Wir sind für die Evolution!

DeutschDiese Evolution ist aber nicht die, die man üblicherweise mit diesem Nenner bezeichnet – dafür ist unser Beitrag zum Verständnis der menschlichen Evolution aber umso grösser.

Arie Folger

Der moderne Mensch unterscheidet sich von seinen Vorfahren aus dem vorindustriellen Zeitalter darin, dass er nicht nur passiv am Fortschritt teilnimmt (die Entwicklung verlief früher so langsam, dass kaum jemand sie bemerkte, obwohl man im Lauf der Zeit enorme Fortschritte machte), sondern ihn sich aktiv zu eigen macht. Er fürchtet den Fortschritt zwar (weil er ihm seinen derzeitigen Arbeitsplatz kosten könnte), aber er liebt ihn auch.

Die Torá lehrt, wie Gott dem Meschen befahl, sich fortzuentwickeln, nämlich in dem Auftrag פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ אֶת־הָאָרֶץ וְכִבְשֻׁה ‘seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan’ (Bereschít 1:28). Die Erde ist das Rohmaterial, mit dem die Menschheit ihre Kultur entwickelt.

Aber schaut die Welt immer nach vorn? In der Renaissance und der Neorenaissance der Aufklärung ging es um Fortschritt, aber nicht nur um Fortschritt. Es ging auch um eine Rückkehr zur Vergangenheit – daher die Bezeichnung Renaissance ‘Wiedergeburt’. Heute sind wir im Vergleich zum Ende des Mittelalters sehr fortgeschritten, aber auch unsere Kultur blickt oft in die Vergangenheit zurück, wenngleich nicht immer aus den richtigen Gründen.

Während die Wissenschaft Menschen Heilung bringt und unsere Möglichkeiten erweitert, entschuldigen Wissenschaftler heute viele Untugenden, indem sie hervorheben, welchen evolutionsbiologischen Hintergrund Unehrlichkeit, Untreue, Freizügigkeit, Devianz (abweichendes Verhalten) usw. haben. Die Wissenschaft stösst zu neuen Grenzen vor; von Menschen hergestellte Geräte untersuchen das ferne Weltall und das tiefe Erdinnere; unser menschliches Wissen gestattet es, eine immer grössere Zahl von Krankheiten erfolgreich zu bekämpfen – aber gleichzeitig gibt es eine wachsende Bewunderung für das Primitive.

Dieser Trend begleitet uns nun schon einige Jahrhunderte – seit der Renaissance und noch verstärkt seit der Romantik und dem Primitivismus zur Zeit der Aufklärung – in Form der Bewunderung für den Edlen Wilden, der von Künstlern und Philosophen gleicher­massen verherrlicht wurde. In unserer modernen Zeit haben sich jedoch diese beiden Phänomene zu einer Ethik des „alles ist erlaubt“ (“anything goes”) verbunden. Alle Untugenden von Menschen können aus der Perspektive der Evolutionsbiologie und  psychologie erklärt werden, und deshalb meint man, diese Verhaltensweisen seien akzeptabel und sogar für den Erfolg notwendig!1

Das Erstaunlichste ist, dass gerade der moderne Mensch, der vor­behaltlos an die Evolution des Menschen glaubt, nun in ein primitives Stadium zurückfallen möchte. Es scheint, dass manche Menschen trotz eines starken Glaubens an die genetische Evolution doch nicht wirklich glauben können, dass sich der Mensch weiterentwickelt. Warum?

Es ist schon viel über den angeblichen Widerspruch zwischen Evolutionsbiologie und Religion geschrieben worden. Darwin und seine Anhänger meinen, dass Religion und Wissenschaft nicht miteinander vereinbar seien und dass die Wissenschaft die Religion verdrängt habe. Aber sie haben Unrecht.

Das Problem wird aber gar nicht richtig formuliert. Wenn man uns fragen würde, ob die Torá an eine Evolution des Menschen glaubt, ist die Antwort ein klares „ja“. Ob die Torá die Ansicht akzeptiert, dass die Entwicklung mit dem Auftreten primitiver Affen begann, ist eine interessante Frage, aber darum geht es eigentlich nicht.

Die wahre Frage der Evolution ist, ob der Mensch eine Zukunft gestalten kann, die besser ist als die Vergangenheit, und ob die Gesellschaft sich so entwickeln kann, dass sie besser wird. Können wir moralischer werden, als wir es jetzt sind, können wir spiritueller werden, als wir es jetzt sind? Die Torá antwortet auch darauf mit einem klaren „ja“. Gottes Segen für die Menschheit וְכִבְשֻׁהָ ‘und machet sie euch untertan’ (Bereschít 1:28) ist ein Ausdruck von Optimismus und Vertrauen in den Menschen, den Gott gerade geschaffen hat.

Wir sind nicht der Auffassung, dass die Gesellschaft alle Hemmungen fallen lassen muss, und wir meinen auch nicht, dass die Gesellschaft hoffnungslos degeneriert. Es hat in den letzten Jahren zwar einen moralischen Verfall gegeben, mit dem der moralische Fortschritt von Jahrhunderten der Zivilisation teilweise rückgängig gemacht wurde, aber die Gesellschaft ist nicht zum Untergang verurteilt.

Im Kern verdient die Gesellschaft Optimismus, und es ist die Aufgabe des jüdischen Volkes, durch die beispielhafte Einhaltung seiner göttlichen Gebote ein moralisches und spirituelles Leben zu führen und sich zu einem Volk zu entwickeln, das Gott näher steht. Zu moralischem Verfall, Devianz und Freizügigkeit sagen wir hingegen „nein“, und wir müssen uns dagegen wehren, dass Untugenden gerechtfertigt werden. Der Mensch wurde auf die Erde gesetzt, damit er seine Untugenden überwindet, und nicht, damit er ihnen unterliegt. אֵיזֶהוּ גִּיבּוֹר? הֲכּוֹבֵשׁ אֶת יִצְרוֹ ‘wer ist stark? wer seinen Trieb [zum Bösen] bezwingt!’ (Mischná Pirkéj Awót 4:1).

Wenn Sie wieder einmal gefragt werden, was das Judentum zur Evolution sagt, denken Sie daran, darauf hinzuweisen, was die wahre Frage ist und in welcher Hinsicht wir uns wirklich fortentwickeln können.

Nachtrag

Die folgende Anekdote zeigt, dass die Vergangenheit manchmal durchaus eine bessere Zeit sein kann, in die man zurückblicken sollte. Der entscheidende Punkt ist natürlich, warum und wie man in die Vergangenheit schaut, und der Rückblick darf uns keinesfalls dazu führen, dass wir uns unserer Verantwortung entledigen, wie Rabbi Tarfón gesagt hat: לא עליך כל המלאכה לגמור, ולא אתה בן חורין ליבטל ‘es ist nicht an dir, das Werk zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, dich ihm zu entziehen’ (Mischná Pirkéj Awót 2:21).

Ein älterer Jude sass auf einem Flug nach Israel neben einem Fremden. Während des ganzen Fluges beobachtete der Fremde, wie zu diesem bärtigen Achtzigjährigen Männer kamen, die viele Jahrzehnte jünger waren. Sie erkundigten sich nach seinem Wohl­ergehen, aber vor allem dürsteten sie nach seiner Weisheit. Nach zwei Stunden Flug fragte der Fremde, der sich ab und zu mit dem alten Mann unterhalten hatte:

  • Wer sind denn diese junge Männer, die immer mit ihnen reden?
  • Einer ist ein Schüler, die anderen beiden sind meine Enkel.
  • Fragen sie Sie immer nach ihrer Meinung?
  • Ja, natürlich!
  • Wissen Sie, ich habe auch Enkel. Aber sie stehen mir recht fern. Sie besuchen mich schon gelegentlich, aber sie tun es aus Höflichkeit, weil sie denken, sie müssten das. Aber in Wirklichkeit haben Sie keinen Respekt vor mir und interessieren sich nicht für meinen Rat, auch wenn sie höflich versuchen, das vor mir zu verbergen.
  • Glauben Sie an den Fortschritt?
  • Ja, natürlich!
  • Was meinen Sie, wie steht unsere Zeit im Vergleich mit der vor tausend Jahren da?
  • Vor tausend Jahren herrschte doch in Europa finsterstes Mittelalter. Zum Glück haben wir uns seitdem weiterentwickelt.
  • Sehen Sie, lieber Freund, da ist gerade ein wesentlicher Unterschied zwischen uns deutlich geworden. Sie schauen auf den Fortschritt und nur auf den Fortschritt. Warum sollten da Ihre Nachfahren sich viel um Sie kümmern? Nach Ihrer Ansicht stammt doch der Mensch vom Affen ab und hat noch vor relativ kurzer Zeit das Mittelalter usw. durchlebt. Wir dagegen betrachten die Offenbarung am Sináj als das entscheidende Ereignis in der Weltgeschichte. Jede nachfolgende Generation ist davon etwas weiter entfernt, und so schaut sie zu den älteren Menschen auf, denn sie bilden ein Kettenglied, das dem Sináj etwas näher ist. Deswegen kommen die jungen Leute zu mir. Aber wenn wir nur veredelte Affen wären, die gerade das barbarische Mittelalter hinter sich haben, warum sollten die Jüngeren Respekt vor uns haben?

Fussnoten

Dieser Aufsatz wurde ursprunglich als Predigt zu Paraschát Bereschít,
am 24. Tischréj 5768 (6. Oktober 2007) gehalten.

1Einige wenige Kostproben:

„Die Forschung zeigt, dass Lügner oft besser Arbeitsplätze bekommen und Menschen des anderen Geschlechts besser für eine Beziehung gewinnen können. […] Oft und gut lügen zu können, ist weiterhin ein Schlüssel zu sozialem, beruflichem und wirtschaftlichem Erfolg.“ (“Natural Born Liars”, Scientific American, Juni 2005)

„Wir sind nicht von Natur aus monogam. Anthropologen berichten, dass die überwältigende Mehrheit menschlicher Gesellschaft entweder polygyn sind [d.h. einem Mann mehrere Frauen gestatten] oder es vor der kulturellen Homogenisierung der letzten Jahrzehnte waren.“ (Prof. David P. Barash, “The myth of monogamy”)

„Wenn man seine Kleider ablegt, symbolisiert das, dass man die Zivilisation und ihre Sorgen ‚ablegt‘.“ (Paul Ableman, Anatomy of Nakedness, London: Orbis 1982, S. 92)

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6 Responses to Wir sind für die Evolution!

  1. micha says:

    I think one of Yahadus’s greatest gifts to humanity is the concept of linear time — that there is a path to history from Adam to the messianic era.

    Aristotle thought that time was just an abstraction used to describe motion, and Plato thought time was cyclic. Judaism also has cyclic time, but the concept of linearity, and that made progress, positive change and evolution possible to contemplate.

    And even though people of yore were greater, we are further along the path, and therefore don’t have the great magestic issues left to battle. That’s why we so naturally borrowed the “midgets atop giants” metaphor.

    The trick is to really internalize the concept of a human becoming rather than a human being. Our souls might be impacted by living in brains evolved from monkeys, but to think that that’s all we can be or should be denies the very same notion of linear time that evolution is based upon!

    Ben Zoma tells us that wealth is defined by happiness with my lot. But is my lot what I have at the moment, or the path from real to ideal that Hashem placed me upon? Are people not inherently dynamic, and thus so too our lots in life?

    -micha

    • Arie Folger says:

      Indeed, this has been recognized by a number of authors. This is one of the “gifts” to the world Thomas Câhill lists in his 1999 The Gifts of the Jews, the greatest gift, in fact. Josh Berman, in his recently published Created Equal, also considers the notion of linear time to be a great revolutionary concept, which the Torah and her followers granted humanity.

  2. micha says:

    An important piece, though, is asserting the existence of First Cause and Final Purpose to it all. Otherwise, time is a line, but the notion that the line progresses, that “from real to ideal”, wouldn’t have a basis. Jewish monotheism not only implies ethics, it grants history an overall optimism.

    -micha

  3. “Im Kern verdient die Gesellschaft Optimismus, und es ist die Aufgabe des jüdischen Volkes, durch die beispielhafte Einhaltung seiner göttlichen Gebote ein moralisches und spirituelles Leben zu führen und sich zu einem Volk zu entwickeln, das Gott näher steht.”

    In diesem Satz sehe ich einen Widerspruch. Wenn die Gesellschaft aus Juden und Nicht-Juden besteht, dann reicht es nicht aus, dass sich nur die Juden religiöser entwickeln, sondern die anderen auch.

    Evolution kann sich nicht nur auf das jüdische Volk allein beziehen, sondern bezieht auch die anderen Völker mit ein, die dadurch in gewisser Weise mit betroffen sind. Das tangiert die Aussage der Torah in der Weise, dass Abraham der Vater vieler Völker sein würde.

    Die Heiligung der Welt, was die Atheisten vergessen haben, nicht die Ausbeutung und der Raubbau an den Resourcen der Welt, ist das Wesen des Judentums, was sich in der Sabbatruhe, den Festtagen und der Kashrut ausdrückt, denn ohne die innere Ruhe, den Abstand von der Arbeit, leidet die Welt. Ohne den Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel wird dem Materialismus Vorschub geleistet. Wer nicht über die 613 Mitzvot nachdenkt, wird sich auch nicht bewusst, was Göttlichkeit bedeutet.

    Während Christen nur den Dekalog und die beiden Liebesgebote beachten, geht das Judentum weiter, dringt tiefer in das Geheimnis der Welt ein. Während die Evolutionisten die scheinbaren Widersprüche der Genesis hervorheben, verstehen sie nicht, was hinter der Wohlordnung der Schöpfungstage steckt, welche Gedankensymmmetrien sich dahinter verbergen und welche ethischen Implikationen sich daraus ergeben. Das Bereschit ist eben mehr als eine Schilderung der materiellen Entwicklung des Kosmos und des Menschen.

    Das wird mir immer klarer, je mehr ich darüber nachdenke und versuche, die Weisen des Altertums zu verstehen.

    • Arie Folger says:

      Ich schreibe für ein jüdisches Publikum, und schreibe deshalb aus dem jüdischen Blikwinkel.

      Immerhin möchte ich ein bisschen ausführlicher antworten.

      Das Judentum erkannt zwei Schienen, zwei Wege zum Selenheil. Die Völker der Welt sollen die sieben Noachidischen Geboten einhalten (die Verbote auf [1] Mord, [2] sexuelle Unzucht, [3] Götzendienst, [4] Diebstahl, [5] G”tteslästerung, [6] das Fleisch, dass von einem noch-lebendigen Tier abgeschnitten wurde, zu essen — d.h., Froschenschenkel sind auch für Nichtjuden nicht koscher —, und das Gebot [7] Gerichtshöfe im Land zu errichten, damit die Gerechtigkeit herrscht).

      Das jüdische Volk soll, durch die Einhaltung seinen zusätzlichen Pflichten, die Geistigkeit pflegen, und sie damit – ohne MIssion – der Welt zeigen und durch sine Praxis diese Werten verkünden. Das ist ein wichtiger Aspekt der Pflicht, ein Licht zu den Völker zu sein.

      Obwohl es aber den Völker der Welt frei steht, mehr Pflichten aus der Torá auf sich zu nehmen, und sogar der Weg des Jüdischwerdens ihnen offen steht, sind Juden unwiederruflich an den besonderen Bund zwichen G”tt und Israel gebunden. Darum gibt es in der Torá die zwei Abschnitte der Zurechtweisung (Ende Leviticus und etwa vor dem Ende Deuteronomium), die klar betonen, dass der ewige Bund mit G”tt dem Volk verpflichten, seine Pflichte einzuhalten, sonst wird das Volk Tragödieen erleben, was auch ofters so geschehen ist.

      In diesem Hinsicht, werden Sie sicher verstehen, warum ich die geistige Pflichten der Juden für das Wohl der menschliche Zivilisation hervorhebe.

  4. […] אֶת־הָאָרֶץ וְכִבְשֻׁה – ein Thema, das ich schon mal angesprochen habe: Link), so dass der Vortschritt eigentlich den Glauben nicht schwächt, sondern ihn bestätigt. Ausser […]

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