Die Halachá als Basis einer Gesellschaft der Liebe

August 1, 2008

flag-ch_de-tinyJom Kippúr, der „Versöhnungstag“, ist deutlich von Ritualen geprägt. Während dieses heiligen Tages verzichten wir für etwas mehr als fünfundzwanzig Stunden auf gewohnte körperliche Annehmlich­keiten wie Essen und Trinken, um den ganzen Tag lang unserem Schöpfer zu dienen. Wir beten, singen, lesen die Torá, hören vielleicht sogar einen Schi‘úr (religiösen Vortrag). Wir ziehen einen ganz weissen Kittel an, das Sargenes, umhüllen uns mit einem weissen Tallít und bedecken den Kopf mit einer weissen Kippá, und damit wenden wir uns wenigstens für diesen einen Tag von der auffallenderen Kleidung ab, die in Mode ist. Wir beschränken in dieser Zeit unseren Umgang mit anderen Menschen und vermeiden ganz allgemein Tätigkeiten, die uns zur Sünde bringen könnten. Man könnte sagen, dass wir einen ganzen Tag lang ein heiliges Leben führen, voller Spiritualität und ohne Materialismus.

Wenn wir bedenken, wie sehr die Traditionen von Jom Kippúr einen Rückzug aus dem gewohnten Leben betonen, wäre die Annahme naheliegend, dass es an diesem Tag um die Entwicklung der Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer geht. Read the rest of this entry »


Wunder alleine erwecken die Glaube nicht

August 1, 2008

DeutschIn dieser Predigt, ursprunglich an Schabbat Paraschát Mischpatím, 29. Schewát 5767 (17. Februar 2007), gesprochen, wird erforscht, weshalb die biblischen Wunder, wie etwa die des Exodus, nur während einer beschränkte Epoche vorgekommen sind – würden nicht viel mehr Leute G”tt anerkennen, wenn es noch heute solche Wunder gäbe? Read the rest of this entry »


Die Einheit von Ethik und Ritual

August 1, 2008

DeutschUnsere Tradition lehrt uns, dass wir in Bezug auf zwischen­menschliche Beziehungen besonders sensibel sein sollen, und so hat sich der Brauch entwickelt, dass wir einander vor oder an Jom Kippur um Verzeihung bitten.1 Sollen wir daraus schliessen, dass das, was dem Judentum wichtig ist, nur der zwischenmenschliche Bereich ist? Liegt das Wesen unserer Religion im Gesellschaftlichen und nur dort?

Manche behaupten das. Read the rest of this entry »


Die grösse des Sündenbekenntnis

August 1, 2008

Deutsch

אוֹר זָרוּעַ לַצַדִיק וּלְיִשְׁרֵי לֵב שִׂמְחָה
Licht ist gesät für den Gerechten,
und für die, die geraden Herzen sind, Freude.
(Tehillím 97:11)

Der Beginn von Jom Kippúr ist ein sehr ehrfurchtgebietender und ernster Moment. Jetzt wollen wir ein Paradox untersuchen: Jom Kippúr existiert, weil wir an den Menschen glauben. Wir glauben, dass der Mensch gerecht sein soll, und wir glauben, dass der Mensch gerecht sein kann.

Würden wir (wie manche anderen Religionen) an die Prädestination, die Vorherbestimmung glauben, dann hätten wir keinen Jom Kippúr, dann würden wir nicht an das menschliche Potential glauben. Es gäbe keinen Anlass, unsere Sünden zu bereuen, es gäbe keinen Grund, göttliche Verzeihung zu erwirken. Wir dagegen glauben an die Willensfreiheit, an die freie Wahl, und zugleich an die Verantwortung, die richtige Wahl zu treffen. Read the rest of this entry »


Für eine allumfassende jüdische Einheit

August 1, 2008

DeutschAn Rosch ha-Schaná 5766, wussten wir noch nicht, was für ein schreckliches Dekret über das Volk Israel verhängt werden würde. Wir ahnten nicht, dass zehn Monate später während des zweiten Libanonkrieges 3970 Raketen auf den Norden Israels niederregnen und 43 israelische Zivilisten sowie 119 Soldaten töten würden.1 Wir ahnten auch nicht, dass im Laufe des Jahres unzählige Qassam-Raketen fallen und unsere Brüder im Süden in Schrecken versetzen würden.

Die jüdische Antwort auf Tragödien lautet, dass es nötig ist, in sich zu gehen, Selbstkritik zu üben und die Loyalität gegenüber unserem jüdischen Volk, unserer Tradition und Awínu sche-ba-Schammájim, unserem himmlischen Vater, zu stärken. Ich werde darauf gleich zu sprechen kommen, aber zuallererst möchte ich laut und klar sagen, so dass es alle hören: מִי כְּעַמְּךָ יִשְׂרָאֵל ‘wer ist wie Dein Volk Israel’2 – denn es ist dies eine Zeit, mit Stolz jüdisch zu sein. Read the rest of this entry »


Jüdische Bitachón

August 1, 2008

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„Besser, Zuversicht in G”tt zu haben, als auf den Menschen zu vertrauen“ (aus dem Hallel)

Predigt zum Abschnitt Chajé Sará,
vom 24. Cheschwan 5766 (26. November 2005)
Rabbiner Arie Folger

Unser Vorvater Awrahám war ein besonderer Mann von grosser geistiger Gestalt. Von den zwanzig Generationen von Adam bis Awrahám werden nur die Geschichten von Nóach, der zehnten Generation, und Awrahám, der zwanzigsten Generation, ausführlich erzählt, denn diese waren keine einfachen Persönlichkeiten. (Mischná Awót 5:2) Awrahám war der grosse Denker, das geistige Oberhaupt der Menschheit (Berejschít 14:19 & 17:5), der der Welt das Verständnis, dass es nur einen G“tt gibt und dass Er sich auch für unsere Handlungen interessiert.1 Die Ereignisse seines Lebens und seine Dialoge mit G“tt sind deutlich voller Bedeutung und zeugen von Voraussicht.

Awaraháms Bemühungen, ein Grab für Sara zu erwerben, zeugen besonders von Voraussicht. G”tt hatte ihm gesagt:וְנָֽתַתִּ֣י לְ֠ךָ וּלְזַרְעֲךָ֨ אַֽחֲרֶ֜יךָ אֵ֣ת ׀ אֶ֣רֶץ מְגֻרֶ֗יךָ אֵ֚ת כָּל־אֶ֣רֶץ כְּנַ֔עַן לַֽאֲחֻזַּ֖ת עוֹלָ֑ם וְהָיִ֥יתִי לָהֶ֖ם לֵֽא־לֹהִֽים׃ – Und Ich werde dir und deinen Nachkomen nach dir das Land deines Aufenthaltes, das ganze Land Kenaan, zum ewigen Besitze geben, und Ich will ihnen G”tt sein (Berejschít 17:8). Awrahám wies das Geschenk von Efrón zurück und bestand darauf, die Höhle Machpelá zu kaufen. Warum? Wurde der grosse Denker, der Begründer der Dynastie Israels, der אַב־הֲמ֥וֹן גּוֹיִ֖ם – Vater vieler Völker (Ebd. Vers 4) – zynisch, G”tt behüte? Read the rest of this entry »


Nicht alles, dass glänzt, ist Gold

August 1, 2008

DeutschPredigt vom 1. Tag Sukkót, 15. Tischréj 5768 (27 September ’07)

Nicht alles, dass glänzt, ist Gold

von Rabbiner Arie Folger

Die Torá befiehlt uns, an Sukkot פְּרִי עֵץ הָדָר (Perí ‘Etz hadár) zu nehmen.1 Was bedeutet פְּרִי עֵץ הָדָר, und was kann uns dieser Ausdruck über die Wirkung und den Zweck der Mizwá sagen? Ich möchte hinzufügen, dass wir eine Mizwá nie vollständig erklären können. Sie ist in ihrem Wesen ein g”ttlicher Befehl, und der Mensch kann sich ihrer Bedeutung zwar annähern, aber sie nie ganz erklären. Trotzdem sind unsere Fragen berechtigt: Was bedeutet פְּרִי עֵץ הָדָר, und was wird damit symbolisiert? Read the rest of this entry »


Ein Lied mit Herz und Seele Singen

August 1, 2008

Das Lied mit Herz und Seele singen1

DeutschDa standen sie, ausser Atem, mit Freudentränen in den Augen. Endlich waren sie in Sicherheit. Sie hatten die unwahr­schein­lichste Rettung erlebt. Es war schon ein ganzes Jahr her, dass Moschè zu ihnen gekommen war. Damals war er noch ein Fremder, ein Bruder, der in ein weit entferntes Land geflohen war und sich dort niedergelassen hatte, ein in Ungnade gefallener Prinz. Er war mit einer unglaublichen Nachricht gekommen: Sie würden bald frei sein. Frei! Das hatte Gott ihm gesagt. Read the rest of this entry »


Choschèn Mischpát, das Geschenk der Juden

August 1, 2008

DeutschDieser Aufsatz erforscht die moralische Bedeutung des Konfliktes zwischen Halachá und dem zeitlich-weltlichen Zivilgesetz. Es wurde als Predigt zum Buch Schemót am 28. Tewét 5766 (28. Januar ’06) veroffentlicht.

Wahre Gewissensfreiheit

von Rabbiner Arie Folger

Die Halachá steht in finanziellen Angelegenheiten oft im Widerspruch zum Zivilgesetz und seiner Anwendung, z.B. bei der Zulässigkeit von Zinsen für Darlehen, bei der Zulässigkeit bestimmter Bussgelder, bei der Gültigkeit von Spekulationsgeschäften, bei der Definition unlauteren Wettbewerbs usw. Die Schweizer Verfassung ist klar: Die richterliche Gewalt liegt bei den Zivilgerichten, und sie müssen von den Anweisungen der Legislative ausgehen. Viele von uns fühlen uns bei dabei unwohl, dass die Halachá nicht mit der Schweizer Wirklichkeit übereinstimmt, und als Folge davon wird die Halachá entweder vergessen oder willentlich ignoriert.

Das Spannungsverhältnis zwischen der Halachá und dem westlichen Gesetz weckt Erinnerungen an Vorwürfe, wir Juden würden mit zweierlei Mass messen und seien gegenüber dem jeweiligen Land, in dem wir leben oder dessen Bürger wir sind, nicht loyal. Deshalb entscheiden sich viele dafür, unwissend zu bleiben statt die Halachá kennenzulernen, das jüdische Gesetz zu brechen statt es einzuhalten. Die Hauptfrage ist also, ob wir dem Gemeinwohl dienen, wenn wir den Massstab für Recht und Ethik übernehmen, den die uns umgebende Gesellschaft uns anbietet? Read the rest of this entry »


Die schöne Verpflichtung

August 1, 2008

DeutschPredigt des 1. Tag Sukkót, 15. Tischréj 5767 (7. Okt. 2006)

Die schöne Verpflichtung

von Rabbiner Arie Folger

Die Torá gebietet uns וּלְקַחְתֶּם לָכֶם בַּיּוֹם הָרִאשׁוֹן פְּרִי עֵץ הָדָר ‘und nehmt euch am ersten Tag Perí ‘Étz Hadár’ (Wajikrá 23:40). Was bedeutet Perí ‘Étz Hadár? Rabbi Awrahám Ibn ‘Esrá übersetzt einfach: ‘eine Frucht von einem prachtvollen Baum’. Der Etróg gilt als der schönste Baum und wird deshalb Perí ‘Étz Hadár genannt. Der Rambán (Nachmanides) meint, dass der Baum Citrus medica im biblischen Hebräisch als ‘Étz Hadár bezeichnet wird.

Ungeachtet dieser Kommentare hat man das Gefühl, dass sich ein Etróg durch mehr auszeichnet als nur durch bestimmte botanische Eigenschaften. Read the rest of this entry »