Nach welchem Prinzip wurden die Abschnitte der Tora organisiert?

June 9, 2017

Close-Up des Codex Leningrad – ein wesentlicher Manuskript des Tanachs aus dem 11. Jahrhundert

Austrian-German_Swiss_flags-tinyWenn wir Tora lesen, merken wir relativ schnell, dass sämtliche Abschnitte größere Einheiten bilden, in denen es eine Chronologie, eine zeitliche Reihenfolge gibt. So beginnt das Buch Berejschit mit der Erschaffung der Welt, erst nachher folgt die Sintflut und danach die Geschichte unserer Vorväter. Die Geschichte Abrahams kommt zuerst, bevor die Geschichten seines Sohnes Jitzchak und seines Enkels Jaakow erzählt werden. Das Buch schließt mit der Geschichte der vierten Generation.

Auch im Buch Schemot gibt es eine allgemeine zeitliche Reihenfolge: Die Israeliten werden versklavt und unterdrückt, Mosche wird unter diesen Umständen geboren, wächst auf, sieht das Leid seiner Brüder, flüchtet und kommt zurück, um sie auf Geheiß G“ttes zu erlösen. Ägypten lässt das Volk Israel nach zehn schrecklichen Plagen fortziehen, in der Wüste offenbart sich G“tt und vermittelt das Zehnwort, und das Volk Israel baut ein Stiftzelt, um die Präsenz G“ttes auch nach dem Wegzug vom Berg Sinai in ihrer Mitte genießen zu können. Es passt chronologisch. Eine ähnliche Analyse würde auch zu den anderen drei Büchern des Pentateuchs passen.

Dennoch passt das chronologische Modell nicht ganz. Read the rest of this entry »


Fremdlinge und Ansässige seid Ihr bei Mir – Zum Sinne des Buchs Wajikra

May 18, 2017

Anfang des Buchs Wajikra im Codex Aleppo

Austrian-German_Swiss_flags-tinyKönnen wir nun Speck essen? – fragte zuletzt ein Artikel in der israelischen Zeitung Haaretz, der behauptete, dass die Gesetze des Buches Wajikra vielleicht nur für die Kohanim (Priester) gemeint waren.1

Dass die Haaretz sich irrt, ist leicht zu beweisen. Viele Ge- und Verbote werden ausdrücklich an das gesamte Volk gerichtet („Spreche zu den Kindern Israels“), und ausgerechnet in diesem Buch begegnen wir vielen Ge- und Verboten zur Ehrlichkeit (Wajikra 19:11-13: „Ihr sollt einander nicht bestehlen, nicht belügen noch betrügen … nicht falsch schwören … deinen Nächsten weder bedrücken noch berauben…“) und den Wohltätigkeitsgesetzen, die selbstverständlich nicht nur für die Kohanim gelten.

Dennoch beweist der Artikel, was Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik vor einigen Jahrzehnten auf Jiddisch sagte Read the rest of this entry »


Die trockene Gebeine, die zum Leben erwachten (Gastbeitrag zur Haftara von Schabbat Chol haMo’ed)

April 13, 2017

Detail der Knesset Menora von Benno Elkan, der die Wiederbelebung der trockenen Gebeinen abbildet

Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Frau Dr. Chani HinkerDie Haftara am Schabbat Chol HaMo’ed Pessach beschreibt die Vision des im babylo­nischen Exil wirkenden Propheten Jecheskel (Ezekiel), die berühmt ist für ihr Versprechen der Auferstehung der „verdorrten Gebeine“ (Jecheskel 37:1-14).

Jecheskel befindet sich in einem Tal voll ver­dorrter Gebeine. Der Prophet spricht die Gebeine im Namen des Ewigen an: „Siehe, ich will einen Odem in euch bringen, dass ihr sollt lebendig werden … Ich will euch Adern geben und Fleisch lassen über euch wachsen und euch mit Haut überziehen … und ihr sollt erfahren, dass ich der Ewige bin“ (37:5-6). Die Knochen verbinden sich zu ganzen Skeletten, „es wuchsen Adern und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen“ (37:8). Aber das Tal liegt immer noch im Schatten des Todes. Read the rest of this entry »


Ist Heiligkeit ansteckend?

April 6, 2017

Austrian-German_Swiss_flags-tinySind die Gesetze der Tieropfer in der Tora nur arkane und in der heutigen Zeit nicht relevanten Regel und intellektuelen Merkwürdigkeiten? Oder können wir vielleicht sogar moralische Lehren für den Alltag aus den Einzelheiten dieser Gesetze ziehen?

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Welche Bedeutung haben Feueropfer heutzutage noch?

March 30, 2017

Austrian-German_Swiss_flags-tinyDas Thema der zwei ersten Wochenabschnitte des Buches Wajikra, fällt uns Kindern der Moderne schwer zu begreifen. Der Abschnitt Wajikra listet die unterschiedlichen Tieropfer, die ein Jude bringen konnte, und der Abschnitt Zaw erläutert, was die Kohanim (dynastische Priester) damit im Stiftzelt und später im Tempel in Jerusalem zu tun hatten. Dass wir uns schwer tun, es zu verstehen, überrascht nicht, schließlich liegt der Bejt haMikdasch, unser Heiligtum in Jerusalem und der heiligste jüdische Ort auf Erden, seit seiner Zerstörung durch die barbarischen Römer vor über 1900 Jahren, in Trümmern.
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Ner Tamid – Das ewige Licht

March 8, 2017

Austrian-German_Swiss_flags-tinyIn der Synagoge brennt ein Licht, dass nie ausgelöscht wird. Es brennt Tag und Nacht. Kommt man nachts oder frühmorgens in die Synagoge, bevor das Licht eingeschaltet wird, richtet sich unser Blick unmittelbar auf das kleine winzige Licht einer Glühbirne oder einer Öllampe, das einen großen Schatten an die Wände wirft.

Wer leider einen nahen Verwandten verloren hat, weiß, dass getrauert, Kaddisch gesprochen und ein Licht angezündet wird. Zahlreiche Leute zünden am Anfang der Schiwe-Trauerwoche eine Kerze an, die eine ganze Woche brennt, und andere Leute sorgen sogar dafür, dass diese Kerze wiederholt abgelöst wird, damit ein ganzes Jahr lang, bis zur ersten Jahrzeit, im Trauerhaus eine Kerze brennt.

Woher kommt der Gedanke des ewigen Lichtes und was symbolisiert es? Read the rest of this entry »


Wo wohnt G”tt?

March 1, 2017
Der Tempelberg - die heiligste Stätte auf Erden für das Judentum

Der Tempelberg – die heiligste Stätte auf Erden für das Judentum

Austrian-German_Swiss_flags-tinyIm Abschnitt dieser Woche, Teuma, befiehlt G”tt dem Mosche (Schemot 25:8): וְעָ֥שׂוּ לִ֖י מִקְדָּ֑שׁ וְשָׁכַנְתִּ֖י בְּתֹוכָֽם — Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, daß ich mitten unter ihnen wohne!

Dazu passt hervorragend ein Artikel meiner Wenigkeit, der im Dezember 2016 im Pfarrblatt St. Stephan veröffentlicht wurde. In den Worten des Verlegers: Der Tempelberg in Jerusalem, wo einst der Tempel Salomos gestanden hat, gilt bis heute als heiliger Ort der Begegnung zwischen Gott und den Menschen. Oberrabbiner Arie FOLGER über die Spannung von Transzendenz und Immanenz, das Goldene Kalb und das Bedürfnis nach einem Haus Gottes. Read the rest of this entry »


Hozaa weHachnassa — Bedeutungen und Bräuche des Aus- und Einheben der Tora

February 14, 2017

Torah - חגיגת_החומש

Austrian-German_Swiss_flags-tinyAls wir nach einem einjährigen Aufenthalt am Fuß des Berges Sinai zum Heiligen Land auf­brachen, ertönte ein Schofarschall, der verkündete, dass es nicht mehr verboten war, den Berg zu betreten (cf. Schemot 19:13); der Ort war nicht mehr heilig. Wohin ging die Heiligkeit jenes Ortes, an dem G”tt sich vor hunderttausenden und millionen Menschen mit Donner, Blitz, dichtem Nebel, Feuer und einer nicht aufhörenden Stimme offenbart hatte? Verschwand jene Heiligkeit? Einfach so? Read the rest of this entry »


Eine jüdische Reaktion zur Impfungsskepsis

February 13, 2017

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Austrian-German_Swiss_flags-tinyNicht zum ersten mal wird von einer kleinen Epidemie berichtet, die in einem orthodoxen Viertel irgendwo auf Erden ausgebrochen ist. So berichtet Tachles am 25. Jänner 2017:

Laut vorliegenden Berichten konzentrierte sich der Ausbruch der Masernerkrankung in Los Angeles County, Kalifornien, auf die orthodox-jüdische Gemeinde der Gegend. Rund zwanzig Personen sollen bei dem Ausbruch angesteckt worden sein, 18 von ihnen in Los Angeles County. 15 von ihnen kannten sich laut dem Gesundheitsdepartement des County entweder oder hatten eine «klare gesellschaftliche Verbindung», wie die «Los Angeles Times» berichtete. Keine der 18 Patienten konnte den Beweis für eine Impfung erbringen, wie Dr. Jeffrey Gunzenhauser vom Gesundheitsdepartement erklärte. Die meisten der Infizierten waren in ihren 20er Jahren, doch gehörten laut Zeitungsberichten auch junge Kinder und ältere Erwachsene zu ihnen. Der Ausbruch trug sich sechs Monate, nachdem Kalifornien ein striktes Impfgesetz verabschiedet hatte, zu. – 2015 erschien eine Keuchhustenerkrankung in charedisch-orthodoxen Gemeinden von Williamsburg und Borough Park, Brooklyn.

Was, „Keine der 18 Patienten konnte den Beweis für eine Impfung erbringen“, wieso?! Read the rest of this entry »


Die Macht des Gesanges – Gastbeitrag

February 9, 2017

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Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Oberkantor Shmuel Barzilai

Damals sang Mosche mit den Kindern Israels dieses Lied dem Ewigen.” (Schemot 15:01)

Gerade erst hatten die Benej Jissraël Ägypten verlassen und das große Wunder der Meeresspaltung erlebt, dann sangen sie ein Loblied, das wir Schira nennen. Die erste Frage, die sich hier stellt ist, was ist an einer Schira, einem Loblied, so beson­ders, das genau dieses die erste Reaktion auf das Wunder war? Die zweite Frage ist, wieso singen die Benej Jissraël erst jetzt? Waren die Wunder um den Auszug von Ägypten nicht genug um ein Loblied anzustimmen? Read the rest of this entry »