Frag den Rabbi: Was tut G”tt seit der Schöpfung

Rabbi-CoolClips_vc074807DeutschG-tt hat die Erde in 6 Tagen erschaffen. Danach war Schabbat, an dem Er sich erholt hat. Was hat Er am achten Tag und seitdem gemacht?

Sie sind nicht der Erster, der diese Frage stellt. Der Midrasch Rabba (Berejschit 68:4 – hier) erzählt, dass eine (römische) Matrone den Rabbi Jossi Ben (Sohn des) Chalafta fragte, was der liebe G”tt seit der Schöpfung tut. Rabbi Jossi Sohnes Chalafta erwiderte: Heiratsvermittlung. Die Matrone fand das zu unbedeutend und behauptete, so was könne sie auch selber tun. Sie hatte viele Diener und Dienerinnen, und beschloss, zu vermittlen, damit die alle Paare bilden. Am nächsten Morgen wurde sie von einer Menge an Knechten und Mägden, die fast wie Krüppel aussahen. Der eine hatte ein blaues Auge, die andere hatte eine blaue Fleck, hier hatte sich jemand ein Bein gebrochen, dort einen Zahn oder zwei verloren. Also verstand sie, dass man nicht einfach zwei Menschen zusammentun kann.

Wollen wir diesen Midrasch tiefer interpretieren, dann bedeutet er, dass es noch schwieriger ist, die Welt instand zu halten, als sie zu erschaffen.

Eine ähnliche Gedanke finden wir im Gebet, in dem wir kurz vor dem Schma Jissraël am Morgen sagen, dass G”tt “mechadesch bechol Jom tamid Ma’assej Werejschit” – “die Schöpfung täglich erneut”. Das kann man auf zwei Arten und Weisen interpretieren: wie oben, dass G”tt in die Schöpfung involviert bleibt, und das dies eine größere oder noch schwierigere Aufgabe ist, als die Schöpfung selbst.

Eine andere mögliche Interpretation ist, dass die Welt auch nach der Schöpfung keine eigenständige, von G”tt losgelöste Existenz haben kann. Nur wenn G”tt die Welt dauernd in Seinen Gedanken hält, bleibt sie bestehen. (Über die Differenz zwischen dem g”ttlichen Denken und Gedenken habe ich im Kapitel zum Jiskor-Gebet in meinem Buch „Ein reissendes lärmendes Wildwasser“ geschrieben.)
Eine dritte Möglichkeit ist in einer bestimmten Hinsicht die kreativste und tiefste Lösung, die den obigen Erklärungen nicht einmal widerspricht. Prof. Dr. Gerald Schroeder schlägt in seinen Büchern zur Tora und Schöpfung auf Basis der kosmischen Hintergrundstrahlung (Cosmic Background Radiation) vor, dass wenn wir die Zeit aus der Perspektive des gesamten Universums ermessen, die Welt weder +-6000, noch 13-15 Milliarden Jahre alt ist, sondern … sechs Tage. Zeit ist (wie seit der Popularisierung der Relativitätstheorie Einsteins bekannt) nicht gleichförmig. Es ist also durchaus möglich, zwischen der Zeit auf Erden, in einem GPS-Satelliten, auf dem Jupiter, und in der Nähe eines Schwarzen Lochs zu unterscheiden. Obwohl die Zeit an all diesen Orten sehr präzise gemessen werden kann, ist sie überhaupt nicht gleich. GPS-Navigationsgeräte müssen deshalb Korrekturen durchführen, um die Satellitdaten korrekt zu interpretieren, sonst lotsen sie Sie anderswo hin, als Sie wollen.

Deshalb schlägt Schroeder (umstrittenerweise) vor, dass es ebenfalls möglich ist, von der Zeit des gesamten Universums zu sprechen. Erst mit der Erschaffung von Adam zählen wir die Jahre auf Erden. Bis dahin wird die Zeit aus der Perspektive der gesamten Schöpfung gemessen, und auf jener „Uhr“ sind kaum mehr als sechs Tage vergangen. Alles, was wir sehen und tun, findet also während des g”ttlichen Schabbats statt, an dem G”tt sich zurückzieht und Raum für das menschliche Tun schafft; wir sind und bleiben derzeit im siebenten Tag und können deshalb nicht fragen, was G”tt am achten Tag tut, wenn es diesen Tag noch lange nicht gibt.

Die Theorie von Schroeder und andere Interpretationen der Schöpfungsgeschichte und der modernen wissenschaftlichen Kosmologie bespreche ich im folgenden zweiteiligen Audio-Vortrag:

Im übrigen hat G”tt sich am siebten Tag nicht erholt, und es ist in Bezug auf G”tt absurd, von „Erholung“ zu sprechen, wie ich hier erkläre.

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One Response to Frag den Rabbi: Was tut G”tt seit der Schöpfung

  1. Ulrich Habsburg-Lothringen says:

    Am besten gefällt mir die zweite Interpretation “G”tt erneut die Schöpfung”; muss er sich dabei an den Wochenlauf halten?

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