Das Buch Kohelet: wenig bekannt aber sehr einflußreich – Gastbeitrag

October 21, 2016
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Seite mit dem Anfang des Buchs Kohelet, aus der Cervera Bibel, die 1299- 1300 geschrieben wurde. (Portugesische Nationalbibliothek)

Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Frau Dr. Chani Hinker

Jedes Jahr, inmitten der Freude des Sukkotfestes, der Sman Simchatenu, am Schabbat Chol Ha-Mo’ed Sukkot, wird in vielen Synagogen das Buch Kohelet gelesen. Unsere Weisen nehmen einstimmig an, dass Schlomo Ha-Melech (der König Solomon) der Verfasser dieses philosophischen und intellektuellen Buches ist, das er am Ende seines Lebens schrieb.

Sefer Kohelet beeinflusste Werke der Weltliteratur, von Shakespeares Sonetten über Goethes Faust, von Tolstois Bekenntnissen bis zu Thomas Wolfe und Ray Bradburys Fahrenheit 451. Abraham Lincoln fand es passend, während der dunklen Stunden des amerikanischen Bürgerkrieges, in seiner State of the Union Rede am 1. Dezember 1862 Kohelet 1:4 zu zitieren. Read the rest of this entry »


Tabula rasa oder Rechenschaft abgeben?

October 7, 2016
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Detail von Michael Willmann (1630-1706), “Creation of the World”

Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Rabbiner Schlomo Hofmeister

Bereits an Rosch HaSchana, dem Jahrestag der Weltschöpfung, haben wir zu Mussaf im „Unessanne Tokef“ gesagt: „An Rosch Ha-Schana wird einge­schrieben, und an Jom Kippur besiegelt: wie viele aus dieser Welt scheiden werden und wie viele erschaffen werden; wer leben wird und wer sterben wird.“ Dieser bereits aus spät-talmudischer Zeit stammende Pijut (poetische Einfügung im Gebet) scheint das Paar der Hohen Feiertage in eine logische Reihenfolge zu ordnen: Rosch Ha-Schana, der “Jom Ha-Din” (Tag des Gerichts), gefolgt von Jom Kippur, dem Tag der endgültigen Urteilsverkündung ─ an dem Schuld­geständnisse, ehrliche Einsicht und echte Reue auch das schlimmste Urteil noch in einen Freispruch umzuwandeln vermögen.

Aber würde es denn nicht viel mehr Sinn machen und auch in unserem Interesse sein, das doch auch dem Lieben G”tt sehr am Herzen liegt, das alte Jahr mit dem Jom Kippur abzuschließen, damit wir bereits mit dem von uns allen erhofften Freispruch in der Tasche, alle Schuld vergeben, das neue Jahr an Rosch Ha­Schana, somit einem für uns unbedenk­lichen Jom Ha-Din, beginnen können? Read the rest of this entry »


Liegt die Bedeutung des Kol Nidrej auch in seiner Melodie? – Gastbeitrag

October 7, 2016
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Ausschnitt aus “Juden beten in der Synagoge an Jom Kippur” ─ Maurycy Gottlieb (1856-1879)

Austrian-German_Swiss_flags-tinyGastbeitrag von Shmuel Barzilai, Oberkantor der IKG Wien.

Jom Kippur, der wichtigste und heiligste Feiertag der Juden, wird am Vorabend mit dem Kol Nidrej eröffnet.

Die Melodie von Kol Nidre ist die be­liebteste und bekannteste aller jüdi­scher Melodien weltweit, und sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie von einem Komponisten mit besonderen Talenten geschaffen wurde. Diese Melodie hat sicher nicht wenig zum Ausmaß der Bekanntheit des Kol Nidrej beigetragen.

Was bewegt die Menschen beim Sprechen dieses Textes, wo es doch am Jom Kippur viele an­dere gleich­wer­tige und sogar vom Inhalt bedeu­tungs­vollere Ge­bete gibt? Was ist das Geheimnis dieses Gebetes, wann be­gann man es zu sagen, wo­her stammt es und wer schrieb wann die Musik dazu? Read the rest of this entry »


Was ist ein Bund?

September 30, 2016

Austrian-German_Swiss_flags-tinyDer Begriff Bund ist in unserer Parascha ganz groß geschrieben. Ihr alle steht heute vor dem Ewigen … um einzutreten in den Bund des Ewigen … ich schließe diesen Bund und diesen Eid nicht mit euch allein, sondern sowohl mit euch, die ihr heute hier seid …, als auch mit denen, die heute nicht bei uns sind. (Dewarim 29:10-15). Dieser Begriff des Bundes ist dem andächtigen Leser der Tora nicht fremd. Schon mit Noach und später mit Awraham schloss G”tt Bündnisse. Nach dem Auszug aus Ägypten schloss G”tt weitere Bünd­nisse mit unseren frisch aus der Sklaverei befreiten Vorfahren, und nun schließt G”tt wieder einen Bund mit deren Kindern. Was aber ist ein Bund, und was ist das Besonderes an diesem Bund unserer Parascha? Read the rest of this entry »


Was sucht eine persönliche Bitte in der öffentlichen Vortragung des Mussafgebetes? – Gastbeitrag

September 30, 2016
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Das Rosch ha-Schana-Gebet ─ Bernard Picard (1673-1733)

Austrian-German_Swiss_flags-tinyGastbeitrag von Shmuel Barzilai, Oberkantor der IKG Wien.

Jeder, der sich ein bisschen in der Welt der jüdischen Melodien auskennt, weiß, dass es keine schöneren Melodien als die für die Rosch Ha-Schana- und Jom Kippur-Ge­bete gibt. Nicht nur die Worte der Gebete, sondern auch die musikalische Umrahmung und die mys­tischen Klänge führen dazu, dass diese Gebete einer höheren, g’ttlichen Macht entsprungen zu sein scheinen.

Aus den Melodien der Hohen Feiertage klingen die Stimmen von früheren Generationen heraus, die in Herz und Seele dringen und das Antike an den Melodien bezeugen. Read the rest of this entry »


Die konföderierte Selichot

September 23, 2016

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Austrian-German_Swiss_flags-tinyNach dem amerikanischen Bürgerkrieg besuchte der einst erfolgreiche General Lee des konföderierten Heeres den Bundesstaat Kentucky. Dort traf er eine Frau, die ihm die Überbleibsel eines früher wunderschönen, mächtigen Baumes zeigte. Die Frau erklärte unter bitteren Tränen, wie die Äste und sogar der Stamm des Baumes durch Artilleriefeuer der Unions-Truppen völlig zerstört wurden. Sie schaute Lee an, in der Hoffnung eine Verurteilung des Nordens zu hören, oder wenigstens Anteilnahme für ihren Verlust zu erfahren. Nach kurzem Schweigen aber antwortete Lee: „Fällen Sie ihn, meine liebe Frau, und vergessen Sie ihn. Es ist besser, die Ungerechtigkeit der Vergangenheit zu vergessen und vergeben, als ihr zu erlauben, sich tiefer einzuwurzeln und das ganze weitere Leben zu vergiften.“ (aus: Lee – The Last Years von Charles Bracelen Flood)

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Theologie: Wie belohnt G”tt uns für die Einhaltung der Mizwot? – Gastbeitrag

September 23, 2016
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Weizenacker nach dem Regen (1890), Vincent van Gogh

Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Rabbiner Schlomo Hofmeister

Wann immer die Tora von Belohnung und Bestrafung spricht, werden diese beiden Konzepte in physischen Masstäben beschrieben; so beispielsweise die Zusage, dass es – als Belohnung der Befolgung der Mizwot – zur richtigen Zeit regnen und eine gute Ernte geben wird. Warum spricht die Tora nicht von der weitaus bedeutsameren, der spirituellen Belohnung in der zukünftigen Welt? Read the rest of this entry »


Parascha und Politik – Jefat Toar

September 16, 2016

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Wie eine Mizwa, die seit Jahrtausenden nicht umgesetzt wird, zum brennenden Thema der israelischen Politik wurde

Unter den Themen unserer Parascha finden wir eines, das vor einigen Wochen für Aufsehen und heftige Diskussionen in der israelischen Politik sorgte: Das Gesetz der „schönen Kriegsgefangenen“ ­–­ die Jefat Toar.

Als Mitte Juli Oberst Eyal Karim zum Oberrabbiner der israelischen Verteidigungskräfte designiert wurde, veröffentlichte die Tageszeitung Yediot Acharonot einen Artikel, in dem behauptet wurde, dass der werdende Oberrabbiner Read the rest of this entry »


Blasen wir bereits Schofar? – Gastbeitrag

September 16, 2016

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Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Rabbiner Schlomo Hofmeister

[Wer derzeit die Synagoge besucht, hört am Ende des Morgengebetes, und in manchen Synagogen auch am Ende des Abendgebetes den Schofarschall, obwohl es noch längst nicht Rosch ha-Schana ist (na ja, “längst” ist relativ). Wieso? Übt man etwas vor dem großen Auftritt? Rabbiner Hofmeister erkundigt Bräuche des Monats Elul und klärt für uns diese zwei Erscheinungen auf. ─AF] Read the rest of this entry »


Soll die Reue auf Jom Kippur warten? – Gastkommentar

September 9, 2016
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Eine Synagoge, die für die Hohe Feiertage in Weiß geschmuckt ist.

Austrian-German_Swiss_flags-tinyVon Rabbiner Schlomo Hofmeister

Klar, Teschuwa (Umkehr und Reue) ist wichtig. Deshalb sprechen wir an Jom Kippur acht mal das lange Sünden­bekenntnis ‘Al Chet (neun, wenn wir die Nachmittag vor Jom Kippur dazu zähl­en): eine ellen­lange Liste von Sün­den, einschließ­lich solche, die man be­ging, solche, die man nicht beging, und solche, die man leider ge­neigt sein könnte, sie begehen zu wollen. Aber sicher reicht ein Tag dafür, wozu sollen wir 10 Bußtage von Rosch ha-Schana bis Jom Kippur haben. Und über­haupt, wozu braucht man noch vor Rosch ha-Schana einen ge­samten Monat Elul als Teschuwa-Monat? Read the rest of this entry »