Die Hohen Feiertage – eine Öffnung in der Zeit

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DeutschDie Sehnsucht nach G“tt und nach unserer jüdischen Seele ist ein Teil des Prozesses der Teschuwa. Obwohl mit diesem Begriff die Reue über Verfehlungen und Umkehr von der Sünde verstanden wird, heißt Teschuwa wörtlich Rückkehr oder Heimkehr. G“tt sagt zu uns – das ist in der Haftara des Schabbat, der auf Rosch haSchana folgt – Schuwa Jissraël ‚ad haSchem E-lohekha, „kehre zurück, Israel, zum Ewigen dein allmächtiger G“tt.

Rückkehr muss nicht außergewöhnlich sein, genau wie ein erwachsenes Kind, das in der Nähe der Eltern lebt, seine Eltern auch wöchentlich besuchen und täglich anrufen kann. Die Mischna (Pirkej Awot 2:10) empfiehlt שוב יום אחד לפני מיתתך, kehre um einen Tag vor deinem Tod. Was auf den ersten Blick wie eine sehr lockerer Rat aussieht, der ein Leben ohne Kummer ermöglicht, ist eigentlich ein Rezept für ein tugendvolles Leben, denn der Mensch weiß ja nicht, wann er sterben wird. So erzählt der Talmud (Schabbat 153a), dass die Schüler von Rabbi Eli‘eser, dem Urheber jenes Zitates, fragten: „Aber der Mensch weiß doch nicht, wann er sterben wird!?“ Wozu der Lehrer erwiderte, dass eben der Mensch deshalb täglich umkehren soll, und damit wird er sein ganzes Leben G“ttesnähe erfahren und tugendhaft sein.

Dennoch fällt den meisten so ein Leben nicht leicht. Jom Kippur werden wir nachmittags als Haftara das Buch Jona vortragen, in dem vom Propheten Jona erzählt wird, der die Bewohner der Stadt Ninneveh ermahnte, umzukehren. So lesen wir dort, dass alle Menschen ihre Sünden bereut haben, ja sogar das Vieh hat gefastet. In der Annahme, dass keines Ihrer Haustiere zu Jom Kippur oder Tischa BeAw einfach entscheidet zu fasten, glaube ich nicht, dass der Prophet damit sagen will, dass Umkehr leicht ist, sondern er will betonen, wie außergewöhnlich jene Umkehr-Geschichte ist. Es ist eine Geschichte, die sich so nicht wiederholt. Genau wie das Vieh von Umkehr nichts versteht, so kehren auch die Menschen nur schwer um.

Wenn wir unsere Erwartungen für die nächste zehn Tage – für die Zehn Tage der Teschuwa von Rosch haSchana bis Jom Kippur – an normalen Ereignisse und normalen Zeiten messen, dann lässt sich befürchten, dass wir ungefähr so gut umkehren werden, wie unsere Haustiere anfangen würden, fleißig Tefillin zu legen. Aber diese Jahreszeit ist keine normale Zeit. Rosch haSchana und Jom Kippur bilden eine Zeit jenseits der Zeit, als ob eine Öffnung im Zeit-Raum-Continuum uns erlaubt, von einer Hand von jenseits der materiellen Welt berührt zu werden. Es ist als ob die wundersame Spaltung des Schilfmeeres, die unsere Vorfahren vor dem ägyptischen Heer rettete, sich wiederholt, und die kosmischen Fäden an einer Stelle genau so weit auseinander gezogen werden, dass wir unser Rosch haSchana und unseren Jom Kippur dort feiern können, und dabei den Duft des Jenseits ein wenig riechen können.

Unter solchen Umständen gelten die normalen Regeln nicht, und können auch wir ganz normale Menschen geistige Größe empfinden, können wir G“ttesnähe erfahren. Genau so wie ein Kind, das in Übersee lebt und seine Eltern nur selten besuchen kann, sie dann ganz besonders herzig umarmt, wenn es sie wieder sieht, und spürt, wie stark es seine Eltern vermisst hat.

Auch diese Eltern haben ihr Kind vermisst, und eigentlich vermissen sie das Kind noch mehr, als das Kind die Eltern. So ist es auch mit G“tt, der sich – bildlich gesprochen – nach unserer Wiederzusammenkunft sehnt. Jetzt ertönt die Stimme: Schuwu Banim, kehrt zurück, Ihr Kinder, dass ich euch in das Buch des Lebens hineinschreiben kann.

Das Werkzeug, um die Fäden der Zeit auseinanderzuziehen

Rosch haSchana und Jom Kippur sind also wie eine Lücke im Gewebe der Zeit sind, die uns erlaubt, geistige Heldentaten zu verwirklichen, die uns sonst unmöglich scheinen. Rosch haSchana und Jom Kippur sind auch wie eine Öffnung im Gewebe der räumlichen Dimensionen, die uns ermöglicht, sozusagen den Duft des Jenseits zu riechen. Wie aber entsteht diese Öffnung? Mit welchen Werkzeugen ziehen wir die Fäden des Zeit-Raum-Kontinuums? Mit dem Schofar.

Die Haftara, die am ersten Tag Rosch haSchana kurz vor dem Schofarblasen vorgetragen wird, erzählt von von einer Frau, die verbittert war, weil sie schon lange mit Kinderlosigkeit kämpfte. Sie war keine reguläre Synagogengängerin, wenn ich das so sagen darf.

Zu ihrer Zeit war der zentrale Ort des G“ttesdienstes das Stiftzelt von Mosche, das, teils umgebaut, in Schiloh errichtet wurde, wo es über drei Jahrhunderte stehen blieb, bis es einige Jahrzehnten nach unserer Geschichte von den Pelischtim, den Philistern zerstört wurde. Und statt dieses Stiftzelt regelmäßigdreimal im Jahr zu den Wallfahrtsfesten zu besuchen, heißt es, dass ihre Familie den Tempel einmal im Jahr aufsuchte.

Aber wenn sie den Tempel schon aufsuchte, dann wallten alle ihre Emotionen auf. Sie spürte ihr Elend, und spürte, dass die Wände dort ihr Jauchzen und Seufzen hören und dem lieben G“tt davon erzählen würden. So heißt es: „Channa stand auf, nachdem sie zu Schiloh gegessen und getrunken hatte. Eli haKohen saß eben auf seinem Stuhl beim Türpfosten des Tempels des Ewigen. Sie aber, betrübt, wie sie war, betete zum Ewigen und weinte sehr.

War es das erste Mal, dass sie ein Gebet sprach? Sicher nicht. Aber diesmal war es anders. Sie sprach ein Gelübde. Sollte G“tt ihr Gebet anhören und ihren Wunsch erfüllen, dass sie einen Buben bekommt, dann wird sie ihn dem Dienst G“ttes widmen.

Sie bat sehr intensiv, und für Mitbetende muss das wohl eine Sondererscheinung gewesen sein. Ich stelle mir schon vor, wie Anwesende geschmunzelt haben. Dem damaligen Oberrabbiner, eh, Hohepriester, ‘Eli, ging es auch so, und auf Grund seiner Autorität entschied er sich, sie zurechtzuweisen. „Wie lange willst du betrunken sein? Gib deinen Wein von dir!“, denn klar, nur im Rausch würde jemand so beten. Aber nicht ‘Eli, sondern Channa hatte Recht. In ihrem Gebet betonte sie, wie das, was sie sich wünscht, für den Ruhm G“ttes eingesetzt werden soll. Sie ersucht von G“tt nicht, das zu bekommen, worauf sie keinen Anspruch hat, sondern versucht, einen Sohn zu bekommen, eben um ihn G“tt zu widmen und damit ihre Berufung zu verwirklichen. Nach Ablauf eines Jahres stillt sie einen Säugling namens Schemuel, der zu den erfolgreichsten Propheten und Anführern unseres Volkes zählen wird.

Im Seufzen von Channa hören wir die Schofartöne, mit denen unsere Emotionen aufwallen. Tatsächlich stehen uns, während sie ertönen, die himmlischen Tore offen. Wer betet, wie Channa einst bat, dem sind die – metaphorischen – himmlischen Ohren zugewandt.

Die rohen Töne des Schofars sind sowohl diese primitive Musik, die uns mitzieht, als auch unsere kollektive Stimme. Ihr Weinen ist unser Weinen, ihr Seufzen ist unser Seufzen. Wer ist denn nicht berührt, wenn er oder sie die Schofartöne hört? Es ist als ob sie sowohl vom Boden als auch vom Himmel ertönen. Diese Töne verbinden uns mit der Offenbarung am Berg Sinai, wo es heißt (Schemot 20:18): „Und das ganze Volk sah den Donner und Blitz und den Ton des Schofars und den rauchenden Berg. Als nun das Volk solches sah, zitterte es und stand von ferne“.

Mit welchen Werkzeugen ziehen wir also die Fäden des Zeit-Raum-Kontinuums? Mit dem Schofar.

Es bleibt uns nur noch die Aufgabe, unsere Herzen zu öffnen, damit wir die Schofartöne auch in uns hinein eindringen lassen, damit wir uns mitziehen lassen, und auch wir unser Gebet vor G“tt so wie Channa sprechen.

(Auf Basis zweier Deraschot zu Rosch haSchana 5779)

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