Das Buch Kohelet: wenig bekannt aber sehr einflußreich – Gastbeitrag

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Seite mit dem Anfang des Buchs Kohelet, aus der Cervera Bibel, die 1299- 1300 geschrieben wurde. (Portugesische Nationalbibliothek)

Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Frau Dr. Chani Hinker

Jedes Jahr, inmitten der Freude des Sukkotfestes, der Sman Simchatenu, am Schabbat Chol Ha-Mo’ed Sukkot, wird in vielen Synagogen das Buch Kohelet gelesen. Unsere Weisen nehmen einstimmig an, dass Schlomo Ha-Melech (der König Solomon) der Verfasser dieses philosophischen und intellektuellen Buches ist, das er am Ende seines Lebens schrieb.

Sefer Kohelet beeinflusste Werke der Weltliteratur, von Shakespeares Sonetten über Goethes Faust, von Tolstois Bekenntnissen bis zu Thomas Wolfe und Ray Bradburys Fahrenheit 451. Abraham Lincoln fand es passend, während der dunklen Stunden des amerikanischen Bürgerkrieges, in seiner State of the Union Rede am 1. Dezember 1862 Kohelet 1:4 zu zitieren.

Ist das Leben immer nur einein flüchtiger Hauch?

Und viele konstatieren resignierend: “Es gibt nichts Neues unter der Sonne” und wissen oft gar nicht, dass Schlomo HaMelech dies schon vor mehreren tausend Jahren erklärte.

Unerwarteterweise ist Sefer Kohelet jenes biblische Buch, das sich am meisten auf Simcha konzentriert, auf die Freude. Dennoch betrachten es viele als das unglücklichste, düsterste. Kohelet – Schlomo Ha-Melech – der weiseste Mann, der Erbauer des Tempels in Jerusalem, der mächtigste und reichste Mann der Erde, es mangelt ihm an nichts: er besitzt einen Harem von tausend Frauen, Pferde, ein Millionenvermögen – ein Opfer des Überflusses. Schlomo Ha-Melech ist von brennendem Wissensdurst erfüllt, er stürmt durchs Leben, erforscht und erprobt, bei welchem Tun und Wirken er zum Augenblicke sagen könne: “Verweile doch, du bist so schön!”
Und trotzdem beschreibt er alles mit einem Wort – das er fast vierzig Mal verwendet – als “hewel“: Das Leben ist nur ein flüchtiger Hauch. “Hewel” ist Sterblichkeit. Unser Leben ist flüchtig, eine Mikrosekunde im Leben des Universums. Wir alle erleiden das gleiche Schicksal. Wir werden geboren und sterben. Wir leben in einer begrenzten, physischen Welt, der Welt “unter der Sonne“. Unser Dasein ist problematisch und bedarf einer Erklärung und Rechtfertigung. Wir werden die langfristigen Ergebnisse unserer Bemühungen nicht erleben. Wir wissen nicht, wie und ob die Nachwelt sich an uns erinnern wird.

Eine “Hewel“-Existenz “unter der Sonne” ist leer und nutzlos. Wenn es jedoch gelingt, eine spirituelle Dimension zu entdecken und dem sonst flüchtigen Leben etwas Heiligkeit zu injizieren, dann ist die Existenz alles andere als “hewel“.

“Da pries ich nun die Freude” – Sefer Kohelet und Sukkot

Kohelet ist ein Suchender, voll unverhohlener Widersprüche und Schwankungen. Unsere Weisen wollten wegen dieser Widersprüche und der nihilistischen Ideen das Buch verstecken, statt es in den Kanon der Bibel einzureihen. Da jedoch der Anfang und das Ende die Zentralität der Tora und das Konzept von Jirat Ha-Schem (Ehrfurcht vor G”tt) ausdrücken und somit eine solide jüdische Botschaft darstellen, wurde das Buch schließlich bestätigt.

Kohelet überwindet im Alter seinen Zweifel und versteht, dass Weisheit, Vergnügen, Arbeit, G´ttesgeschenke sind, die man mit Freude annehmen soll. Das Leben mag zwar flüchtig erscheinen, aber man soll die Freuden des Lebens genießen, solange man noch kann.

In Sefer Kohelet kommt das Wort “Simcha” siebzehn Mal vor, das ist mehr als im ganzen Chumasch. Nach jeder Meditation über die Sinnlosigkeit und Flüchtigkeit des Lebens endet Kohelet mit einem Aufruf zur Freude:
In 8:15 heißt es zum Beispiel: “Da pries ich nun die Freude. Denn es gibt für den Menschen unter der Sonne kein anderes Gut, als zu essen, als zu trinken und sich zu freuen.”

Im jüdischen Verständnis ist Simcha nichts individuelles, sondern wir teilen sie mit anderen. Freude existiert in der Gemeinschaft (zum Beispiel der Gemeinschaft des Stadttempels) und nicht in der Einsamkeit. Freude erlöst die Einsamkeit. Freude ist ein Geschenk des Ewigen.

Zu Sukkot sitzen wir daher alle miteinander in der Sukka, dieser schwachen und vergänglichen Behausung, und “essen unser Brot mit Freude und trinken wohlgemut unseren Wein” (9:7). Durch das S´chach scheint die Schechina in die Sukka, umhüllt unsere Existenz mit Heiligkeit und gibt unserem Leben Sinn und Bedeutung. So gewinnt unser Leben an Substanz und ist nicht mehr “hewel“, sondern voller Simcha, Optimismus und Heiligkeit.

Kein anderes Buch ist mehr geeignet für die Zeit nach Rosch HaSchana und Jom Kippur. Nach der intensiven Selbstreflektion und der spirituellen Erneuerung der Hohen Feiertage haben wir uns die Freude verdient, jeden Augenblick zu genießen und für den Überfluss des Sommers und die Buntheit des Herbstes zu danken, bevor es Winter wird.

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