Videovortrag: Tehillim als Gebet

January 19, 2010

Gestern durfte ich einen Vortrag zum Thema Tehillim als Gebet in der Schomre Thora Basel präsentieren. Dieser Vortrag wird nun dem Internetpublikum zu Verfügung gestellt [vimeo.com].

Der Vortrag beruht teilweise auf einem früheren Blog-Post in englischer Sprache: The Warmongering Laboring Amazones. [automatische Google-Übersetzung ins Deutsche]

Manche Teilnehmer wünschten sich Ratschläge, welcher Kommentar sie zu die Hand nehmen sollten, um das Buch Tehillim zu lernen lesen. Anbei also einige Titel in den deutschen, englischen und hebräischen Sprachen. Read the rest of this entry »


Das innige Gebet einer Frau

January 14, 2010

Während der Ära des Bejt haMiqdásch galten die Gesetze der Tumá und Tahará, der sgn. rituellen Reinheit(*). Frauen wie Männer assen nicht nur die regulären Speisen, sondern auch geheiligten Speisen, wie vielen der Tieropfer im Tempel und wie der sgn. zweite Zehnte – ein Zehntel des landwirtschaftlichen Ertrages der je nach Jahr des siebenjährigen Zyklus, entweder selber in Jerusalem gegessen, oder den Armen gegeben wurde. Deshalb besuchten Männer wie Frauen regelmässig die Mikwé.

* = Das Begriff Tahará wurde ausführlich in dem Aufsatz Von Tahará zu Keduschá ausgelegt.

Siddur-Tittelblat - Jg. 1864Seit der Zerstörung des Bejt haMikdásch haben nur noch Frauen das Privileg, die Mikwé besuchen zu müssen. Solche monatliche Ereignisse sind sehr geistig geprägt, und viele Frauen sprechen dazu besondere Gebete, sgn. Techinót, die sogar öfters von Frauen verfasst wurden (was sonnst im Mittelalter und in der Frühmoderne überhaupt nicht selbstverständlich war). Zwei solche hervorragende Techinót fand ich in der 1864 Ausgabe des “Safa Berura”-Rödelheim-Gebetbuches, die ich hier veroffentliche.
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Eine falsche Ethik

January 14, 2010

Nach dem schweizer Minarettenverbot war es nur noch eine Frage der Zeit. Erst schlug CVP-Präsident Christopher Darbellay vor, konfessionelle Friedhöfe zu verbieten (dann entschuldigte er sich), und nun schlagt der Vorstand der Grünen vor, die Beschneidung von Knaben in Frage zu stellen.

BaZ Online berichtet:

Der dies diskutieren will, heisst Diego Hättenschwiler und ist Delegierter der Berner Grünen. Er hat in der zuständigen Arbeitsgruppe den strittigen Satz eingebracht, aus medizinischen und rechtlichen Gründen, wie er erläutert. Eine Zirkumzision berge durchaus Risiken, es sei dabei gar schon zu Todesfällen gekommen, sagt Hättenschwiler. Zudem sei das Recht eines jeden Kindes auf seine körperliche Unversehrtheit zu berücksichtigen. Unter diesem Aspekt seien Beschneidungen an Säuglingen, die ihr Einverständnis dazu nicht geben können, heikel.

So ein Verbot wäre eine massive Einschränkung der Religionsfreiheit. Der moderne westliche Staat ist zwar nicht-konfessionell, darf aber nicht anti-konfessionell sein. Aber, wenn es den Mitglieder einer Konfession verbieten würde, ein so wichtiges religiöses Gebot zu erfüllen, der auch noch ein so wichtiges Bestandteil der konfessionelle Identität bildet, dann würde der Staat die Entfremdung der eigenen Religion diesen Mitbürgern aufzwingen.

Dies käme dann aus eine unangebrachte Ethik. Die Gewissenfreiheit ist eine der zentrale Platformen des modernen demokratischen Staates. Diese Gewissenfreiheit ist genau dann zu gewährleisten, wenn er nicht allen anderen Mitbürgern gefällt. Das Recht, der Mehrheit zuzugehören muss man ja kaum im Gesetz aufnehmen, denn die Mehrheit ist ja automatisch geschützt weil sie in der Mehrheit ist. Es sind die Minderheiten und ihre Rechte die geschützt werden müssen. Read the rest of this entry »


Was die jüdische Frommigkeit animieren soll

December 30, 2009

Sektenspezialist Hugo Stamm erklärt in einem Interview [Tagesanzeiger.ch], was nach seinem Verständnis Menschen zu Sekten führt. Dabei macht er ein Vergleich mit der allgemeine wachsender Religiosität. So wurde der wachsende Interesse am fundamentalistischen Christentum kommen von:

Die Heilsvorstellung des Christentums entspricht nicht mehr dem Zeitgeist. Wir leben in einer Zeit des Machbarkeitswahns: Medizin, Technik und Wissenschaft geben uns das Gefühl, beinahe unsterblich zu sein. Im Christentum muss man aber glauben und hoffen, erlöst zu werden. Das Heil wird auf ein Leben nach dem Tod verschoben. Das passt nicht in unsere Mentalität. Wir wollen das Glück sofort. Das führt zu Allmachtsphantasien.

Wie steht das Judentum zu solchen Heilvorstellungen und wie fühöt es sich in der Moderne? Read the rest of this entry »


Glaubensweitergabe – Ein Videovortrag

December 10, 2009

Der Name des Festes Chanuká (“[Wieder]-Einweihung“) ruft das Theme der jüdischen Erziehung (“Chinúch“) hervor. Anbei also ein Vortrag, der sich diesem Thema widmet. Sein Titel ist “Glaubensweitergabe des Judentums gestern und heute”. Es wird sowohl von Religionsschulmodellen als von Erziehung in der Familie und von der Sensibilisierung von Eltern gesprochen.

Oder schauen Sie es sich auf vimeo an.

Dieser Vortrag wurde an einer Tagung der Christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft, Sektion Aargau, am 22. Juni ’09 per Video übertragen. Es ist meine erste Videovortrag, und weil ich vor der Kamera und nicht vor dem Publikum stand, war das Tempo anfänglich vielleicht nicht direkt ideal, aber während des Vortrages verbessert es sich. Schauen Sie aber darüber hinaus, und tragen Sie Ihre Reaktionen als Kommentar zu dieser Webseite ein.


Wieso “ruhte” G”tt?

October 14, 2009

DeutschKi miBasel tezé Torá — aus Basel wird, gleich ehrwürdigen jüdischen Gemeinden der ganzen Welt, Torá veroffentlicht und gelehrt. Der basler Verlag Morascha veröffentlich nun die Neuausgabe des 2. Band des Hirsch-Chumasch, mit der Übersetzung und dem Kommentar des Rabbiner Samson Raphael Hirsch, ein klassiker der deutsch-jüdischen Torá-Literatur. Hirsch_Chumasch-MoraschaRabbiner S.R. Hirsch ist wohl bekannt und braucht kaum vorgestellt zu werden; über ihn wurden im Web sogar dützende biografische Seiten geschrieben. Doch ist die Neugestaltung seines Chumasch, das bisher nur als Offset-Druck der originalen Ausgabe — in gothischen Schrift — vorhanden war, zu feiern. Der Text ist schön und deutlich gedruckt, Druckfehler wurden korrigiert und das ganze in einem attraktiven Ensemble gebunden. Die Lehre von Rabbiner Hirsch ist wieder in der Originalsprache breit zugänglich.

Als Illustration seiner tiefen Verständnis des Torá-Textes und der Gebote, bringe ich hier eine Erklärung aus dem Buch Schemót, also aus dem neu erschienenen Band, die eine Stelle in dem Wochenabschnitt der kommenden Woche – Berejschít – erläutert.

Eine immer wiederkehrende Frage im Bezug auf der Schöpfungsgeschichte ist, wieso man an dem Schabbat, der nach Schemót 20:11 Andenken an dieser Schöpfungsgeschichte ist, ruhen muss? Wieso ruhte G”tt, der ja kein Körper hat und dem entsprechend nicht müde wird? Read the rest of this entry »


Wir sind für die Evolution!

October 9, 2009

DeutschDiese Evolution ist aber nicht die, die man üblicherweise mit diesem Nenner bezeichnet – dafür ist unser Beitrag zum Verständnis der menschlichen Evolution aber umso grösser.

Arie Folger

Der moderne Mensch unterscheidet sich von seinen Vorfahren aus dem vorindustriellen Zeitalter darin, dass er nicht nur passiv am Fortschritt teilnimmt (die Entwicklung verlief früher so langsam, dass kaum jemand sie bemerkte, obwohl man im Lauf der Zeit enorme Fortschritte machte), sondern ihn sich aktiv zu eigen macht. Er fürchtet den Fortschritt zwar (weil er ihm seinen derzeitigen Arbeitsplatz kosten könnte), aber er liebt ihn auch.

Die Torá lehrt, wie Gott dem Meschen befahl, sich fortzuentwickeln, nämlich in dem Auftrag פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ אֶת־הָאָרֶץ וְכִבְשֻׁה ‘seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan’ (Bereschít 1:28). Die Erde ist das Rohmaterial, mit dem die Menschheit ihre Kultur entwickelt. Read the rest of this entry »


Ein Verzeihungsgebet der 10 Busstagen im Licht des 9. Aw

September 16, 2009

DeutschGestern erschien in Basel die neuste Ausgabe der Selichót (Verzeihungsgebete) zu den Hohen Feiertagen, nach dem Brauch der elsässischen Gemeinden. Das Buch heisst “Kol Jehudá”, und obwohl dessen hebräischer Text der bisher gangbare Ausgabe gleicht, ist diese die erste Ausgabe der elsässischen Selichót mit deutscher Übersetzung. 20-30% der im Elsass üblichen Selichót werden nirgens anderswo gesprochen, so dass viele der Gebete nun zum ersten Mal in Übersetzung erscheinen.

Den Verfassern, der Familie Dr. Ronnie Fried und dem Geoldschmidt Verlag, wünsche ich hier ein herzliches Maseltów. Möge diese erfolgreiche Vollendung ein Zeichen sein, dass das neue Jahr voller Erfolgsgeschichten sein wird. Ins Hebräische passt hier der Satz תחלה שנה וברכותיה.

Eine Selichá, die während des 5. der 10 Busstagen gesprochen wird, die nur im elsässischen Brauch bekannt ist, ist #87, איל אחר נאחז בסבך – “Ein Widder war gefangen im Dickicht bei seinen Hörnern.” Ich habe das gute Glück gehabt, diese eher schwierige Selichá für das Kol Jehudá kommentieren und übersetzen zu dürfen. Leider ist über den Autor, Kalonymus beRabbi Jehudá, sehr wenig bekannt. Er ist kaum im Encyclopedia Judaica zu finden, als mitglied der Kalonymus-Familie, aber es gibt keine persönliche Angaben. Im Internet fand ich auch nichts.

Immerhin habe ich ihn genau am Fastentag des 9. Aw gefunden, weil er ein Klagelied zur Zerstörung der Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz durch die Kreuzfahrer, im Jahr 1096, schrieb. Das Klagelied, #40 im Rödelheim Kinót, ist als Bericht eines Augenzeugen geschrieben, was vermuten lässt, dass R’ Kalonymus ben Jehudá in einer diesen drei Gemeinden lebte und ein Überlebender jener Massenmord war. Gerne lerne ich mehr über diesen Autor. Schaná towá umtuká!


Judentum und westliche Gesellschaft im Einklang

August 16, 2009

DeutschDas ist also die Herausforderung: Da das Judentum mit vielen Werten der westlichen Welt im Einklang steht, aber auch in manchen Punkten nicht mit ihr übereinstimmt, stellt sich die Frage, ob wir die Ähnlichkeiten zwischen unseren jüdischen handlungsorientierten Leitlinien und der Umgebung betonen sollen oder die Unterschiede. Zwei Erziehungsziele stehen im Judentum im Vordergrund: unsere Zugehörigkeit zur jüdischen Vergangenheit zu akzeptieren und unsere fortdauernde Zugehörigkeit zum auserwählten Volk anzustreben.

–Arie Folger Read the rest of this entry »


Damit man uns nicht vergisst

August 7, 2009

DeutschWas sind die Herausforderungen des europäischen Judentums? Kann das europäische Judentum wieder glanzen, und wie soll es diesen Glanz entwickeln? Anbei folgendie notwendige Grundzüge einer europäischen jüdischen Identität, die aber lieber nicht in Museen und Judaistikzentren blühen wird – auch diese sind wichtig, aber spielen nur eine sekundäre Rolle -, weil wir nicht nur eine ruhmreiche Vergangenheit in Erinnerung beibehalten wollen, sondern eine Zukunft, dass wir nicht die Ausstellung des Museums werden, dass das europäische Judentum sich nicht versteinigt und nicht die Fehler des 19. Jh. wiederholt.

Am Anfang des neuen Schuljahres und in Vorbereitung zum europäischen Tag der jüdischen Kultur ist dieser Aufsatz hochst aktuell.

–Arie Folger, 7. August 2009 Read the rest of this entry »