Der fromme Vogel

August 1, 2008

flag-ch_de-tinyAnders als bei den grösseren Säugetieren, den Wassertieren und den kleinen Landtieren,1 gibt uns die Torá bei den Vögeln keine Kenn­zeichen dafür an, ob sie koscher sind. Stattdessen zählt sie zwanzig fliegende Wirbeltiere auf,2 die verboten sind. So könnten wir durch Elimination ermitteln, welche Vögel koscher sind.3 Der Talmúd analysiert die Liste (s. Talmúd Bawlí Chullín 63a-b). Er verbindet die biblischen Namen mit zeitgenössischen Bezeichnungen der Arten und entwickelt eine Reihe von Kennzeichen, durch die wir bestimmen können, ob ein Vogel koscher ist oder nicht.

In der Aufzählung der verbotenen Vögel fällt einer aus dem Rahmen,4 weil er eine positive Eigenschaft hat. Es ist die חַסִידָה, der Storch.5 Er heisst so, weil er seiner Familie mit חֶסֶד, liebevoller Güte, begegnet. Read the rest of this entry »


Von wahrer Zedaká

August 1, 2008

Retten und heilen

DeutschZu den besonderen Eigenschaften unseres Volkes gehört unsere Praxis, Zedaká zu tun (לַעֲשׂוֹת צְדָקָה). Wenn wir einen Blick auf Mitteilungsblätter und Quartierszeitungen in Israel werfen, dann staunen wir mit Recht über die Kreativität unseres Volkes, das treffend als רַחֲמָנִּים בְּנֵי רַחֲמָנִּים ’Barmherzige, Kinder von Barmherzigen’ bekannt ist. Eine Vielzahl von „Gemachim“ bemühen sich, zu helfen, zu unterstützen, zu trösten, zu erleichtern, zu heilen, zu retten oder wiederherzustellen, wo immer jemand das braucht. Für jedes Bedürfnis gibt es ein Angebot; niemand muss nach einer persönlichen Tragödie die Folgen einsam und allein tragen. Read the rest of this entry »


Die Halachá als Basis einer Gesellschaft der Liebe

August 1, 2008

flag-ch_de-tinyJom Kippúr, der „Versöhnungstag“, ist deutlich von Ritualen geprägt. Während dieses heiligen Tages verzichten wir für etwas mehr als fünfundzwanzig Stunden auf gewohnte körperliche Annehmlich­keiten wie Essen und Trinken, um den ganzen Tag lang unserem Schöpfer zu dienen. Wir beten, singen, lesen die Torá, hören vielleicht sogar einen Schi‘úr (religiösen Vortrag). Wir ziehen einen ganz weissen Kittel an, das Sargenes, umhüllen uns mit einem weissen Tallít und bedecken den Kopf mit einer weissen Kippá, und damit wenden wir uns wenigstens für diesen einen Tag von der auffallenderen Kleidung ab, die in Mode ist. Wir beschränken in dieser Zeit unseren Umgang mit anderen Menschen und vermeiden ganz allgemein Tätigkeiten, die uns zur Sünde bringen könnten. Man könnte sagen, dass wir einen ganzen Tag lang ein heiliges Leben führen, voller Spiritualität und ohne Materialismus.

Wenn wir bedenken, wie sehr die Traditionen von Jom Kippúr einen Rückzug aus dem gewohnten Leben betonen, wäre die Annahme naheliegend, dass es an diesem Tag um die Entwicklung der Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer geht. Read the rest of this entry »


Wunder alleine erwecken die Glaube nicht

August 1, 2008

DeutschIn dieser Predigt, ursprunglich an Schabbat Paraschát Mischpatím, 29. Schewát 5767 (17. Februar 2007), gesprochen, wird erforscht, weshalb die biblischen Wunder, wie etwa die des Exodus, nur während einer beschränkte Epoche vorgekommen sind – würden nicht viel mehr Leute G”tt anerkennen, wenn es noch heute solche Wunder gäbe? Read the rest of this entry »


Die wahre Schabbatruhe

August 1, 2008

DeutschDer Schabbat ist unser von Gott geschenkter Ruhetag. Genau wie unsere Vorfahren, die kaum einen Monat nach ihrem Auszug aus Ägypten den Schabbat als eine ihrer ersten Mizwót bekamen (s. Schemót 16:1, 16:4-30), erholen auch wir uns an dem Tag, der zugleich זִכָּרוֹן לְמַעֲשֵׂה בְרֵאשִׁית, ein Andenken an das Schöpfungswerk, und זֵכֶר לִיצִיאַת מִצְרָיִם, ein Andenken an den Auszug aus Ägypten, ist.

Nur erholen sich Sklaven und Landwirte anders als Stadtmenschen, die bereits vor Jahrtausenden befreit wurden. Unsere Paraschá lehrt לֹא־תְבַעֲרוּ אֵשׁ בְּכֹל מֹשְׁבֹתֵיכֶם בְּיוֹם הַשַּבָּת ’ihr sollt am Schabbat-Tag in allen euren Siedlungen kein Feuer anzünden’ (Schemót 35:3). Aber das Erzeugen von Feuer war in der Vergangenheit viel aufwendiger als heute; so wie wir es machen, ist hingegen das Anschalten eines Lichtes oder eines Ofens kinderleicht. Ist die genaue Einhaltung des Schabbats unter diesen Umständen noch sinnvoll? Read the rest of this entry »


Die Einheit von Ethik und Ritual

August 1, 2008

DeutschUnsere Tradition lehrt uns, dass wir in Bezug auf zwischen­menschliche Beziehungen besonders sensibel sein sollen, und so hat sich der Brauch entwickelt, dass wir einander vor oder an Jom Kippur um Verzeihung bitten.1 Sollen wir daraus schliessen, dass das, was dem Judentum wichtig ist, nur der zwischenmenschliche Bereich ist? Liegt das Wesen unserer Religion im Gesellschaftlichen und nur dort?

Manche behaupten das. Read the rest of this entry »


Die grösse des Sündenbekenntnis

August 1, 2008

Deutsch

אוֹר זָרוּעַ לַצַדִיק וּלְיִשְׁרֵי לֵב שִׂמְחָה
Licht ist gesät für den Gerechten,
und für die, die geraden Herzen sind, Freude.
(Tehillím 97:11)

Der Beginn von Jom Kippúr ist ein sehr ehrfurchtgebietender und ernster Moment. Jetzt wollen wir ein Paradox untersuchen: Jom Kippúr existiert, weil wir an den Menschen glauben. Wir glauben, dass der Mensch gerecht sein soll, und wir glauben, dass der Mensch gerecht sein kann.

Würden wir (wie manche anderen Religionen) an die Prädestination, die Vorherbestimmung glauben, dann hätten wir keinen Jom Kippúr, dann würden wir nicht an das menschliche Potential glauben. Es gäbe keinen Anlass, unsere Sünden zu bereuen, es gäbe keinen Grund, göttliche Verzeihung zu erwirken. Wir dagegen glauben an die Willensfreiheit, an die freie Wahl, und zugleich an die Verantwortung, die richtige Wahl zu treffen. Read the rest of this entry »


Die Spitze des Eisbergs von Sin’át chinnám

August 1, 2008

Deutsch

Die Ermordung von Yitzhak Rabin

Zum 10. Jaherstag seiner Ermordung

Vor zehn Jahren, am Vorabend des 12. Marcheschwán, stand Premierminister Yitzhak Rabin auf einer Tribüne auf dem Kikkár Malchéj Jissra’él und hielt eine Rede, in der er für Frieden mit den palästinensischen Arabern eintrat und sagte: „Gewalt höhlt die Basis der israelischen Demokratie aus. Man muss sie verurteilen und ausgrenzen. Gewalt ist nicht der Weg des Staates Israel. In einer Demokratie kann es Meinungsunterschiede geben, aber die Entscheidung fällt letztlich in demokratischen Wahlen […]“. Diejenigen, die er als Partner im Friedensprozess sah, unterstützte der Premierminister mit den Worten: „Ich möchte es ganz direkt sagen, dass wir auch unter den Palästinensern einen Partner für den Frieden gefunden haben: die PLO, die unser Feind war, und aufgehört hat, Terrorismus zu betreiben. Ohne Partner für den Frieden kann es keinen Frieden geben […]“.

Die nächsten zehn Jahre, von den Ereignissen jener Nacht an, waren durch innere Suche, Hoffnungen und Enttäuschungen gekenn­zeichnet. Im Rückblick leben wir jetzt in einer Welt, die wir damals nicht wollten. Fünf Jahre Intifada haben viele daran zweifeln lassen, dass die Bemerkungen des Premierministers über die Absichten der PLO zutreffend waren. Zehn Jahre nach jener Rede, nach den vielen Tunneln zum Zweck des Waffenschmuggels, nach der Manipulation von Journalisten, nach dem Schiff „Karin B“ voller (für die Palästinenser bestimmter) illegaler Waffen und dergleichen mehr, wäre es sehr leicht, zu leicht, den Blick auf das Unbeschreibliche zu richten und zu behaupten, dass der Premierminister und seine Partei sich vielleicht geirrt hatten.

Ich meine allerdings, dass wir die grössere, belastende Bedeutung des Mordes an Yitzhak Rabin nicht erfassen, wenn wir uns entweder auf den Mangel an prophetischen Gaben irgendwelcher Leute, einschliesslich der sogenannten Visionäre der Arbeitspartei, konzentrieren oder auf jenen einzigartigen Gewaltakt, den Mord an dem gewählten Premierminister Israels. Read the rest of this entry »


Für eine allumfassende jüdische Einheit

August 1, 2008

DeutschAn Rosch ha-Schaná 5766, wussten wir noch nicht, was für ein schreckliches Dekret über das Volk Israel verhängt werden würde. Wir ahnten nicht, dass zehn Monate später während des zweiten Libanonkrieges 3970 Raketen auf den Norden Israels niederregnen und 43 israelische Zivilisten sowie 119 Soldaten töten würden.1 Wir ahnten auch nicht, dass im Laufe des Jahres unzählige Qassam-Raketen fallen und unsere Brüder im Süden in Schrecken versetzen würden.

Die jüdische Antwort auf Tragödien lautet, dass es nötig ist, in sich zu gehen, Selbstkritik zu üben und die Loyalität gegenüber unserem jüdischen Volk, unserer Tradition und Awínu sche-ba-Schammájim, unserem himmlischen Vater, zu stärken. Ich werde darauf gleich zu sprechen kommen, aber zuallererst möchte ich laut und klar sagen, so dass es alle hören: מִי כְּעַמְּךָ יִשְׂרָאֵל ‘wer ist wie Dein Volk Israel’2 – denn es ist dies eine Zeit, mit Stolz jüdisch zu sein. Read the rest of this entry »


Jüdische Bitachón

August 1, 2008

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„Besser, Zuversicht in G”tt zu haben, als auf den Menschen zu vertrauen“ (aus dem Hallel)

Predigt zum Abschnitt Chajé Sará,
vom 24. Cheschwan 5766 (26. November 2005)
Rabbiner Arie Folger

Unser Vorvater Awrahám war ein besonderer Mann von grosser geistiger Gestalt. Von den zwanzig Generationen von Adam bis Awrahám werden nur die Geschichten von Nóach, der zehnten Generation, und Awrahám, der zwanzigsten Generation, ausführlich erzählt, denn diese waren keine einfachen Persönlichkeiten. (Mischná Awót 5:2) Awrahám war der grosse Denker, das geistige Oberhaupt der Menschheit (Berejschít 14:19 & 17:5), der der Welt das Verständnis, dass es nur einen G“tt gibt und dass Er sich auch für unsere Handlungen interessiert.1 Die Ereignisse seines Lebens und seine Dialoge mit G“tt sind deutlich voller Bedeutung und zeugen von Voraussicht.

Awaraháms Bemühungen, ein Grab für Sara zu erwerben, zeugen besonders von Voraussicht. G”tt hatte ihm gesagt:וְנָֽתַתִּ֣י לְ֠ךָ וּלְזַרְעֲךָ֨ אַֽחֲרֶ֜יךָ אֵ֣ת ׀ אֶ֣רֶץ מְגֻרֶ֗יךָ אֵ֚ת כָּל־אֶ֣רֶץ כְּנַ֔עַן לַֽאֲחֻזַּ֖ת עוֹלָ֑ם וְהָיִ֥יתִי לָהֶ֖ם לֵֽא־לֹהִֽים׃ – Und Ich werde dir und deinen Nachkomen nach dir das Land deines Aufenthaltes, das ganze Land Kenaan, zum ewigen Besitze geben, und Ich will ihnen G”tt sein (Berejschít 17:8). Awrahám wies das Geschenk von Efrón zurück und bestand darauf, die Höhle Machpelá zu kaufen. Warum? Wurde der grosse Denker, der Begründer der Dynastie Israels, der אַב־הֲמ֥וֹן גּוֹיִ֖ם – Vater vieler Völker (Ebd. Vers 4) – zynisch, G”tt behüte? Read the rest of this entry »