Die wahre Schabbatruhe

August 1, 2008

DeutschDer Schabbat ist unser von Gott geschenkter Ruhetag. Genau wie unsere Vorfahren, die kaum einen Monat nach ihrem Auszug aus Ägypten den Schabbat als eine ihrer ersten Mizwót bekamen (s. Schemót 16:1, 16:4-30), erholen auch wir uns an dem Tag, der zugleich זִכָּרוֹן לְמַעֲשֵׂה בְרֵאשִׁית, ein Andenken an das Schöpfungswerk, und זֵכֶר לִיצִיאַת מִצְרָיִם, ein Andenken an den Auszug aus Ägypten, ist.

Nur erholen sich Sklaven und Landwirte anders als Stadtmenschen, die bereits vor Jahrtausenden befreit wurden. Unsere Paraschá lehrt לֹא־תְבַעֲרוּ אֵשׁ בְּכֹל מֹשְׁבֹתֵיכֶם בְּיוֹם הַשַּבָּת ’ihr sollt am Schabbat-Tag in allen euren Siedlungen kein Feuer anzünden’ (Schemót 35:3). Aber das Erzeugen von Feuer war in der Vergangenheit viel aufwendiger als heute; so wie wir es machen, ist hingegen das Anschalten eines Lichtes oder eines Ofens kinderleicht. Ist die genaue Einhaltung des Schabbats unter diesen Umständen noch sinnvoll? Read the rest of this entry »


Die Einheit von Ethik und Ritual

August 1, 2008

DeutschUnsere Tradition lehrt uns, dass wir in Bezug auf zwischen­menschliche Beziehungen besonders sensibel sein sollen, und so hat sich der Brauch entwickelt, dass wir einander vor oder an Jom Kippur um Verzeihung bitten.1 Sollen wir daraus schliessen, dass das, was dem Judentum wichtig ist, nur der zwischenmenschliche Bereich ist? Liegt das Wesen unserer Religion im Gesellschaftlichen und nur dort?

Manche behaupten das. Read the rest of this entry »


Die grösse des Sündenbekenntnis

August 1, 2008

Deutsch

אוֹר זָרוּעַ לַצַדִיק וּלְיִשְׁרֵי לֵב שִׂמְחָה
Licht ist gesät für den Gerechten,
und für die, die geraden Herzen sind, Freude.
(Tehillím 97:11)

Der Beginn von Jom Kippúr ist ein sehr ehrfurchtgebietender und ernster Moment. Jetzt wollen wir ein Paradox untersuchen: Jom Kippúr existiert, weil wir an den Menschen glauben. Wir glauben, dass der Mensch gerecht sein soll, und wir glauben, dass der Mensch gerecht sein kann.

Würden wir (wie manche anderen Religionen) an die Prädestination, die Vorherbestimmung glauben, dann hätten wir keinen Jom Kippúr, dann würden wir nicht an das menschliche Potential glauben. Es gäbe keinen Anlass, unsere Sünden zu bereuen, es gäbe keinen Grund, göttliche Verzeihung zu erwirken. Wir dagegen glauben an die Willensfreiheit, an die freie Wahl, und zugleich an die Verantwortung, die richtige Wahl zu treffen. Read the rest of this entry »


Die Spitze des Eisbergs von Sin’át chinnám

August 1, 2008

Deutsch

Die Ermordung von Yitzhak Rabin

Zum 10. Jaherstag seiner Ermordung

Vor zehn Jahren, am Vorabend des 12. Marcheschwán, stand Premierminister Yitzhak Rabin auf einer Tribüne auf dem Kikkár Malchéj Jissra’él und hielt eine Rede, in der er für Frieden mit den palästinensischen Arabern eintrat und sagte: „Gewalt höhlt die Basis der israelischen Demokratie aus. Man muss sie verurteilen und ausgrenzen. Gewalt ist nicht der Weg des Staates Israel. In einer Demokratie kann es Meinungsunterschiede geben, aber die Entscheidung fällt letztlich in demokratischen Wahlen […]“. Diejenigen, die er als Partner im Friedensprozess sah, unterstützte der Premierminister mit den Worten: „Ich möchte es ganz direkt sagen, dass wir auch unter den Palästinensern einen Partner für den Frieden gefunden haben: die PLO, die unser Feind war, und aufgehört hat, Terrorismus zu betreiben. Ohne Partner für den Frieden kann es keinen Frieden geben […]“.

Die nächsten zehn Jahre, von den Ereignissen jener Nacht an, waren durch innere Suche, Hoffnungen und Enttäuschungen gekenn­zeichnet. Im Rückblick leben wir jetzt in einer Welt, die wir damals nicht wollten. Fünf Jahre Intifada haben viele daran zweifeln lassen, dass die Bemerkungen des Premierministers über die Absichten der PLO zutreffend waren. Zehn Jahre nach jener Rede, nach den vielen Tunneln zum Zweck des Waffenschmuggels, nach der Manipulation von Journalisten, nach dem Schiff „Karin B“ voller (für die Palästinenser bestimmter) illegaler Waffen und dergleichen mehr, wäre es sehr leicht, zu leicht, den Blick auf das Unbeschreibliche zu richten und zu behaupten, dass der Premierminister und seine Partei sich vielleicht geirrt hatten.

Ich meine allerdings, dass wir die grössere, belastende Bedeutung des Mordes an Yitzhak Rabin nicht erfassen, wenn wir uns entweder auf den Mangel an prophetischen Gaben irgendwelcher Leute, einschliesslich der sogenannten Visionäre der Arbeitspartei, konzentrieren oder auf jenen einzigartigen Gewaltakt, den Mord an dem gewählten Premierminister Israels. Read the rest of this entry »


Für eine allumfassende jüdische Einheit

August 1, 2008

DeutschAn Rosch ha-Schaná 5766, wussten wir noch nicht, was für ein schreckliches Dekret über das Volk Israel verhängt werden würde. Wir ahnten nicht, dass zehn Monate später während des zweiten Libanonkrieges 3970 Raketen auf den Norden Israels niederregnen und 43 israelische Zivilisten sowie 119 Soldaten töten würden.1 Wir ahnten auch nicht, dass im Laufe des Jahres unzählige Qassam-Raketen fallen und unsere Brüder im Süden in Schrecken versetzen würden.

Die jüdische Antwort auf Tragödien lautet, dass es nötig ist, in sich zu gehen, Selbstkritik zu üben und die Loyalität gegenüber unserem jüdischen Volk, unserer Tradition und Awínu sche-ba-Schammájim, unserem himmlischen Vater, zu stärken. Ich werde darauf gleich zu sprechen kommen, aber zuallererst möchte ich laut und klar sagen, so dass es alle hören: מִי כְּעַמְּךָ יִשְׂרָאֵל ‘wer ist wie Dein Volk Israel’2 – denn es ist dies eine Zeit, mit Stolz jüdisch zu sein. Read the rest of this entry »


Jüdische Bitachón

August 1, 2008

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„Besser, Zuversicht in G”tt zu haben, als auf den Menschen zu vertrauen“ (aus dem Hallel)

Predigt zum Abschnitt Chajé Sará,
vom 24. Cheschwan 5766 (26. November 2005)
Rabbiner Arie Folger

Unser Vorvater Awrahám war ein besonderer Mann von grosser geistiger Gestalt. Von den zwanzig Generationen von Adam bis Awrahám werden nur die Geschichten von Nóach, der zehnten Generation, und Awrahám, der zwanzigsten Generation, ausführlich erzählt, denn diese waren keine einfachen Persönlichkeiten. (Mischná Awót 5:2) Awrahám war der grosse Denker, das geistige Oberhaupt der Menschheit (Berejschít 14:19 & 17:5), der der Welt das Verständnis, dass es nur einen G“tt gibt und dass Er sich auch für unsere Handlungen interessiert.1 Die Ereignisse seines Lebens und seine Dialoge mit G“tt sind deutlich voller Bedeutung und zeugen von Voraussicht.

Awaraháms Bemühungen, ein Grab für Sara zu erwerben, zeugen besonders von Voraussicht. G”tt hatte ihm gesagt:וְנָֽתַתִּ֣י לְ֠ךָ וּלְזַרְעֲךָ֨ אַֽחֲרֶ֜יךָ אֵ֣ת ׀ אֶ֣רֶץ מְגֻרֶ֗יךָ אֵ֚ת כָּל־אֶ֣רֶץ כְּנַ֔עַן לַֽאֲחֻזַּ֖ת עוֹלָ֑ם וְהָיִ֥יתִי לָהֶ֖ם לֵֽא־לֹהִֽים׃ – Und Ich werde dir und deinen Nachkomen nach dir das Land deines Aufenthaltes, das ganze Land Kenaan, zum ewigen Besitze geben, und Ich will ihnen G”tt sein (Berejschít 17:8). Awrahám wies das Geschenk von Efrón zurück und bestand darauf, die Höhle Machpelá zu kaufen. Warum? Wurde der grosse Denker, der Begründer der Dynastie Israels, der אַב־הֲמ֥וֹן גּוֹיִ֖ם – Vater vieler Völker (Ebd. Vers 4) – zynisch, G”tt behüte? Read the rest of this entry »


Nicht alles, dass glänzt, ist Gold

August 1, 2008

DeutschPredigt vom 1. Tag Sukkót, 15. Tischréj 5768 (27 September ’07)

Nicht alles, dass glänzt, ist Gold

von Rabbiner Arie Folger

Die Torá befiehlt uns, an Sukkot פְּרִי עֵץ הָדָר (Perí ‘Etz hadár) zu nehmen.1 Was bedeutet פְּרִי עֵץ הָדָר, und was kann uns dieser Ausdruck über die Wirkung und den Zweck der Mizwá sagen? Ich möchte hinzufügen, dass wir eine Mizwá nie vollständig erklären können. Sie ist in ihrem Wesen ein g”ttlicher Befehl, und der Mensch kann sich ihrer Bedeutung zwar annähern, aber sie nie ganz erklären. Trotzdem sind unsere Fragen berechtigt: Was bedeutet פְּרִי עֵץ הָדָר, und was wird damit symbolisiert? Read the rest of this entry »


Weshalb hatte das Meer sich spalten müssen?

August 1, 2008

Der Zweck des Keri‘át Jam Ssuf1

War das Wunder von Keriát Jam Ssuf (der Spaltung des Schilf­meeres) nötig? Was war sein Zweck?

Auf den ersten Blick wirken diese Fragen seltsam. Archäologen haben Beweise dafür gefunden, dass die östliche Landgrenze Ägyptens, zur Halbinsel Sináj hin, schwer befestigt war und dass es alle paar Kilometer ägyptische Forts gab.2 Das Wunder war also ganz einfach nötig, um unsere Vorfahren aus Ägypten herauszubringen.

Aber haSchém, der allmächtige Gott, der allgewaltige eine und einzige Gott, hätte doch auch ein anderes Wunder machen können. Er hätte z.B. unsere Vorfahren auffordern können, stolz zwischen zwei Forts hindurchzuziehen und die Ägypter zu verhöhnen, und Er hätte den Ägyptern durch irgendetwas Angst einjagen oder sie sogar vernichten können. Um es etwas anders auszudrücken, lautet die Frage also: Wurde das Meer nur deshalb gespalten, weil das der einfachste Ausweg war, oder wurde dieses Wunder aus einem bestimmten Grund oder aus bestimmten Gründen gewählt? Und können wir im zweiten Fall einige dieser Gründe ermitteln? Read the rest of this entry »


Ein Lied mit Herz und Seele Singen

August 1, 2008

Das Lied mit Herz und Seele singen1

DeutschDa standen sie, ausser Atem, mit Freudentränen in den Augen. Endlich waren sie in Sicherheit. Sie hatten die unwahr­schein­lichste Rettung erlebt. Es war schon ein ganzes Jahr her, dass Moschè zu ihnen gekommen war. Damals war er noch ein Fremder, ein Bruder, der in ein weit entferntes Land geflohen war und sich dort niedergelassen hatte, ein in Ungnade gefallener Prinz. Er war mit einer unglaublichen Nachricht gekommen: Sie würden bald frei sein. Frei! Das hatte Gott ihm gesagt. Read the rest of this entry »


Choschèn Mischpát, das Geschenk der Juden

August 1, 2008

DeutschDieser Aufsatz erforscht die moralische Bedeutung des Konfliktes zwischen Halachá und dem zeitlich-weltlichen Zivilgesetz. Es wurde als Predigt zum Buch Schemót am 28. Tewét 5766 (28. Januar ’06) veroffentlicht.

Wahre Gewissensfreiheit

von Rabbiner Arie Folger

Die Halachá steht in finanziellen Angelegenheiten oft im Widerspruch zum Zivilgesetz und seiner Anwendung, z.B. bei der Zulässigkeit von Zinsen für Darlehen, bei der Zulässigkeit bestimmter Bussgelder, bei der Gültigkeit von Spekulationsgeschäften, bei der Definition unlauteren Wettbewerbs usw. Die Schweizer Verfassung ist klar: Die richterliche Gewalt liegt bei den Zivilgerichten, und sie müssen von den Anweisungen der Legislative ausgehen. Viele von uns fühlen uns bei dabei unwohl, dass die Halachá nicht mit der Schweizer Wirklichkeit übereinstimmt, und als Folge davon wird die Halachá entweder vergessen oder willentlich ignoriert.

Das Spannungsverhältnis zwischen der Halachá und dem westlichen Gesetz weckt Erinnerungen an Vorwürfe, wir Juden würden mit zweierlei Mass messen und seien gegenüber dem jeweiligen Land, in dem wir leben oder dessen Bürger wir sind, nicht loyal. Deshalb entscheiden sich viele dafür, unwissend zu bleiben statt die Halachá kennenzulernen, das jüdische Gesetz zu brechen statt es einzuhalten. Die Hauptfrage ist also, ob wir dem Gemeinwohl dienen, wenn wir den Massstab für Recht und Ethik übernehmen, den die uns umgebende Gesellschaft uns anbietet? Read the rest of this entry »