E pluribus unum, aus vielen Steinen ein Stein

Der Traum Jakobs - Jusepe de Ribera (1639)

Der Traum Jakobs – Jusepe de Ribera (1639)

Austrian-German_Swiss_flags-tinyAls Jaakow auf dem Weg nach Charan unter dem freien Himmel übernächtete, nahm er „von den Steinen jenes Orts und legte sie unter sein Haupt und legte sich an dem Ort schlafen“ (1.B.M. 28:11). Nachdem er in seinem prophetischen Traum die Engel G“ttes auf dem berühmten Leiter hinauf- und hinabstiegen sah, stand „Jakob … am Morgen früh auf und nahm den Stein, den er unter sein Haupt gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einer Denksäule und goss Öl oben darauf“ (ebd. 18).

Der genaue Leser wird wohl bemerkt haben, dass anfänglich von vielen Steinen, die er unter seinem Haupt legte, während am Ende er den Stein, den einen einzigen Stein nahm, die er unter sein Haupt gelegt hatte, berichtet wird. War es also einen oder mehreren Steine?

Diese grammatikalische Widerspruch kann auf verschiedenen Arten und Weisen gelöst werden. Raschi zitiert dazu einen berühmten Midrasch, nach dem Jaakow zwar anfänglich verschiedene Steine zum Kopfkissen nahm. Diese Steine stritten aber miteinander, denn alle wollten der Stein sein, auf dem der heilige dritte Vorvater Israels sein Haupt legen würde, und diese Streit löste sich erst, als alle Steine sich zu einem Stein verschmelzten, die gemeinsam das Haupt des Gerechten unterstützten. Diesen neuen vereinigten Stein ist der, den Jaakow dann zu einer Denksäule zu Ehren G“ttes machte.

Es ist eine schöne Geschichte, die aber aus mehreren Hinsichten schwer verdaulich ist. Steine streiten üblicherweise nicht und haben gar keine Gedanken oder Gefühle. Und wenn sie streiten, würden sie sich nicht miteinander Stein verschmelzen. Diese Fragen führen den Maharal dazu, den Midrasch in seiner Tiefe zu erforschen. Nach dem Maharal fand diese Geschichte mit den Steinen nicht statt. Sogar wäre es eine Tatsache, gäbe es keinen Grund, diese Geschichte zu erzählen. Nein, nach dem Maharal lehrt der Midrasch hier etwas besonders profundes bezüglich Jaakow und des Buchs Berejschit.

Bis Jaakow ist die Welt eine Welt der Teilung, Uneinigkeit, des Konfliktes, Olam haPejrud. Mit Jaakow wird die Welt eine der Einheit.

Das ist nicht nur eine mystische Beschreibung des Lebens des Patriarchen, sondern eine Beschreibung eines Hauptthemas des gesamten Buchs Berejschit und der großenb Wende, die mit der Reise Jaakows nach Charan beginnt.

Ein großes Thema des Buchs Berejschit ist die Auserwählung. Kajin und Abel, Noach und seiner Generation, die Kinder Noachs Schem, Jefet und Cham, Awram und Lot, Jischmael und Jitzchak, Jaakow und Essaw. Immer wieder wird einer auserwählt, öfters ist der ausgerechnet nicht der Erstgeborene. Jahren später fürchten die Brüder Josephs, dass er sich als der einzige auserwählte betrachtet, und all seine Brüder ihm untertänig machen möchte. Deshalb ärgern sie sich derart wegen seiner Träume und versuchen ihn auszuschalten. In Wahrheit wurde Joseph aber nicht gegen, sondern für seinen Brüder auserwählt, damit er die Familie Jaakows in Ägypten retten kann. Bezüglich der Auserwählung Israels waren aber alle Kinder Jaakows auserwählt.

Deshalb ist die Welt bis der Segnung Jaakows eine der Teilung, des brüderlichen Konfliktes, der Uneinigkeit. Als er aber nach dieser Segnung nach Charan aufbricht, wo er seine Familie gründen wird, beginnt ein neuer Abschnitt der Einheit, Olam haJichud.

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