Zum Wochenabschnitt: Ha’od Awi chaj? Lebt mein Vater noch?

Joseph mit seinen Brüdern wieder vereint - Franz Anton Maulbertsch 1724
Austrian-German_Swiss_flags-tinyZwei Mal kommen die Brüder Josef vor ihn, um während der Hungersnot Getreide zu kaufen. Zwei Mal verabschieden sie sich, ohne dass er sich ihnen offenbart. Dann lässt Jossef einen silbernen Becher im Gepäck Benjamins verstecken, um ihn des Diebstahls zu beschuldigen. Und wiederum redet er sehr streng mit seinen Brüdern, bis er plötzlich gerührt ist, fast in Ohnmacht zusammenbricht, sich zurückzieht, um zurückzukommen und zu sagen: „Ani Jossef“ – „Ich bin Jossef“. Weshalb diese Wendung, wieso lässt er plötzlich die metaphorische Maske fallen?

Um diese Frage überhaupt beantworten zu können, müssen wir ein paar Schritte zurückgehen und fragen, wieso Josef so lange wartete, bis er sich offenbarte. Was bewegte ihn? Nach Ramban (Nachmanides) liegt der Schlüssel in den Versen, die die Reaktion Josefs beschreiben, als er seine Brüder sah (Berejschit 42:7-9): Da nun Joseph seine Brüder sah, erkannte er sie … Und Joseph gedachte der Träume, die er von ihnen geträumt hatte. Nach Ramban verstand Josef nun, dass seine Träume in Erfüllung gehen. Jedoch standen zu jenem Zeitpunkt nur zehn der Brüder vor Jossef, während Benjamin mit dem Vater geblieben war (ebd., V. 4). Hätte Jossef sich dann offenbart, dann wäre Ja‘akow unmittelbar nach Ägypten gekommen. Damit würde vielleicht der zweite Traum Jossefs in Erfüllung gehen („Und die Sonne und der Mond und elf Sterne bücken sich zu mir“ – ebd. 37:9), ohne aber dem ersten Traum die Möglichkeit zu geben, sich zu realisieren.

Jossef sah die Träume als Richtlinien, die er befolgen müsste. Daher schmiedete er einen Plan, um Benjamin mit seinen Brüdern nach Ägypten zu bringen, bevor Ja‘akow ahnen würde, dass Jossef noch lebt.

Bei der zweiten Begegnung bückten sich alle elf Brüder vor Jossef, und der erste Traum ging in Erfüllung. Eigentlich müsste Jossef sich dann offenbaren, was er aber nicht tat. Der Verkauf Jossefs in die Sklaverei hatte Wunden hinterlassen, und Josef war noch nicht bereit, seine Identität preiszugeben. Ganz besonders fürchtete er, dass die Brüder Benjamin misshandelten und ihren Hass auf Jossef auch auf Benjamin übertrugen. Jossef müsste daher Benjamin von den Brüdern trennen, um ihn zu retten.

Als sich aber Jehuda in seiner beredsamen Fürbitte wiederholt bereit erklärte, statt Benjamin Buße zu tun (ebd. 44:33), sich unfähig zeigte, dem Vater Leid zu verursachen (ebd. V. 34), und die Brüder untereinander bereits früher den Verkauf Josefs im Beisein Josefs – aber ohne zu ahnen, dass er sie verstand – bereuten (ebd. 42:21-22), da spürte er, dass die Umkehr Jehudas echt war und offenbarte sich.

Rabbi Joel Bin Nun, ein zeitgenössischer Rosch Jeschiwa, der auch ein sehr einflussreicher zeitgenössischer Tanach-Ausleger ist, schlägt auch die folgende Alternative vor: Bisher war sich Jossef nicht sicher, ob Ja‘akow noch lebte, oder nicht selber die Verantwortung für seinen Verkauf trug. Schließlich hatte er nie gehört, dass Ja‘akow ihn suchte, und wurde er überfallen und verkauft, als er seine Brüder auf Befehl des Vaters aufsuchte (ebd. 37:13-14). Deshalb versuchte Jossef eigentlich nur, Benjamin aus den Krallen seiner Brüder zu retten. Als aber Jehuda im Beisein Benjamins solche Angst zeigte, dem Vater Leid anzutun, verstand er, dass Ja‘akow noch lebte und doch von der ganzen Verkaufsgeschichte nichts ahnte, und offenbarte sich den Brüdern. Deshalb fragte er Jehuda, nachdem er sich offenbarte (ebd. 45:3): Lebt mein Vater noch? Erst ab diesem Zeitpunkt genoss Jehuda wieder das Vertrauen Jossefs.

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