Chukim und Mischpatim – verschiedene Arten Mizwot

Austrian-German_Swiss_flags-tinyAls Raw Yehuda Amital einst den Schabbat in einem religiös & sekulär gemischten Moschaw verbrachte, beteiligte sich eine sichtbar sekuläre junge Dame am Schabbatprogramm und fragte ihn irgendwann: Kewod haRaw (Herr Rabbiner), ich bin vom heutigen Schabbat sehr angetan. Es ist sehr berührend, wie Ihr den Schabbat leidenschaftlich feiert, ja, ihn in der Seele spürt und überhaupt nach der Tora lebt. Ich bin nun entschlossen, ebenfalls datija (religiös) zu werden. Wie soll ich anfangen?“

Daraufhin antwortete Raw Amital:

Suche dir drei Mizwot aus, die du bereits anfangen möchtest einzuhalten. Aber nicht irgendwelche drei, sondern suche dir eine Mizwa aus, die du vernünftig findest, eine, die du nicht verstehst, und eine, mit der du Mühe hast, die du eigentlich kaum akzeptieren kannst. Du sollst eine Mizwa, die du vernünftig findest, auf dich nehmen, denn damit wirst du stellvertretend spüren, wie sehr viele Mizwot verständlich sind, und das Judentum vernünftig ist. Dann wählst du eine Mizwa, die du einfach nicht verstehst, die stellvertretend für das Prinzip steht, dass wir die Mizwot nicht erst dann erfüllen, wenn wir sie verstehen, sondern auf unsere Tora vertrauen und ihre Pflichten wahrnehmen. Drittens sollst du eine Mizwa auswählen, mit der du Mühe hast, die du auf den ersten Blick problematisch oder unvernünftig findest, denn es ist G“tt, dem wir dienen, und nicht uns selbst; deshalb haben wir zu zeigen, dass wir uns schlussendlich der Herrschaft G“ttes unterwerfen. Dann gönnst du dir die Zeit, um langsam andere Mizwot zu entdecken.

Was Raw Amital der jungen Dame zeigte, ist, dass wir die 613 Mizwot der Tora in einige Kategorien einteilen können. Dies können wir sogar in verschiedener Hinsicht tun. So kennt jeder den Unterschied zwischen Ge- und Verboten. So gibt es 365 Verbote, wie etwa das Verbot, zu morden, zu stehlen oder den Schabbat zu brechen, und 248 Gebote, wie etwa die Aufgabe, den Schabbat zu ehren (Kiddusch machen, beten, lecker essen, usw.), die Feiertage gemütlich zu machen, Zedaka zu geben und armen Menschen Darlehen zur Verfügung zu stellen.

Man kann die Mizwot auch anders einteilen. So unterscheidet Raschi in unserer Parascha zwischen Chukim und Mischpatim. Chukim sind nach diesem Verständnis solche Mizwot, die nicht intuitiv sind, wie zum Beispiel das Gesetz der sgn. Roten Kuh, mit deren Asche bestimmte rituelle Unreinheiten vor dem Besuch im Bejt haMikdasch (Tempel Jerusalems) beseitigt werden konnten. Mischpatim bilden den Gegenpol der Chukim und sind solche Mizwot, die intuitiv sind, wie etwa das Mordverbot, Diebstahlverbot oder die Wohltätigkeitsgebote.

Ein dritte Art und Weise, die Mizwot einzuteilen, ist zu unterscheiden zwischen zwischenmenschlichen Mizwot und Mizwot zwischen dem Menschen und G“tt.

All diese Klassifikationen sind richtig, keine ist falsch. Von jeder Klassifikation können wir etwas lernen. Manchmal entdecken wir sogar eine Mizwa, die nicht zu 100 % in eine Kategorie passt. Vielleicht ist eine Mizwa sowohl zwischenmenschlich als auch „religiös“, oder sowohl ein Gebot wie auch ein Verbot, oder hat sowohl Aspekte von Chukim als auch von Mischpatim.

Eine sehr interessante Kategorisierung der Mizwot stammt von der jüdischen Ethik-und-Moral-Bewegung des 19. Jhs., der sgn. Mussar-Bewegung. Die Mussar-Meister kennen nebst den zwischenmenschlichen und den „religiösen“ Mizwot auch Mizwot zwischen dem Menschen und sich selbst (Bejn ha-Adam le-Azmo). Dazu zählen sie sämtliche Mizwot, die unseren Charakter, unser Benehmen, ja unsere Würde veredeln sollten. Ja, auch unsere eigene Seele dürfen wir nicht vergessen, auch ihr schulden wir Liebe und Pflege.

Nun wird klar, welche Kategorien Raw Amital verwendete: Die intuitiven Mizwot sind die Mischpatim, die zwei anderen Kategorien sind Chukim.

Zur Person – Raw Yehuda Amital

Raw Yehuda Amital wurde am 31. Oktober 1924 als Yehuda Klein in Oradea (Großwardein) in Rumänien geboren. Sein Vater, Yekutiel Ze’ev, war Buchhalter der jüdischen Gemeinde, und seine Mutter führte eine Suppenküche. Nach der Volksschule begann Yehuda seine intensive jüdische Bildung unter Raw Chaim Yehuda Levi.

1940 wurde Nord-Transylvanien Hungaren zugeordnet. Nachdem die Nazis 1944 in Ungarn einmarschierten, wurden auch Yehuda und seine Familie in Arbeits- und Vernichtigungslager verschleppt. Seine ganze Familie wurde in Ausschwitz ermordet, nur Yehuda überlebte.

Nach seiner Befreiung durch das sowjetische Heer wanderte er nach Erez Israel aus, wo er an der Chewron Jeschiwa in Jerusalem und später an der Kletzk Jeschiwa in Pardes Chana lernte. Er bekam seine Semicha von Raw Issar Salman Meltzer, nachdem er bereits eine frühere “Tauglichkeitsprüfung” bestand, in dem er Mirjam, die Tochter des Jeschiwahauptes und Enkelin von Raw Isser Salman heiraten durfte.

Während des Unabhängigkeitskrieges Israels tart er in das Israelische Verteidigungsheer ein und diente in der 7. Brigade. Nach dem Krieg lehrte er an verschiedenen Jeschiwot. Berühmt ist er aber als Rosch Jeschiwa (Oberhaupt) von Jeschiwat Har Etzion, die er nach dem Sechs­tagekrieg mit begründet hat. (Kurz nachher lud er Raw Aharon Lichtenstein ein, sich ihm anzuschließen). Er war ein profunder, origineller Denker, der sich stark mit Ethik befasste, und auch politisch tätig war. Er starb am 9.10.2010.

Übrigens: Der Eintrag zu Raw Yehuda Amital in der deutschsprachigen Wikipedia beinhaltet mehrere Fehler (und nennt den Unabhängigheitskrieg tendenziöserweise den Palästinakrieg, was in so einem Eintrag nicht Usus ist). Wer Lust hat, den Artikel zu korrigieren, kann sich die englische und hebräische Einträge anschauen, sowie auch einige gute biographische Skizze, zum Beispiel auf den Webseiten von Yad Vashem und von der Knesset.

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