Wo wohnt G”tt?

Der Tempelberg - die heiligste Stätte auf Erden für das Judentum

Der Tempelberg – die heiligste Stätte auf Erden für das Judentum

Austrian-German_Swiss_flags-tinyIm Abschnitt dieser Woche, Teuma, befiehlt G”tt dem Mosche (Schemot 25:8): וְעָ֥שׂוּ לִ֖י מִקְדָּ֑שׁ וְשָׁכַנְתִּ֖י בְּתֹוכָֽם — Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, daß ich mitten unter ihnen wohne!

Dazu passt hervorragend ein Artikel meiner Wenigkeit, der im Dezember 2016 im Pfarrblatt St. Stephan veröffentlicht wurde. In den Worten des Verlegers: Der Tempelberg in Jerusalem, wo einst der Tempel Salomos gestanden hat, gilt bis heute als heiliger Ort der Begegnung zwischen Gott und den Menschen. Oberrabbiner Arie FOLGER über die Spannung von Transzendenz und Immanenz, das Goldene Kalb und das Bedürfnis nach einem Haus Gottes.

Wofür sollte es das Haus Gottes (ge)geben (haben)?

Welchen Gott hast Du?“ fragte das Indianeroberhaupt.
Awraham: „Sag nicht ,mein Gott‘, er ist auch dein Gott!
OH: „Gib ihn nicht uns, wir haben ohnehin schon genug Probleme mit unseren eigenen Göttern!
A: „Aber es gibt nur einen Gott!“ antwortet Wilders.
OH: „Was tut er?
A: „Er kann alles machen!
OH: „Dann, warum kann er keinen Regen machen?
A: „Weil er Regen nicht macht! Er gibt uns Kraft wenn wir leiden, Barmherzigkeit wenn alles was wir empfinden Hass ist, Mut wenn wir blind wie kleine Mäuse im Dunkeln umhertappen, aber REGEN MACHT ER NICHT!
Plötzlich ertönt der Donner und es fängt an zu regnen, worauf Awraham hinzufügt: „Natürlich, manchmal, so wie jetzt gerade, ändert er seine Meinung.

—Gene Wilders als Rabbi Awraham, zum Indianeroberhaupt, im Film The Frisco Kid / Ein Rabbi im Wilden Westen (1979)
[Aus dem Englischen von der Red. übersetzt]

Glaube an einen einzigen, universellen Gott

Während der Geschichte des Judentums, die weiter fortgeschrieben wird, hat das Judentum der Welt wiederholt radikale Ideen vererbt. Zu den grundlegenden radikalen Gedanken zählen wir den Glauben an den einen einzigen, universellen Gott. Wie Gene Wilders als Rabbi Awraham dem Indianeroberhaupt sagt: Don’t say “my God”, he’s your God too! — Sag nicht “mein Gott”, er ist auch dein Gott!

Doch hört die radikale und für die Antike schockierende Theologie des Judentums nicht beim Monotheismus auf, sondern behauptet, dass Gott überhaupt nicht im Materiellen und erst nicht in einem fleischlichen Körper erfasst werden kann; er kann solchen Formen auch überhaupt nicht innewohnen. Solche abstrakte Gottesvorstellungen waren Polytheisten, Animisten und Anhängern anderer nicht-monotheistischen Glaubensrichtungen weltfremd und unvorstellbar. Gerade in jenem Moment, in dem Rabbi Awraham dem Indianeroberhaupt als unglaubwürdig, ja verrückt scheint, entfaltet er sich als inspirierender Rhetoriker, der zeigt, dass der Glaube nicht nur da ist, um unsere Bedürfnisse zu stillen, sondern um uns dazu zu führen, bessere, geistigere, ja edlere und wahrhaftige Gottesdiener zu werden, die helfen, Seine Pläne zugute der Menschheit zu verwirklichen. Oder wie der gegenwärtige Rabbiner Menachem Leibtag es zusammenfasst: „God is not a vending machine“ ─ Gott ist kein Verkaufsautomat, dem wir drei Gebete widmen, damit wir ein Cola bekommen oder beim Lotto gewinnen, obwohl Er uns das auch geben kann.

Die Kluft zwischen Gott und dem Menschen

Die Kluft zwischen dem fleischlichen, in der materiellen Welt lebenden Menschen und Gott, der total außerhalb der Schöpfung ist, obwohl Er in sie eingreift1, ist endlos, und es fällt auch dem glaubenden Menschen nicht leicht, seine Beziehung zu Gott zu pflegen, wenn der ihm manchmal als total abstrakt erscheint.

Möglicherweise war es diese Herausforderung, die zur Sünde mit dem Goldenen Kalb führte. So sollten die Kohanim, die Priester, nach dem ursprünglichen göttlichen Plan nicht alle aus einer Familie stammen, sondern sollte jeder Erstgeborene, der nach dem 2. Buch Mose XIII [Buch Exodus 13, Anm. d. Red.] ja heilig ist, der Priester seiner Familie sein, und das Familienhaus ihr Tempel.

So schrieb Rabbiner Samson Raphael Hirsch (2.B.M. 13:13 [Ex 13,13]): „Sind es ja nicht die Tempel, sondern die Häuser, in denen diese Aufgabe in wahrer, letzter Wirklichkeit zur Erfüllung kommt“. Da aber Israel sich am Goldenen Kalb versündigte, verordnet die Tora, dass die Erstgeborenen erlöst werden, in dem sie symbolisch von einem Kohen „abgekauft“ werden.2

Nach dieser Auffassung begrenzen sich die Folgen der Sünde mit dem Goldenen Kalb nicht zur Ernennung Aharons und seiner Kinder zur dynastischen Kohanim-Familie (Priester-Familie), sondern entsteht auch das Bedürfnis für einen Ort der Besinnung und des Gottesdienstes, an dem Gott eben ohne Götzendienst gedient wird. Daher unterbricht die Geschichte des Goldenen Kalbes im 2.B.M. XXXII [Ex 32] zwischen dem göttlichen Gebot des Baus eines Heiligtums und der Vermittlung dieses Gebotes von Moses an Israel, denn erst nach der Sünde wird dieses zentrale Heiligtum richtig benötigt.

Es gibt auch andere Auffassungen, wie die des sehr bedeutenden mittelalterlichen Bibelkommentators Nachmanides, der dem Heiligtum und dem Tempeldienst eine viel größere Rolle einräumt, jedoch ist die des Rabbiner Hirsch, die ebenfalls auf Lehren des Talmuds basiert, auch sehr maßgebend.

Tempel – Begegnungsort zwischen Mensch und Gott

Noch heute bleibt der Tempel, der auf dem Tempelberg stand ─ trotz seiner Zerstörung durch die Hand der grausamen und barbarischen Römer im Jahr 69 oder 70 ─ weiterhin von zentraler Bedeutung. Er gilt als Begegnungsort zwischen Mensch und Gott.

Diese Spannung zwischen der Unmöglichkeit, Gott in einem Ort oder Gebäude zu erfassen, aber jener einzige Ort der doch mehr als alle anderen Orte der Ort der Offenbarung der göttlichen Präsenz ist, finden wir in Jesaja 66. Der Kapitel öffnet mit der Frage: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde meiner Füße Schemel! Was für ein Haus wollt ihr mir denn bauen? Oder wo ist der Ort, da ich ruhen soll?“, spricht aber doch lobend vom „Haus Gottes“ (V. 19) und schließt immerhin mit der Verkündung, dass: „Und es wird dahin kommen, dass an jedem Neumond und an jedem Sabbat alles Fleisch sich einfinden wird, um vor mir anzubeten, spricht der Herr“ (V. 23).

Noch heute, obwohl der Tempel über 1900 Jahre in Trümmern liegt, bleibt der Tempelberg der heiligste Ort des Judentums. Die Synagogen ersetzen ihn nicht, sondern erinnern mit ihrer Architektur und religionsgesetzlich vorgeschriebene Ausstattung an ihn. Deshalb wenden sich die Betenden aller Synagogen der Welt nach Jerusalem und dem Tempelberg, der nichts von seiner Heiligkeit eingebußt hat. So lehrte Rabbi Jizchak Ben Schemuel in Namen von Raw (Bab. Talmud Berachot 3a): „an jeder [der drei] Nachtwache sitzt der Heilige, gepriesen sei Er, und brüllt wie ein Löwe und sagt: Wehe, dass Ich Mein Haus zerstört, Meinen Tempel verbrannt und Meine Kinder unter die Völker verbannt habe.“

Mit diesem talmudischen Diktum und poetischen Interpretationsmidrasch wird klar, dass selbst Spiritualität und Transzendenz neben dem Immanenten und Ubiquitären auch eine Dimension der Verortung haben.

Fußnoten

1In den Worten der talmudischen Weisen Raw Huna im Namen von Raw Ami (Midrasch Berejschit Rabba 68:9): Die Welt ist nicht der Ort, in dem Gott sich befindet, sondern die Welt befindet sich in Gott ─ deshalb nennt man Ihn auch „Hamakom“ („Den Ort“, also den Allgegenwärtigen).
2Im 2.B.M. XIII ist die Verordnung der Erlösung der Erstgeborenen anachronistisch. Aus jüdischer Sicht bildet das aber kein Problem, da nach dem traditionellen jüdischen Verständnis die Tora als Text erst am Ende der 40-jährigen Wüstenwanderung vollendet wird, und Moses also auch manche späteren Lehren in früheren Büchern auf göttliches Geheiß einfügen durfte.
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