Ner Tamid – Das ewige Licht

Austrian-German_Swiss_flags-tinyIn der Synagoge brennt ein Licht, dass nie ausgelöscht wird. Es brennt Tag und Nacht. Kommt man nachts oder frühmorgens in die Synagoge, bevor das Licht eingeschaltet wird, richtet sich unser Blick unmittelbar auf das kleine winzige Licht einer Glühbirne oder einer Öllampe, das einen großen Schatten an die Wände wirft.

Wer leider einen nahen Verwandten verloren hat, weiß, dass getrauert, Kaddisch gesprochen und ein Licht angezündet wird. Zahlreiche Leute zünden am Anfang der Schiwe-Trauerwoche eine Kerze an, die eine ganze Woche brennt, und andere Leute sorgen sogar dafür, dass diese Kerze wiederholt abgelöst wird, damit ein ganzes Jahr lang, bis zur ersten Jahrzeit, im Trauerhaus eine Kerze brennt.

Woher kommt der Gedanke des ewigen Lichtes und was symbolisiert es?

Im ganz ersten Passuk (Vers) unserer Parascha befiehlt die Tora (Schemot 27:20): Gebiete auch den Kindern Israel, dass sie zu dir bringen lauteres, gestoßenes Olivenöl für die Menora, um beständig (oder: ständiges) Licht zu unterhalten. Das Stichwort ist das hebräische tamid, ständig. Was meint die Tora mit der Pflicht, tamid Licht zu haben?

Nach dem „Vater der Bibelkommentare“ Raschi (1040-1105) kann tamid zwar „ständig“ bedeuten, wie das Feuer auf dem Misbeach ha-chizon, dem Altar im Tempelhof, auf dem die Opfer dargebracht wurden. Zu jenem Feuer lehr die Tora aber ausdrücklich (Wajikra 5:6): das Feuer auf dem Altar soll auf demselben brennend erhalten werden; es soll nicht erlöschen. Daher erklärt Raschi, dass dort, wo die Tora nicht betont, dass eine Flamme nicht erlöschen darf, tamid nicht ständig heißt, sondern „regelmäßig“. Damit meint die Tora etwa, dass die Lichter der Tempelmenora jede Nacht gezündet wurden und, wie die Tora unmittelbar erklärt, dass das Licht bis am Morgen brannte (Schemot 27:2): In der Stiftshütte außerhalb des Vorhangs, der vor dem Zeugnis hängt, sollen Aaron und seine Söhne es zurichten, vom Abend bis zum Morgen.

Damit wäre das Feuer auf dem Misbeach vielleicht die Inspiration für das ewige Licht unserer Synagogen, aber nicht die Tempelmenora. Ramban (Nachmanides, verst. 1271) sieht das anders. Er zitiert den Talmud (Joma 39a), wonach: Während der vierzig Jahre, der Amtszeit von Schm‘on ha-Zaddik (der Gerechte) als Kohen Gadol (Hohepriester), brannte das westliche Licht der Menora immer. Nachher blieb es manchmal brennen, erlosch aber auch vorzeitig.

Daraus schließt Ramban, dass das westliche Licht der Menora eigentlich immer brennen sollte, obwohl die Mizwa bereits erfüllt wurde, wenn es wie die anderen Lichter bis zum Ende der Nacht brannte. Damit wäre das westliche Licht ein Modell für unser ewiges Licht.

Was symbolisiert das Licht der Tempelmenora, bzw. des westlichen Lichtes?

Nach Maimonides (Führer der Verirrten, 3:45) sollte es im Tempelbesucher die Ehrfurcht erwecken. Nach dem „Kolbo“ (einem halachischen Werk aus dem Mittelalter) brennt das Licht in der Synagoge, weil sich dort, wo ein Minjan beten wird, die g”ttliche Präsenz bereits dort manifestiert, wo sich der Minjan versammeln wird. Daher soll das Licht in der Synagoge bereits vor dem ersten Besucher des Tages brennen.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch sieht in der Pflicht, das Licht ständig brennen zu lassen, auch eine Metapher für die Erziehung: Das Ziel der Erziehung ist es, den Docht so lange anzuzünden, bis seine Flamme selbständig und zwar dauerhaft brennt. Der Lehrer darf seinen Schüler nicht in einem Zustand lassen, in dem er dauernd von seinem Lehrer abhängig bleibt, sondern er muss lernen, selbständig zu lernen.

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