Nachmanides’ Schmetterling

DeutschSeit den 60er Jahren vertritt James Lovelock, ein international anerkannter Wissenschaftler, seine grosse einheitliche Theorie des Lebens auf der Erde, die Gaia-Hypothese. Prof. Lovelock betrachtet alles auf der Erde, sowohl Organismen als auch leblose Materie, als einen Superorganismus, der nach Gleichgewicht strebt. Im allgemeinen wird das erwünschte Gleichgewicht erreicht, aber es kann manchmal vorkommen, dass das ganze irdische System nach einer Serie von kleinen Veränderungen aus den Fugen gerät. Das neue Gleichgewicht, das sich danach wieder einstellt, ist gewiss ganz anders als jeder frühere Zustand.

Dass man die Welt als ein zwar widerstandsfähiges, aber doch anfälliges System betrachten sollte, wird auch durch die Arbeiten von Edward Norton Lorenz bestätigt, einem Pionier der Chaostheorie. In einem Vortrag, den er 1963 in der New Yorker Akademie der Wissenschaften hielt, sagte er: „Ein Meteorologe hat einmal bemerkt, dass, falls die Theorie stimmt, ein Flügelschlag einer Seemöwe das Wetter für immer verändern könnte.“ Später wurde dieser Flügel­schlag der Seemöwe als „Schmetterlingseffekt“ bekannt.

Auf den ersten Blick haben diese beiden wissenschaftlichen Theorien wenig mit Torá zu tun. Sie sind im besten Fall wertneutral, und die Gaia-Hypothese ist sogar die zentrale Überzeugung geworden, aus der einige fundamentalistische Umweltschützer eine neue Religion gemacht haben – eine wirkliche ‘Awodá Sará mit dem Planeten Erde als ihrem Abgott.

Aber auch wenn behauptet wird, dass diese beiden Theorien neu seien, sind die wissenschaftlichen Ideen, für die sie stehen, schon viele Jahrhunderte bekannt. Ein grosser Gelehrter, der die Welt als eine Art Superorganismus betrachtete und lehrte, dass scheinbar irrelevante Veränderungen in einem Bereich dramatische Veränderungen an anderer Stelle auslösen können, war kein geringerer als der Ramban (Nachmanides). Am Anfang unseres Wochenabschnittes heisst es:

אִם בְּחֻקֹּתַי, תֵּלֵכוּ וְאֶת־מִצְוֹתַי תִּשְׁמְרוּ וַעֲשִׂיתֶם אֹתָם: […] וְנָתַתִּי שָׁלוֹם בָּאָרֶץ וּשְׁכַבְתֶּם וְאֵין מַחֲרִיד וְהִשְׁבַּתִּי חַיָּה רָעָה מִן־הָאָרֶץ וְחֶרֶב לֹא־תַעֲבֹר בְּאַרְצְכֶם:

Wenn ihr nach Meinen Gesetzen wandelt und Meine Gebote beobachtet und sie haltet, […] so werde Ich dem Lande Frieden geben, dass ihr euch niederlegen könnt, ohne dass einer euch aufschreckt, und Ich werde die wilden Tiere aus dem Lande schaffen, und kein Schwert wird durch euer Land ziehen. (Wajikrá 26:3,6)

Der Abschnitt über Segen und Fluch enthält nicht nur Aufforderun­gen und Ermahnungen, dass wir unseren religiösen Verpflichtungen und somit unserer Aufgabe als Volk nachkommen sollen, sondern er beschreibt das Wesen des Universums. Vor der Sünde des ersten Menschenpaars im Gan ‘Éden (dem Garten von Eden), befand sich die Welt in einem besonderen Gleichgewichtszustand: Es herrschte Frieden, sogar zwischen verschiedenen Tierarten. Die Welt war ein Ort von höchster Spiritualität und höchster Harmonie. Aber so wie bei der Seemöwe von Lorenz machte jemand einen falschen „Flügelschlag“ und zerstörte dadurch das Gleichgewicht, so dass sich die Welt in ihrer Existenz dramatisch veränderte. Dieser Jemand war Adám und Chawá, und ihre scheinbar kleine, aber in Wahrheit äusserst bedeutsame und tragische Handlung bestand darin, das sie die einzige Mizwá übertraten, die sie hatten.1

Erst am Ende der Zeiten, בְּאַחֲרִית הַיָּמִים, wird die Welt zu ihrem früheren Gleichgewicht zurückkehren, wie es der Prophet Jescha‘jáhu beschreibt:

וְגָר זְאֵב עִם־כֶּבֶשׂ וְנָמֵר עִם־גְּדִי יִרְבָּץ וְעֵגֶל וּכְפִיר וּמְרִיא יַחְדָּו וְנַעַר קָטֹן נֹהֵג בָּם: וּפָרָה וָדֹב תִּרְעֶינָה יַחְדָּו יִרְבְּצוּ יַלְדֵיהֶן וְאַרְיֵה כַּבָּקָר יֹאכַל־תֶּבֶן: וְשִׁעֲשַׁע יוֹנֵק עַל־חֻר פָּתֶן וְעַל מְאוּרַת צִפְעוֹנִי גָּמוּל יָדוֹ הָדָה:

Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Leopard legt sich mit dem Zicklein hin, und Kalb, junger Löwe und Mastvieh zusammen, und ein kleiner Junge leitet sie. Die Kuh weidet mit dem Bären, zusammen legen sich ihre Jungen hin, und der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt am Loch der Natter, und das entwöhnte Kind streckt seine Hand nach der Höhle des Basilisken aus. (Jescha‘jáhu 11:6-8)

Für uns in unserer gegenwärtigen Existenz erscheint Jescha‘jáhus Prophezeiung phantastisch und schwer vorstellbar. Natürlich wissen wir, dass sie verwirklicht werden wird, aber verstehen können wir das nicht. Der Ramban lehrt uns jedoch, dass das nur daher kommt, dass wir in einem anderen, tragischen Gleichgewichtszustand leben. Die Harmonie, die es in unserer Welt gibt, ist nur ein schwacher Abglanz von der, die es einst wieder geben wird. Dann wird wieder Frieden zwischen den Menschen und sogar Frieden zwischen den Arten herrschen.

Vorläufig scheinen wir aber nicht in der Lage zu sein, die Welt in ein harmonischeres Gleichgewicht zu bringen. Es gibt jedoch einen Ort, wo Frieden und Harmonie erreicht werden können: Èrez Jissra’él. Unsere Paraschá lehrt uns, dass wir einen Teil der Welt zu dem angestrebten Gleichgewicht bringen können, indem wir noch einmal mit den Flügeln schlagen, in die andere Richtung: אִם בְּחֻקֹּתַי תֵּלֵכוּ וְאֶת־מִצְוֹתַי תִּשְׁמְרוּ וַעֲשִׂיתֶם אֹתָם […] וְנָתַתִּי שָׁלוֹם בָּאָרֶץ ‘wenn ihr nach Meinen Gesetzen wandelt und Meine Gebote beobachtet und sie haltet, […] so werde Ich dem Lande Frieden geben’. Manchmal mangelt es uns so an Spiritualität, dass wir vergessen, wie wichtig unsere scheinbar unbedeutenden religiösen Handlungen in Wahrheit sind. Auch die Seemöwe weiss nicht, was für eine Wirkung ihr Flügelschlag haben kann, aber die Wirkung ist doch sehr real.

In den letzten Wochenabschnitten haben wir gelernt, wie zentral Heiligkeit für das jüdische Volk ist und wie schädlich sexuelle Promiskuität für Israel ist. Aber wir dürfen nicht etwa meinen, dass es besser sei, ausserhalb von Israel zu leben und freizügiger zu leben, sich eine gewisse Sündhaftigkeit zu erlauben. Das ist nicht das Ziel des Lebens, und schon gar nicht eines Lebens als Jude. Die Torá gibt uns Flügel, mit denen wir fliegen und mit denen wir schlagen können, damit wir Frieden und Wohlstand herbeiführen können – wenn schon nicht für die ganze Welt, so doch wenigstens für das Land Israel.

Lorenz und Lovelock waren auf der richtigen Spur, als sie ihre Hypothesen formulierten, aber sie sahen nicht, dass ihre Idee nicht so neu war und dass sie sogar noch bedeutender und grossartiger war als alles, was sie populär machten. Immerhin haben ihre Arbeiten uns aber ermöglicht, die Darstellung des Ramban ein wenig zu begreifen.

Rabbiner Arie Folger,
Behár-Bechukkotáj,
24. Ijár 5767 (12. Mai 2007)

Fussnote

1In seinem Kommentar zu Wajikrá 26:6 schreibt Nachmanides:

ונתתי שלום בארץ – שיהיה שלום ביניכם ולא תלחמו איש באחיו. או השלום הוא שישבית חיה רעה מן הארץ, וחרב לא תעבור בארצכם כלל, אבל אתם תרדפו את אויביכם לצאת אליהם למלחמה וינוסו. ועל דרך האמת, שיתן השלום מחובר בארץ, והוא שלום הכל השקול כנגד הכל. […]

„Ich werde dem Lande Frieden geben“ [Wajikrá 26:6] – so dass Frieden unter euch sein und kein Mensch gegen den anderen kämpfen wird. Oder Frieden bedeutet, dass Er „die wilden Tiere aus dem Lande schaffen” wird [ebd.] und dass überhaupt „kein Schwert durch euer Land ziehen“ wird [ebd.], sondern „ihr werdet eure Feinde verfolgen“ [Wajikrá 26:7], d.h. gegen sie in den Krieg ziehen, und sie werden fliehen. Und gemäss dem Weg der Wahrheit [bedeutet der Vers], dass Er Frieden geben wird, der mit dem Land verbunden ist, einen allumfassenden Frieden, der allem [anderen] gleichwertig ist. […]

והוא הנכון, כי תהיה ארץ ישראל בעת קיום המצות כאשר היה העולם מתחילתו קודם חטאו של אדם הראשון אין חיה ורמש ממית אדם, וכמו שאמרו [ברכות לג.] אין ערוד ממית אלא חטא ממית. וזה שאמר הכתוב [ישעיה יא:ח] ושעשע יונק על חור פתן, וכן ופרה ודוב תרענה ואריה כבקר יאכל תבן [ישעיה יא:ז], כי לא הושם הטרף בחיות הרעות, רק מפני חטאו של אדם כי נגזר עליו להיות טרף לשניהם והושם הטרף טבע להם גם לטרוף זו את זו, כידוע כי בטרפם האדם פעם אחת יוסיפו להיות רעים יותר, וכן אמר הכתוב [יחזקאל יט:ג] וילמד לטרוף טרף אדם אכל. והנה בבריאתו של עולם נאמר בחיות שנתן להם העשב לאכלה דכתיב [בראשית א:ל] ולכל חית הארץ ולכל עוף השמים ולכל רומש על הארץ אשר בו נפש חיה את כל ירק עשב לאכלה, ואמר הכתוב ויהי כן, כי הוא הטבע אשר הושם בהם לעד, ואחר כך למדו הטרף מפני החטא הממית כאשר פירשתי. וכשהותר שחיטת בעלי החיים לבני נח אחרי המבול והזהיר על האדם [בראשית ט:ה] ואך את דמכם לנפשותיכם אדרוש וגו’ את נפש האדם, ולא נפש חיה מיד חיה בחברתה, נשארו על מנהגם לטרוף.

Das ist die richtige [Interpretation], denn wenn [das Volk Israel] die Gebote hält, wird das Land Israel so sein, wie die Welt am Anfang war, vor der Sünde des ersten Menschen, als kein wildes oder kriechendes Tier einen Menschen tötete, so wie [unsere Weisen] gesagt haben: „Nicht der Wildesel tötet, sondern die Sünde tötet“ [Talmúd Bawlí Berachót 33a]. Und [deshalb] steht geschrieben: „Der Säugling spielt am Loch der Natter“ [Jescha‘jáhu 11:8] und „Die Kuh weidet mit dem Bären … und der Löwe frisst Stroh wie das Rind“ [Jescha‘jáhu 11:7]. Denn nur wegen der Sünde des Menschen greifen [ihn] wilde Tiere an, weil über ihn verhängt wurde, dass er „Beute für ihre Zähne“ [Tehillím 124:6] sein solle. Und es wurde zu ihrer Natur, Beute zu machen, und so greifen sie sich bekanntlich auch gegenseitig an, denn nachdem sie einmal einen Menschen angegriffen haben, werden sie gefährlicher [indem sie auch Tiere angreifen]. Und so steht [vom Löwenjungen] geschrieben: „er lernte Beute reissen, frass Menschen“ [Jecheskél 19:3]. Bei der Erschaffung der Welt wurde jedoch von den wilden Tieren gesagt, dass Er ihnen Gras zu fressen gab, wie geschrieben steht: „Allen Tieren des Landes und allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, gebe Ich alles grüne Kraut zum Essen“ [Bereschít 1:30]. Und es steht geschrieben „es war so“ [ebd.], denn das war ihre Natur, die ihnen für immer gegeben wurde. [Erst] später lernten sie, Beute zu machen, wegen der Sünde [des Menschen], die tötet, so wie ich es erklärt habe. Und als den Söhnen von Noach nach der Flut erlaubt wurde, Tiere zu schlachten, warnte Er in Bezug auf Menschen [dass es verboten ist, sie zu töten]: „Aber das Blut eures Lebens will ich fordern, … das Leben des Menschen“ [Bereschít 9:5] – aber nicht das Leben eines Tieres wegen [der Tötung] eines anderen, denn sie blieben bei ihrer Gewohnheit, Beute zu machen.

In Nachmanides’ Kommentar heisst es weiter:

ובהיות ארץ ישראל על השלמות תשבת רעת מנהגם ויעמדו על הטבע הראשון אשר הושם בהם בעת יצירתם […] ועל כן אמר הכתוב על ימי הגואל היוצא מגזע ישי שישוב השלום בעולם ויחדל הטרף ורעת הבהמה וכל הרמש כאשר היה בטבעם מתחילה.

Wenn das Land Israel in [einem Zustand der] Vollkommenheit ist, werden [die Tiere] von ihrer gefährlichen Gewohnheit ablassen und zu ihrer ursprünglichen Natur zurückkehren, die ihnen bei ihrer Erschaffung gegeben wurde. […]. Deshalb steht über die Zeiten des Erlösers, der von Jischáj abstammt, geschrieben, dass der Frieden in die Welt zurückkehren wird und dass die Tiere aufhören werden, Beute zu machen und gefährlich zu sein, so wie es ursprünglich ihre Natur war.

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