … Ihr seid ein hartnäckiges Volk; wenn Ich nur einen Augenblick in deiner Mitte einherziehen würde, so würde ich Dich vernichten …

(Schemót 33:2-5) In der Tat spricht G”tt laut Raschi schon im Wochenabschnitt Mischpatím, während Moschè unmittelbar nach der Offenbarung die ersten vierzig Tage auf dem Berg Sinaj ist, von den Folgen der zukünftigen Sünde des goldenen Kalbs. Andere Kommentatoren waren aber mit dieser Deutung nicht zufrieden. Schliesslich hatten unsere Vorfahren freien Willen und hatten noch die Möglichkeit, Chèt ha-‘Égel nicht zu begehen. Ausserdem kehrte G”tt ja nach Moschès Fürsprache trotz Chèt ha-‘Égel wieder in die Mitte des Volkes zurück.3 Stattdessen behaupten Rambán (Nachmanides) und – in kürzerer Form – Raschbám, dass sich die weniger direkt spürbare Gegenwart G”ttes, die darin zum Ausdruck kommt, dass Er einen Boten schickt,4 auf die Zeit nach Moschès Tod bezieht, als Jehoschua bin Nun die Leitung des Volkes übernhahm, denn es heisst:

וַיְהִי בִּהְיוֹת יְהוֹשֻׁעַ בִּירִיחוֹ וַיִּשָּׂא עֵינָיו וַיַּרְא וְהִנֵּה־אִישׁ עֹמֵד לְנֶגְדּוֹ … וַיֹּאמֶר … אֲנִי שַׂר־צְבָא־ה’ עַתָּה בָאתִי

Und es geschah, als Jehoschua bei Jericho war, dass er seine Augen erhob und schaute, und siehe, ein Mann stand vor ihm … Und er sagte: „… ich bin ein Heeresoberster des Ewigen; jetzt bin ich gekommen“. (Jehoschú’a 5:13-14)

Sowohl Rambán als Raschbám glauben also, dass von vornherein, schon bei der Offenbarung am Sinaj, vorgesehen war, dass die Zeiten der Wunder nur so lange dauern sollten, wie Moschè lebte. Wunder von der Grössenordnung der zehn Plagen sollte es danach nicht mehr geben. Sogar die Einnahme des Landes Israel sollte fast „normal“ geschehen: Jehoschú’a und das Volk Israel sollten militärische Mittel einsetzen. Rambán und Raschbám sagen uns, dass es in der Geschichte der Welt und in der Geschichte des jüdischen Volkes auch manche einmaligen Ereignisse und einmaligen Epochen gibt, die sich später nicht wiederholen.

Das wirft natürlich die Frage auf, warum es Wunder wie die beim Auszug aus Ägypten in der Zukunft nicht mehr geben sollte. Vielleicht ist der Grund, dass es gar nicht so erstrebenswert ist, in einer bequemen Welt zu leben, in der alles übernatürlich ist. Rabbi ‘Akiwa lehrt uns in der Mischná, dass „die Generation der Wüste keinen Anteil an der Kommenden Welt“ hat (Sanhedrín 10:3). Trotz aller Wunder hatten sie kaum G“ttvertrauen. Vielleicht ist die Menschheit nicht dazu geschaffen worden, in einem Garten von Eden voller Wunder zu leben. Vielleicht geht es uns viel besser in der schwierigen Welt, in der wir leben, in der wir die Freiheit haben, schreckliche Sünden und sogar grausamste Verbrechen zu begehen, aber auch die Möglichkeit haben, das Edelste zu erreichen, wozu der Mensch fähig ist.

In Wiesenthals Buch meint Josek, auch wenn seine Freunde das nicht verstehen, dass auch die Nazis Menschen waren – und dass es gerade Menschen und nicht Tiere waren, die [durch die Ausübung ihres freien Willens] zu solchen Bestien werden konnten. Vielleicht erwartete Josek eine Rettung wie beim Auszug aus Ägypten nicht und betete nicht dafür, weil er verstand, dass das ein einmaliges Ereignis in einer einmaligen Zeit war, anders als selbst bei den grössten Tragödien, die unser Volk getroffen haben.

Daraus folgt, dass wir, wenn wir beten, nicht für etwas beten, was so unwahrscheinlich ist, dass es nicht in G”ttes Schöpfung passt. Sogar die endgültige Erlösung, mit dem Kommen des Maschíach, könnte sich langsam entwickeln. Mit unserem Gebet drücken wir sprachliche und emotionale Aspekte unserer Beziehung zu G”tt aus. Mit unserem Gebet wollen wir vor allem uns selbst ändern, uns selbst verbessern. Wir bitten zwar darum, dass G”tt unsere Wünsche erfüllen möge – aber auf Seine Weise, auf eine Weise, bei der unsere Welt komplex bleibt.

Möge es uns vergönnt sein, die Rolle unserer Generation in der Geschichte zu verstehen und unser Gebet in angemessener Weise so auszurichten, dass wir G”tt und Seiner Torá immer näher kommen. Mögen wir bescheiden und sinnvoll beten und mögen unsere Gebete zur rechten Zeit beantwortet werden. Amen.

… denn ein Gebet ist nie umsonst, auch wenn wir nicht immer wissen, wie ein Gebet wirkt.

1The Sunflower, New York 1997, S. 7-8

2Ebd, S. 5

3Siehe Schemót 14-16

4Man vergleiche das mit den Worten der Pessach-Haggada:

ויוציאנו ה’, ממצרים — לא על ידי מלאך, לא על ידי שרף, לא על ידי שליח, אלא הקדוש ברוך הוא בכבודו ובעצמו:

„Und der Ewige holte uns aus Ägypten“ – nicht durch einen g”ttlichen Boten, nicht durch einen Seraph, nicht durch einen Beauftragten, sondern der Heilige, gelobt sei Er, in Seiner Herrlichkeit, Er selbst.

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