Halacha zum Wochenabschnitt: Grabbesuche und Bestattungskultur

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Austrian-German_Swiss_flags-tinyKönnen Bibelgesetze, die seit Jahrtausende nicht mehr praktiziert werden können, heutzutage noch was bedeuten? Ja, viel, sogar, das uns nahe am Herzen liegt.

Der Wochenabschnitt Tasria’ beschäftigt sich mit scheinbar heute wenig relevanten Themen. Zuerst lehrt die Tora, wie lange eine Frau nach der Geburt eines Kindes temeah – also rituell unrein – ist und den Tempel nicht besuchen darf (3. B.M. Kap. XII). Dann folgt ein sehr langes Kapitel, in dem die Diagnose der uns unbekannten, von G“tt für Laschon haRa’ (üble Nachrede) oder für Hochmut verordnete Krankheit namens Zara’at ausgelegt wird (ebd. Kap. XIII). (Nein, Zara’at ist vermutlich nicht Lepra, sondern eine andere Art Aussatz)

Selbstverständlich bereiten wir uns mit dem Lernen dieser Abschnitte auf dem Kommen des Maschiachs (Messias) und der künftigen Wiederaufbau des Tempels vor. Auch aus diesen Abschnitten lernen wir praktische Halachot (Religionsgesetze) für heute.

Eine scheinbar heute nicht wirksame Halacha ist, dass ein Mezora (jemand, der an Zara’at erkrankt ist) außerhalb der Stadt, also in Isolation zu leben hat und Menschen, die in seiner Richtung kommen, zu warnen hat, in dem er „tamej, tamej“ (unrein, unrein) verkündet (ebd. 13,45).

Daraus lehrt der Talmud (Mo’ed Katan 5a), dass es wichtig ist, Gräber zu kennzeichnen. Der Talmud stützt das jüdische Bestattungskultur auch in anderen Versen, ganz besonders „Und wenn sie auf ihrer Reise durchs Land ein Menschengebein sehen, so werden sie dabei ein Mal errichten, bis die Totengräber es im «Tal der Haufen Gogs» begraben haben“ (Ezekiel 39:15).

Damit möchte man nicht nur den Toten in Erinnerung behalten und sein Grab besuchen können, sondern auch verhindern, dass ein Kohen, d.h. ein männlicher Nachkomme von Aharon dem Priester auf das Grab stößt, denn ein Kohen darf außer bei der Beerdigung eines sehr nahen Verwandten keinem Grab nahe kommen. Das heißt, er darf nicht näher als 2 Meter an das Grab treten (manche verbieten sogar 2,4m), darf nicht unter dem gleichen Dach mit dem Toten sein und obwohl er an der Beerdigung der nahsten Verwandten teilnehmen darf, darf er sich dem Grab bei künftigen Besuchen nicht mehr nähern. Als nahe Verwandten gelten die Eltern, die eigene Kinder ח”ו, die Brüder, die unverheiratete Schwester und die Ehefrau. (Kizzur Schulchan Aruch 202:1, 8 & 11)

Daraus ergibt sich, dass wir unsere Gräber anständig kennzeichnen. Vor Ablauf von 12 Monate nach dem Tod soll man einen Grabstein errichten; bis dahin fürchtet man aber nicht, dass der Tote und sein Grab vergessen werden (ebd. 199:17). Damit man nicht auf die Gräbern tritt (ebd.§14) – was den Verstorbenen gegenüber respektlos und für sie schmerzhaft ist – bevorzüge man, nicht nur einen stehenden Grabstein zu errichten, sondern decke man die gesamte Fläche, unter dem der Tote ruht, zu schützen.

Auch in diesem scheinbar derzeit nicht relevanten Abschnitt erweist sich die Tora als zeitlos und zeitgemäß.

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2 Responses to Halacha zum Wochenabschnitt: Grabbesuche und Bestattungskultur

  1. leo says:

    unrein ok, aber warum darf ein kohen einem grab nicht zu nahe kommen?

    • Arie Folger says:

      Weil der Kohen eben nicht rituell unrein werden darf. Nie. (ok, bei der Beerdigung des Vaters, der Mutter, eines Kindes, eines Bruders, seienr Frau und einer unverheirateten Schwester darf er doch kommen. Aber nachher darf er das Grab nicht mehr von nahe besuchen). Das gehört zur Heiligkeit des Kohens. Es ist kein reines Privilegium, sondern eine Verantwortung.

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