Nach welchem Prinzip wurden die Abschnitte der Tora organisiert?

Close-Up des Codex Leningrad – ein wesentlicher Manuskript des Tanachs aus dem 11. Jahrhundert

Austrian-German_Swiss_flags-tinyWenn wir Tora lesen, merken wir relativ schnell, dass sämtliche Abschnitte größere Einheiten bilden, in denen es eine Chronologie, eine zeitliche Reihenfolge gibt. So beginnt das Buch Berejschit mit der Erschaffung der Welt, erst nachher folgt die Sintflut und danach die Geschichte unserer Vorväter. Die Geschichte Abrahams kommt zuerst, bevor die Geschichten seines Sohnes Jitzchak und seines Enkels Jaakow erzählt werden. Das Buch schließt mit der Geschichte der vierten Generation.

Auch im Buch Schemot gibt es eine allgemeine zeitliche Reihenfolge: Die Israeliten werden versklavt und unterdrückt, Mosche wird unter diesen Umständen geboren, wächst auf, sieht das Leid seiner Brüder, flüchtet und kommt zurück, um sie auf Geheiß G“ttes zu erlösen. Ägypten lässt das Volk Israel nach zehn schrecklichen Plagen fortziehen, in der Wüste offenbart sich G“tt und vermittelt das Zehnwort, und das Volk Israel baut ein Stiftzelt, um die Präsenz G“ttes auch nach dem Wegzug vom Berg Sinai in ihrer Mitte genießen zu können. Es passt chronologisch. Eine ähnliche Analyse würde auch zu den anderen drei Büchern des Pentateuchs passen.

Dennoch passt das chronologische Modell nicht ganz. Mehrere Stellen lassen sich nur schwer interpretieren, wenn wir darauf bestehen, dass die Tora chronologisch organisiert ist. Das bekannteste Problem finden wir in der Parascha dieser Woche. In der Mitte der Parascha wird berichtet (Bamidbar 9:1): Und der Ewige redete zu Mosche in der Wüste Sinai im zweiten Jahr, nachdem sie aus Ägypten gezogen waren, im ersten Monat, und sprach: „Die Kinder Israel sollen das Pessachopfer zur bestimmten Zeit bringen!“ An sich sehen wir noch kein Problem, aber am Anfang des Buches hieß es (ebd. 1:1): Und der Ewige redete mit Mosche in der Wüste Sinai in der Stiftshütte am ersten Tag des zweiten Monats im zweiten Jahr, nachdem sie aus dem Lande Ägypten gezogen waren, und sprach.

Wieso bitte? Das Buch fing doch erst im zweiten Monat des zweiten Jahres an, wieso erzählt es im 9. Kapitel vom 1. Monat? Das ist ja keine Flashback-Szene aus einem Traum, der im 3. Monat geträumt wurde!

Auf Basis dieses und anderer Beispiele lehren unsere Weisen (Bab. Talmud Pessachim 6a): Ejn Mukdam uMe‘uchar baTora – was man am liebsten übersetzt als: Die Geschichten der Tora sind nicht zwingend in chronologischer Reihenfolge.

Wenn die Tora nicht zwingend chronologisch geordnet ist, was sind dann die Gründe dafür, dass Geschichten manchmal außerhalb der zeitlichen Reihenfolge berichtet werden?

Das Wort Tora heißt Lehre bzw. Unterricht, und nicht Geschichte. Die Tora erzählt uns zwar wichtige historische Fakten, ist aber kein Geschichtsbuch. Ihre Raison d‘Être, ihre Gestalt ist nicht die eines Geschichtsbuchs, sondern einer Belehrung. Das Ziel der Tora ist, uns die Lehre G“ttes zu vermitteln. Mit „Lehre“ meinen wir hier sowohl den Text der Tora mit ihren Geschichten und Ge- und Verboten, als auch mit den Einstellungen und Wertvorstellungen, die in unsere Herzen eingepflanzt werden sollen. Dafür ist der Zusammenhang der verschiedenen Abschnitte wichtiger, als die zeitliche Reihenfolge.

In unserem Wochenabschnitt wird erzählt, wie bestimmte Menschen dieses Pessachopfer leider zu der dafür bestimmten Zeit (dem 14. Nissan nachmittags) nicht bringen konnten, sich aber mit der religionsgesetzlich legitimen Befreiung dieser Pflicht nicht zufriedenstellten, woraufhin G“tt Mosche sagte, dass sie es einen Monat später, also am 14. Tag des 2. Monats, nachholen konnten (ebd. 9:9-14). Das Hauptthema der Geschichte ist hier nicht der Befehl des 1. Monats, Pessach einzuhalten, sondern dass das Pessachopfer im 2. Monat nachgeholt werden kann. Aus dieser Perspektive ist das Buch zwar nicht chronologisch, aber dennoch thematisch korrekt, und betont den Wunsch unserer Vorfahren, sich nicht von den Mizwot befreien zu wollen. Das ist eine Lehre, die wohl wichtiger als die geschichtliche Chronologie ist.

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